Geschichte

Frankfurt 1945: Der schwerste Angriff seit der Landung in der Normandie

  1. Folge der Serie über das Kriegsende in Hessen. „Die Parole der Frankfurter beim Einmarsch der Amerikaner lautete: Lasst uns küssen und gute Freunde sein!“ schreibt Propagandaminister Goebbels wütend in sein Tagebuch.

Karsamstag, 31.März 1945. Frau Götzelmann aus der Schillstraße 7 im Gutleutviertel hat schon einiges mitgemacht: Am Tag zuvor hat sie ein US-Soldat im Keller bedrängt: „You ficky!“ – nur knapp konnte sie entwischen. Dann eilt sie auf die Straße, um sich von einem toten Pferd ein Stück Fleisch abzusäbeln, aber als sie ankommt, liegen dort nur noch der Kopf und die Hufe.

Enttäuscht kehrt sie nach Hause zurück – und kann nicht mehr in ihre Wohnung, denn dort haben sich inzwischen US-Soldaten eingenistet. Als die Eroberer endlich weiterziehen, ist alles verdreckt. Auf dem Boden steht eine große Schüssel mit einem Deckel darauf. „Sie dachte schon, die Amis hätten ihr ein Geschenk hinterlassen“, schildert Gustav Lerch in seinem Erinnerungsbuch „Kein Deutscher fällt in die Hände des Feindes“, „doch es waren nur ihre Exkremente, denn die Soldaten aus Amerika benutzten aus unbekannten Gründen nicht die Toiletten des Hauses.“

Die weitaus meisten Menschen in der schwer zerstören Stadt sind froh, dass der Krieg vorbei ist: „Die Parole der Frankfurter beim Einmarsch der Amerikaner lautete: Lasst uns küssen und gute Freunde sein!“ schreibt Propagandaminister Goebbels wütend in sein Tagebuch. „Aber wie kann einen das verwundern, wenn Sprenger, bevor der Feind überhaupt in Sicht war, aus Frankfurt abgehauen ist und die Stadt ihrem Schicksal überließ!“ Jakob Sprenger, NS-Gauleiter von Hessen-Nassau und Reichsstatthalter von Hessen, Trunkenbold, Weiberheld und fanatischer Judenhasser, begeht später in Kössen (Tirol) Selbstmord, als er den Amerikanern auch dort nicht entkommen kann.

Leicht fällt den haushoch überlegenen US-Truppen die Eroberung Frankfurts nicht: Für die 5.US-Infanteriedivision, die einen roten Diamanten im Wappen führt, ist der Übergang über den Main sogar der schwerste Angriff seit der Landung in der Normandie. „Through heavy fire the Diamonds ran / and met the Jerry man to man”, reimt ein Gedicht in der Divisionsgeschichte: “Durch schweres Feuer rannten die Diamonds an / und kämpften mit den Deutschen Mann gegen Mann!“

Anderswo im Rhein-Main-Gebiet geht der Krieg auch nach der Eroberung Frankfurts weiter. In der Festung Aschaffenburg halten versprengte deutsche Einheiten sogar dem Ansturm dreier US-Divisionen stand. Die letzten Verteidiger um Major Emil Lamberth ergeben sich am Ostersonntag.

„Erstaunt waren die Amerikaner, dass das Schloss, um das sie tagelang gekämpft hatten, von nur 52 Mann verteidigt worden war“, berichtet Heinz Leiwig in „Finale 1945 Rhein-Main“. Besonders tragisch: „Als der an der Hüfte verletzte Kommandant sich an die schmerzende Stelle fasste, vermutete der ihn bewachende GI, dass er nach seiner Waffe greifen wolle, und schoss ihn nieder.“

Die vorrückenden US-Truppen sehen apokalyptische Bilder. „Auf der Hauptstraße lag eine Frau tot am Steuerrad ihres verbeulten und lahm geschossenen Wagens“, schreibt Kriegsberichter James Cannon in der US-Soldatenzeitschrift „Stars and Stripes“ über die Eroberung Lauterbachs. „Es gab etwas Maschinengewehrfeuer, und die Fetzen flogen. Aber als die Panzer durchgefahren waren, kamen die Leute wieder zum Vorschein. Einige Frauen trugen Markttaschen, Kinder hüpften Seil, ungefähr 100 Fuß von einem toten Nazi-Unterführer entfernt. Männer saßen auf den Stufen und rauchten Pfeife.“

Die Leiden der Frankfurter sind noch nicht zu Ende: Es gibt Hunger und Krankheit, und viele Menschen müssen ihre Häuser räumen, weil US-Militär dort einzieht. Manche haben ihre NS-Uniformen, Dolche, Parteiabzeichen oder Hitlerbilder im Vorgarten vergraben. Nun buddeln die Amerikaner den Kram wieder aus – nicht als Beweisstücke, sondern als Souvenirs.

Überall liegen Patronenhülsen und Granatsplitter herum. An der Wilhelmsbrücke sind es so viele, dass ein US-Colonel meint, man brauche sich nur zu bücken, um eine Handvoll davon aufzuheben. Die berühmte amerikanische Fotografin Margaret Bourke-White macht Aufnahmen für „Life“. Reporter fragen eine Frankfurterin, was sie tun würde, wenn der „Führer“ jetzt hier wäre. „Ich würde Hitler mit eigenen Händen aufhängen!“ ruft sie erbittert.

Noch in letzter Stunde fallen Menschen unglaublichen Tragödien zum Opfer. Eine Gruppe Ostarbeiter hat sich bei der I.G. Farben in Hoechst Methylalkohol beschafft und feiert die Freiheit mit dem giftigen Zeug – kurz darauf sind die meisten tot; sie werden auf dem Sossenheimer Friedhof begraben. Manchmal explodieren Blindgänger, stürzen Ruinen ein, immer wieder gibt es Unfälle. Aber die schweren Bomberverbände am Himmel werfen ihre tödliche Last nun nicht mehr auf Frankfurt ab, sondern suchen sich tiefer im „Reich“ neue Ziele. Der Krieg wird noch sechs Wochen lang dauern, bis Hitler tot ist und Deutschland kapituliert.

Morgen: Zeitenwende in Frankfurt – Lebbe geht weider.

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