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FDP-Grande Baum bei Maischberger: Rubel für Putin? Das geht zu weit!

„maischberger: die woche“. ARD, Mittwoch, 23.März, 22.50 Uhr.

Deutschland hat Putins Krieg durch zukunftsblinde Energie-Deals mitfinanziert und will noch länger von der Moskau-Connection profitieren. Jetzt aber stellt der Kriegsherr im Kreml die Rechnung in Rubel aus. Höchste Zeit für einen harten Schnitt! Auch in Sandra Maischbergers „Woche“-Talk? Die Gäste:

Nina Chruschtschowa (60). Die russisch-amerikanische Politologin, Urenkelin des einstigen Sowjetchefs Nikita Chruschtschow, nennt Putin einen „völlig paranoiden Diktator, der immer einsamer wird“.

Gerhart Baum (89, FDP). Der Ex-Innenminister will nächste Woche beim Generalbundesanwalt Strafanzeige gegen Putin und seine Generäle wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit stellen.

Wolfgang Richter (73). Der Oberst a.D., Ex-Fallschirmjäger und Sicherheitsexperte rät, Putin jetzt eine „gesichtswahrende Exit-Strategie“ zu zeigen, sonst werde der Diktator immer weiter eskalieren.

Alev Doğan (32). Die deutsch-türkische Journalistin ist Chefreporterin von „The Pioneer“.

Eva Quadbeck (50). Die Vize-Chefredakteurin (RND) kommentiert: „Russlands gefährlichster Gegner ist Putin!

Georg Restle (57). Der ARD-Moderator („Monitor“) war mal Korrespondent in Moskau. Jetzt ging er als Kriegsreporter in die Ukraine. Respekt!

Überraschendstes Bekehrungserlebnis

Restle sieht den Krieg „politisch für Putin bereits verloren“, denn die neue Einigkeit zwischen Ukrainern aus dem Westen des Landes und der russischsprachigen Minderheit im Osten werde überdauern: „Das ist eine Einigkeit auch in der Wut und dem Hass auf Putins Russland.

„Wenn man mit den Menschen spricht, die sich gegen die Luftangriffe nicht wehren können, ändert sich das Bild für mich“, gibt der ARD-Mann sichtlich beeindruckt zu. „Ich würde heute anders als früher sagen, man muss alles tun, um dieses Land in die Lage zu versetzen, sich gegen diese Angriffe selbst zu verteidigen!“

Schlimmste Erkenntnis

Nach seinen jüngsten Erlebnissen definiert sich der Moderator so: „Ich bin im Herzen Pazifist und im Kopf Realist.“

Denn: „Wenn die Leute merken, dass man vom deutschen Fernsehen ist, hört man zwar Dankbarkeit, aber vor allem eine riesige Enttäuschung. Weil sich natürlich herumgesprochen hat, dass es erst 5000 Helme waren, dann schimmelige Kisten mit NVA-Waffen, und jetzt nicht mal die Strela–Raketen angekommen sind, die versprochen waren.

Beschämendste Feststellung

„Scholz hat im Bundestag von einer Zeitenwende gesprochen, und das war eine starke Rede,  aber er hat im Detail überhaupt noch nicht ausbuchstabiert, was das heißen soll!“, grollt Journalistin Quadbeck.

Ihre Kritik: „Die Bundesregierung reagiert immer nur im Nachhinein, wenn sie wieder mal eine große Mahnung bekommen hat, international oder aus der Ukraine.“ Passt!

Da geht schon der Zoff los

Kollegin Doğan ist gegen die von der Ukraine geforderte Flugverbotszone, wie sie womöglich ein Schritt in Richtung Dritter Weltkrieg sei. Die Furcht vor der Atombombe ist ihr deutlich anzusehen.

„Ich frage mich, ob dieses Argument so tragfähig ist, weil, man macht es sich damit natürlich bequem!“, widerspricht Restle energisch. „Die Frage ist: Wird es eine militärische Lösung dieses Krieges geben, oder wird es sowas wie eine Pax Putin geben? Dann werden wir einen Frieden haben, der den nächsten Krieg schon in sich trägt.

Seine besorgte Warnung: „Solange Putin in Moskau regiert, wird Osteuropa keinen Frieden finden!“

Optimistischste Prognose

„Nach allem, was man hört wird morgen auf dem Nato-Gipfel ein Signal gesendet, dass man diesem Krieg nicht unendlich lange tatenlos zusehen wird“, hofft Quadbeck.

