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Grüne-Talk bei Anne Will: Warum Annalena Baerbock nicht auf Umfragewerte schaut

„Anne Will: ‘Bundes-Notbremse‘ in Kraft – Durchbruch oder ‚Tiefpunkt‘ in der Pandemiepolitik?“ ARD, Sonntag, 25.April 2021, 21.45 Uhr.

Die Grüne-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock hat in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag die ungewöhnliche Behauptung aufgestellt, ihre Partei habe sich in der Vergangenheit nicht an Meinungsumfragen ausgerichtet und wolle das auch jetzt nicht tun.

Wörtlich sagte die Co-Vorsitzende: „Wenn wir selber definieren wollen, wie soll sich dieses Land verändern, können wir uns nicht an anderen orientieren. Deswegen haben wir in den letzten Jahren nicht auf Umfragewerte geschaut, und deswegen schaue ich jetzt nicht so sehr auf Umfragewerte.

Die frischgebackene Kanzlerkandidatin kam zum Vorstellungsgespräch in die Sonntags-Talkshow. Die Gästeliste:

Baerbock warnt seit Wochen, Deutschland werde das Leben im Ausnahmezustand auf Dauer nicht aushalten.

Bundesjustizministerin a.D. Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) kämpfte auch in dieser Talkshow zäh um unsere bedrohten Freiheitsrechte.

Gabriel Felbermayr, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), kritisierte die Bundesgeldspritzen: „Die Profiteure sind die Banken, die Versicherer und die Vermieter!“

Die Physikerin Viola Priesemann forscht seit Jahren zu Ausbreitungsprozessen aller Art und warnte eindringlich vor neuen Corona-Varianten.

Der Politologe Prof. Wolfgang Merkel kritisierte, dass die Grünen nicht mehr wirklich Oppositionspartei seien.

Die Talkmasterin fackelte nicht lange und warf gleich den Gender-Grill an, allerdings etwas anders, als die gläubige Gemeinde es gewohnt ist. Ihre erste Frage an die Grüne: „Irgendwie steht jetzt doch ganz blöd im Raum, Sie seien es nur geworden, weil Sie eine Frau sind. Kriegen Sie das noch mal abgeräumt?“

Baerbock machte erst mal auf heiter: „Mein Geschlecht werde ich nicht ändern, auch nicht in den nächsten sechs Monaten!“ witzelte sie.

Gretchenfrage des Abends

Dann aber wurde die Kanzlerkandidatin gleich wieder ernst: „Natürlich hat die Frage von Emanzipation auch eine Rolle gespielt, gerade in diesen Zeiten“, gab sie zu. „Aber der alleinige Grund ist es nicht gewesen!“

Prompt zitierte Will aus einem Interview des Verlierers in der „Zeit“: Zwei Stunden nach der Entscheidung habe Robert Habeck gesagt, „dass Annelena eine Frau ist, in einem ansonsten männlichen Wahlkampf, war ein zentrales Kriterium.

Schon geht der Zoff los

Die Talkmasterin bohrte sich ohne Betäubung an den Nerv:  Diese „Überbetonung“ zeige doch, dass ihr Sieg vor allem der Sieg einer Frau sei.

Baerbock zog eine Schnute. „Wenn Sie das so sehen!“ murrte sie unlustig. „Also ich sehe das nicht so!“

Kurvigstes Ausweichmanöver

Dann wollte die Grüne das Interview auf bequemere Pfade lenken: „Natürlich habe ich mich persönlich geprüft: Was braucht es alles für dieses Land, für diesen Job?“

Dazu zählte sie auf: „Durchsetzungsfähigkeit und Entschlossenheit, aber auch Empathie und Menschlichkeit.“

Ihr Selling Point: „Einen Blick für die unterschiedlichen Menschen in diesem Land, einen klaren Kompass, wie wir dieses Land erneuern – alles das bringe ich mit!“

Wortreichste Erklärung

Die Talkmasterin ließ sich jedoch nicht abschütteln: „Das ist es also: Die Durchsetzungsfähigkeit, die Sie sich zugestehen. Auch im Unterschied zu Robert Habeck?“ stieß sie nach.

„Es ging für uns nicht um ‚Wer ist besser‘, behauptete Baerhock und schüttete volle Kanne Parolen aus: „Schwierige Situation … lange Zeit im Team … Diese Partei erst mal erneuern … öffnen für die Breite der Gesellschaft … Wo man viel im Vertrauen zusammenarbeitet … Dann zu sagen: Einer tritt einen Schritt vor…“

Aber, das durfte nicht fehlen: „Das wird ein schwieriger Weg, und das schaffen wir nur gemeinsam, nicht nur Robert und ich, sondern die ganze Partei und mit vielen, viele Menschen in diesem Land.“ Trotzdem: Es kann nur eine geben!

Interessanteste Sprachwende

Dann sollte Baerbock ihre wichtigsten Vorzüge beschreiben. „Ich habe einen klaren Kompass, wie wir gemeinsam dieses Land erneuern können“, begann sie.

Weiter kam sie aber erst mal nicht, denn Will unterbrach sie, um mit Verspätung einen ungewohnten Begriff zu implementieren: „Aber nachher im Kanzleramt oder, das Kanzlerinnenamt ist es dann wahrscheinlich…“

Hm, Kanzlerinnenamt! Sechzehn Jahre Merkel haben nicht ausgereicht, um die feminine Benennung der Regierungszentrale im deutschen Talksprachgut zu verankern. Jetzt aber machen sechs Monate öffentlich-rechtliches Turbo-Gendern das mühelos wett.

