Geschichte

Frankfurt 1945: Heldenmut und Feigheit, Dummheit und Grausamkeit

4.Folge der Serie über das Ende des Zweiten Weltkriegs im Rhein-Main-Gebiet. Die Nazi-Bonzen ziehen Wehrmachtsuniformen an und hauen ab. Die tapferen Soldaten wollen den sinlosen Widerstand aufgeben, doch Goebbels schäumt: „Das vergesse ich der feigen Westmark nie!“

Montag, 26.März 1945: Am Vormittag geht Gustav Hehn, 26 Jahre alt und wegen seiner Baufirma u.k. gestellt, auf der Thälackerstraße in Griesheim zum nördlichen Mainufer. Seine Frau ist hochschwanger, und er hat versprochen, Verwandten auf der anderen Mainseite Zeichen zu geben, ob das Kind schon da sei. Plötzlich landet am Ufer ein Ruderboot mit einem amerikanischen Offizier und zwei Soldaten. Sie erklären ihm auf Deutsch, sie hätten Befehl, mit dem Bürgermeister oder der Polizei zu sprechen, damit diese weiße Fahnen hissen.

Leichter gesagt als getan: Als Stadtteil von Frankfurt hat Griesheim keinen eigenen Bürgermeister, das Polizeirevier ist verrammelt und verlassen, und der evangelische Pastor, an den sie sich schließlich wenden, fühlt sich nicht befugt. „Die Ami-Soldaten gingen dann unverrichteter Dinge zurück zum Main und ruderten wieder auf die andere Seite“, schildert Gustav Lerch in seinem Erinnerungsbuch „Kein Deutscher fällt in die Hände des Feindes – Frankfurt am Main, März 1945“, „es waren wahrscheinlich die ersten Amerikaner, die Frankfurter Gebiet betraten.“

So unspektakulär verläuft der erste Kontakt zwischen Siegern und Besiegten, doch noch immer sind deutsche Soldaten in der Stadt, und in den allerletzten Kriegstagen häufen sich Beispiele von Heldenmut und Feigheit, Dummheit und Grausamkeit.

Die Übermacht der Amerikaner im Rhein-Main-Gebiet ist erdrückend. Die 6.US-Panzerdivision rollt über Langen auf Frankfurt zu, die 90.Division steht in Mainz, die 5.Division erreicht bei Rüsselsheim, die 4.Panzerdivision bei Hanau den Main, und die 26.Division zieht in Darmstadt ein – die kampfesmüden, zerschlagenen, schlecht ausgerüsteten und oft völlig unerfahrenen deutschen Truppen sind chancenlos.

Doch Hitler hofft immer noch auf die wundersame Wende. Der Fall von Groß-Gerau inspiriert den Diktator zu einem seiner berüchtigten „Führerbefehle“: „Jeder, der keinen Widerstand leistet, muss gehängt werden, gleichgültig ob Soldat oder Zivilperson. Der Besitz von Hessen ist kriegsentscheidend!“

Hitlers Kreaturen gehorchen bis zuletzt. Der SS-Brigadeführer Kurt Ellersiek lässt den 25jährigen Obergefreiten Tresen, der ohne Marschpapiere in seinem Fahrzeug angetroffen wird, sofort exekutieren. Lerch: „Hierbei tat sich ein Scharführer besonders hervor, indem er dem am Boden liegenden, tödlich getroffenen Obergefreiten noch den Fangschuss gab.“

„Für Brigadeführer Ellersiek waren damit die Kampfhandlungen beendet, und er setzte sich mit der Kreisleitung nach Norden ab, um in Fulda unterzutauchen“, berichtet Lerch weiter. „Zur gleichen Zeit bereitete sich auch Reichsstatthalter Jakob Sprenger auf seinen Abschied vor. Nachdem er alle Vorräte an Kognak, Zigaretten und anderen Kostbarkeiten, die der Zivilbevölkerung schon seit Jahren vorenthalten wurden, im Hofe der Parteileitung an die Getreuen verteilt hatte, ließ er die Gauleitung anzünden und fuhr mit seinen trunkenen Gefolgsleuten in Richtung Bad Nauheim ab.“

In der Stunde der Niederlage zeigen die Nazis ihr wahres Gesicht: Sie sind grausam und feige. „Zuvor hatten sie sich beim Heeresbeschaffungsamt in Frankfurt 300 Wehrmachtsuniformen bestellt“, schreibt Lerch, „um ihre ‚Goldfasantracht’ in solche aus schlichtem Grau einzutauschen und so später, als einfache Soldaten getarnt, besser in Kriegsgefangenschaft untertauchen zu können.“ Dem überall bekannten Reichsstatthalter nutzt das allerdings wenig, und nach seiner Flucht nach Tirol richtet er sich selbst.

Vor Frankfurt wird erbittert gekämpft. In Germersheim verteidigt die 17.SS-Grenadierdivision hartnäckig den letzten deutschen Brückenkopf auf der linken Rheinseite und sichert so den geschlagenen Resten der 1. und 7.Armee den Rückzug. Zum Schluss meldet sich dort ein Geschützführer mit seiner Mannschaft – er hat seine Panzerabwehrkanone 56 Kilometer weit zu Fuß zurückgebracht.

Als letzte Einheit rollt die schwere Panzerjagdabteilung 653 mit den fast 80 Tonnen schweren Jagdpanzern „Elefant“ über den Strom. Propagandaminister Goebels aber hat im „Großdeutschen Rundfunk“ für die Tapferkeit dieses letzten Aufgebots nichts als Verachtung: „Das vergesse ich der feigen Westmark nie!“ schäumt er über den Rückzug. Der Krieg auf dem Westufer ist beendet – und Frankfurt plötzlich Frontstadt.

Morgen: SS-Leute ermorden 81 weibliche Gefangene mit Genickschüssen.

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