Doğan bringt es auf den Punkt: „Paradox!“, wettert sie. „Auf der einen Seite unterstützen wir die Ukraine im Kampf gegen Russland, auf der anderen Seite sorgen wir für die finanziellen Mittel Russlands, um diesen Krieg überhaupt fortführen zu können!“

Beängstigendste Parallele

Aus New York wird Politologin Chruschtschowa zugeschaltet. Sie ist die Urenkelin des legendären Sowjetchefs, der 1960 bei den UN wutentbrannt mit dem Schuh auf das Rednerpult drosch. Maischberger zeigt ihr das Youtube-Video, auf dem Arnold Schwarzenegger seinem alten Sport-Kumpel Putin ins Gewissen redet.

„Putin mag das Video gesehen haben, aber momentan glaube ich nicht, dass irgendeine Stimme des Westens ihn irgendwie zu irgendwas bewegen kann“, kommentiert die Expertin und zieht eine beängstigende Parallele: „Dieser Größenwahn ist etwas, das auch Stalin widerfahren ist, und in den letzten Jahren wurde er immer paranoider.“

Erschreckendste Ähnlichkeit

Ihr Urgroßvater habe in seinen Memoiren beschrieben, „wie schwierig es war, in Stalins späten Jahren mit dem Diktator zu sprechen, irgendwie an ihn heranzukommen“, schildert sie die psychologische Ausnahmesituation damals im Kreml. Es könne tatsächlich sein, dass heute auch Putin „bedroht wird von allen Seiten“.

Ihre Analyse: „Putin hat Stalin schon lange bewundert. Das wissen wir seit Jahren. Putin hat Land gewonnen für Russland. Er ist sogar ähnlich wie Stalin zur Macht gekommen. Man muss sagen, dass die Persönlichkeiten von Stalin und Putin und Stalin sich durchaus ähneln. Die Rhetorik wie ‚fünfte Kolonne’ oder ‚Selbstreinigung‘ spricht Bände.

Besorgteste Erwartung

„Russland ist jetzt auf einem düsteren, sehr gefährlichen Pfad!“, fürchtet Chruschtschowa. „Es ist eine Selbstmordmission, in die Ukraine einzumarschieren! Gegen jegliche Logik, gegen jegliche nationale Interessen!“

Putin strebe das „große panslawische Reich“ an, vermutet die Politologin. „Im 21. Jahrhundert derart das Rad der Geschichte zurückdrehen zu wollen, das scheint unmöglich, aber genau das scheint sein Ziel zu sein. Und, es den USA mal so richtig zu zeigen.

Er wird den Weg bis zum Ende gehen, um zu beweisen, dass Russland immer noch groß ist.“ Uff!

Umfassendstes Lagebild

„Die militärischen Operationen kommen ins Stocken“, meldet Oberst Richter, aber: Nach der russischen Nukleardoktrin würden Atomraketen nur als Antwort auf „einen Angriff mit Massenvernichtungswaffen oder einer existentiellen Gefährdung durch einen konventionellen Angriff“ fliegen.

„Ich denke nicht, dass wir an einer solchen Schwelle stehen“, beruhigt der Experte, der auch nicht in Uniform angetreten ist, sondern betont als Zivilist im Anzug bei Maischberger sitzt. „Im nuklearen Feld gilt: Wer als erster schießt, stirbt als zweiter, und das weiß auch Putin. Das weiß auch die ganze Generalität in Russland.

Eindringlichste Warnung

Aber, so der Oberst a.D.: „Natürlich muss man aufpassen, dass wir dem (Atomkrieg) nicht näherkommen, indem wir Russland konventionell so bedrohen, dass die Russen sich aus ihrer eigenen Sicht gefährdet sehen können.“

Seine Lagebeschreibung: „Wir sehen einer neuen Periode der Sicherheitsordnung entgegen, die Russland ausschließt und dazu führen wird, dass wir einen Eisernen Gürtel haben werden vom Nordkap bis zum Schwarzen Meer.“ Ächz!