Kühnste Ankündigung

Ich trete ganz bewusst für einen neuen Führungsstil an“, verkündete die Grüne danach und reihte Banalitäten aneinander: „Man muss den Menschen zuhören. Ihnen was zutrauen. In Krisensituationen bereit sein, unterschiedliche Perspektiven sich anzuhören…“

Aber tun das nicht alle? „In ganz große Krisenmomenten“, so forderte Baerbock, müsse sie  „auch den Mut haben, zu sagen: Das entscheide ich jetzt in meiner Verantwortung!“

Aufschlussreichste Aufzählung

„Auch das ist etwas, was ich stark mitbringe“, warb die studierte Völkerrechtlerin weiter. „Nicht nur Wirtschaftspolitik und Außenpolitik, sondern in diesen Zeiten braucht‘s vor allem eine starke Gesellschaftspolitik. Der soziale Kitt ist das, was uns durch diese Krise getragen hat.“

Und, sechs Minuten nach Beginn der Show, sagt sie endlich auch: „Das große Thema ist die Klimakrise!“

Ironischste Nachfrage

Die Talkmasterin wollte noch mal zu Habecks Interview zurück: „Er zählt darin auf, was er alles kann, nämlich Koalitionsverhandlungen erfolgreich zu Ende führen und regieren. Damit lenkt er den Blick auf Ihre Defizite. Hilft Ihnen das?“

Baerbock griff zum Wasserglas und versuchte die Frage wegzulächeln: „Interessant, wie Sie das wahrgenommen haben!“

„Wie haben Sie es denn wahrgenommen – als Hilfestellung?“ provozierte Will.

„Ja!“ behauptet Baerbock glatt. Ui!

Schönster Schwurbelanfall

„Wirklich!“ staunte Will.

„Es ist ja Fakt, ich habe bisher noch nicht regiert“, räumte die Grüne notgedrungen ein. Aber: „Robert Habeck hat Regierungserfahrung, und deswegen ist es doch nur sinnvoll, dass wir in Vorbereitung dieser gemeinsamen Regierungsverantwortung unterschiedliche Aspekte mit einbringen!“

Uff! Zeit für die Bundesblödsinnbremse? Nein,

die Talkmasterin ließ den Redequell ungerührt weitersprudeln.

„Robert Habeck wird in den nächsten Monaten Koalitionsverhandlungen schon mal vorbereiten“, fügte Baerbock hinzu. Heißt: Da hat der Mann was zu tun.

Ungewöhnlichste Ausrede

„Wenn Regierungserfahrung der einzige Garant dafür ist, Dinge wirklich neu und besser zu machen, dann könnte die GroKo einfach weiterregieren“, schob die Grüne trotzig nach.

„Die anderen Kanzler und die Kanzlerin hatten reichlich Regierungserfahrung und haben darunter nicht gelitten“, ätzte Will.

Baerbocks Antwort: „Wenn man weltweit schaut, ist es doch so, dass in anderen Ländern andere Kulturen herrschen. In den USA kommt es immer mal wieder vor, dass Präsidenten antreten, die vorher Senatoren waren, oder andere Funktionen innehatten, in Neuseeland haben wir das gesehen...“

Echt jetzt, Leude? Das passende Beispiel für Baerbocks These von Innovation durch Unerfahrenheit wäre Trump, und der taugt nun gerade nicht als Vorbild für eine grüne Politik!

Verräterischste Begründung

„Für mich ist es nichts, wenn ich einfach sage, ich kopiere jetzt alle Kanzlerschaften in der Bundesrepublik Deutschland, die es vorher schon gab“, fügte die Kanzlerkandidatin hinzu. „Warum soll ich dann antreten? Dann bin ich einfach eine Kopie von anderen!“

„Weil Sie damit vielleicht die beste Kandidatin für das Amt wären“, warf die Talkmasterin ein.

„Ich bin jemand, der sehr lernfähig ist“, erwiderte Baerhock. „Ja, das sind Verantwortungsbereiche, die ich nicht mitbringe. Dafür kann ich anderes. Ich habe großen Respekt und große Demut.“

Wichtigste Statements

Nach dem Star kamen die Nebendarsteller dran. Prof. Merkel nannte die Enthaltung der Grünen bei der Abstimmung über das Infektionsschutzgesetz einen „Tiefpunkt der Demokratie“.

Felbermayr fragte: „Brauchen wir nicht endlich eine Strategie, die nicht nur auf das Zusperren abzielt?“ Leutheusser-Schnarrenberger berichtete, dass gegen die Ausgangssperre bereits 40 Verfassungsbeschwerden anhängig sind. Uff!

Unwillkommenstes Schlusswort

„Geben Sie mir noch zwanzig Sekunden!“ sagte Pandemieexpertin Priesemann zu Will und brachte schnell noch eine brisante Botschaft unter: „Die Impfung schützt nicht zu 100 Prozent dagegen, dass man das Virus weitergibt!

Denn, so die Wissenschaftlerin: „Escape-Varianten werden sich bei denen besonders gut ausbreiten können, die schon geimpft sind, wenn sie nicht getestet werden. Deswegen ist die Frage auch an die Juristen: Wieviel Übertragung lassen wir noch zu?“

Immerhin: „Wir haben auf jeden Fall das Recht zur Unvernunft“, stellte sie klar. „Das ist wie beim Rauchen eine Güterabwägung jeder einzelnen Person!“

Fazit: Erst eine One-Woman-Show mit teils unterkomplexen  Antworten, die kniffligsten Fragen wurden wortreich weggeatmet. Danach gründliches Stoßlüften bis kurz vor dem Allesdichtquatschen, und die Talkmasterin arbeitete fleißig an einem Alleinstellungsmerkmal als Kneifzange: Das war ein Talk der Kategorie „Joah, kann man so machen“.

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