Schlimmste Befürchtung

„Schon jetzt sind die Risiken für Russland nicht mehr beherrschbar“, sorgt sich Richter. „Es kommen tausende Särge mit Leichen von jungen Soldaten zurück. Dazu die Sanktionen. Das kann zu sozialen Unruhen führen. Das kann zum innenpolitischen Risiko für Putin werden, zumindest wenn es die Elite erreicht.“

Und: „Ich sehe die Gefahr mehr als in der Kubakrise 1962. Damals hat man innerhalb weniger Tage eine Einigung erzielen können. Chruschtschow erscheint durchaus rationaler als Putin. Ein Hiroshima gibt es auf keinen Fall, aber Putin ist so verärgert – momentan kann ich nichts ausschließen!“

Größte Bedrohung

„Über die Hälfte der russischen Bodentruppen sind bereits im Einsatz“, schildert der Oberst die inzwischen ziemlich bedenkliche Lage Putins. „Die Reserven werden weniger, und man fragt sich: Woher wollen sie noch mehr nehmen?“

„Wahrscheinich wird es so kommen, dass Putin irgendwie erklären muss, dass er ja doch einen Erfolg gehabt hat, auch wenn es militärisch nicht so läuft“, fügt Richter hinzu. Dazu werde es aber erst wohl nach einem längeren Abnutzungskrieg kommen, wenn geklärt sei, „wer mehr Verluste einstecken kann, bevor er aufgibt.“

Einhelligstes Urteil

„Beschämend!“, findet Journalistin Doğan die bürokratische Drückebergerei im Bundestag nach dem verzweifelten Hilferuf des ukrainischen Präsidenten.  „Der Ernst der Lage war immer noch nicht angekommen!“, urteilt Kollegin Quadbeck.

Restle berichtet: „Das war schon bitter. Man steht in Lwiw zwischen Flüchtlingen und hört, wie sich die Parlamentarier im Bundestag wie die Kesselflicker über die Tagesordnung streiten. Weiter weg von diesem Konflikt kann man nicht sein. Was für eine Ohrfeige für

das ukrainische Volk!“

Gretchenfrage des Abends

Über das peinliche Versagen bei den Waffenlieferungen spottet Quadbeck: „Die Deutschen waren immer dafür zuständig, irgendwo Sanitäranlagen zu bauen oder Brunnen zu graben. Aber schnell Waffenmaterial irgendwohin zu transportieren, das ist in der Logistik der Bundeswehr bisher nicht vorgekommen.“ Ächz!

Doğan zeigt die Alternativen auf: „Wollen wir in allererster Linie rhetorisch-emotional Solidarität zeigen, oder wollen wir das auch ganz real, mit realen Auswirkungen auf unser Leben auch hier in Deutschland?“, fragt sie. „Nicht Teil des Krieges sein, aber doch Teil des Kampfes?“

Und: „Wir heben den Vorteil, dass wir keinen echten Tod sterben, sondern politisch-moralische.“

Durchdringendster Kassandra-Ruf

„Wir leben jetzt in einer anderen Welt“, macht Baum der Runde klar. „Ganz gleich wie es ausgeht: Nichts wird mehr sein wie es war. Wir müssen uns jetzt einstellen auf ein anderes Leben, wo wir mehr Opfer bringen müssen als bisher!“

Er selbst hat Krieg und Flucht erlebt, in Dresden, mit zwölf Jahren: „In der Straßenbahn lagen Leichen“, schildert er bewegt. „Frauen und Kinder mit Leiterwagen, stumm und traurig. Tieffliegerangriffe. Erst später habe ich begriffen, was passiert ist. Und das empfinde ich jetzt bei den Bildern aus Mariupol.“

Empörteste Ankündigung

Zu seiner Anzeige gegen Putin und die russischen Generäle erklärt der Ex-Minister sichtlich erbittert: „Angriffskrieg wird nach deutschem Recht mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft. Das Signal heißt: Ihr kommt nicht davon. Wir vergessen euch nicht!“

Über das juristische Prozedere sagt Baum: „Erst muss man mal aufschreiben: Was ist passiert? Dann kann man mit Haftbefehlen arbeiten. Man muss denen, die das jetzt ausführen, klarmachen, dass sie mitverantwortlich sind. Es gibt nach unserem Recht keine Berufung auf einen Befehlsnotstand!

Letztes Gefecht

Über einen Pipeline-Stopp nach Putins Rubel-Forderung urteilt Baum: „Bisher war ich überzeugt von Habeck und anderen, dass das nicht geht. Aber diese Herausforderung, jetzt die wirksamsten Sanktionen gegen seine eigene Zentralbank durch uns selber kaputt zu machen, das geht zu weit! Das dürfen wir uns nicht gefallen lassen!“

„Die Gasvorräte werden ja noch eine Zeitlang halten“, hofft der FDP-Grande am Schluss. „Und wir müssen mal nachdenken, ob wir nicht noch mehr machen können.“ Amen!

Fazit

Exemplarische Verhandlung ohne intellektuelle Posen, ablenkende Schnullifax-Fragen oder richtungslose Rumpeltalker, dafür mit seltener Einstimmigkeit beim Urteil: Das war eine Talkshow der Kategorie „Positionslicht“.

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