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Falsches Thema bei „Hart aber fair“! Heil zofft sich mit Brüderle

„Hart aber fair. Die neue Arbeiter-Losigkeit: Warum gehen Deutschland die Fachkräfte aus?“ ARD, Montag, 4.April 2022, 21 Uhr.

Die ganze Welt spricht über das unfassbare Grauen, das Putins Kriegsverbrechen in der Ukraine über wehrlose Menschen bringen. Doch Frank Plasberg findet für sein „Hart aber fair“ ein anderes Thema besser. Die Gäste:

Hubertus Heil (49, SPD). Der Arbeitsminister war schon längere Zeit nicht mehr in einer Talkshow und will „jetzt anpacken, damit aus dem Fachkräftemangel keine Wachstumsbremse wird“.

Rainer Brüderle (76, FDP). Der Ex-Wirtschaftsminister war noch viel länger weg vom Talk-Fenster und warnt nun als Präsident des Pflege-Arbeitgeberverbandes bpa: „Unsere Gesellschaft wird älter, deshalb brauchen wir qualifizierte Zuwanderer.“ Die neue Arbeiter-Losigkeit: Warum gehen Deutschland die Fachkräfte aus?“

Janine Wissler (40, Linke). Die Parteichefin motzt: „Statt gezielt Fachkräfte im Ausland abzuwerben, sollte man für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne sorgen!“

Simon Meinberg (25). Der Tischlermeister führt einen Betrieb mit 100 Leuten und kritisiert: „Das Handwerk leidet auch unter seinem verstaubten Image.“

Bettina Offer. Die Rechtsanwältin ist auf Fachkräftezuwanderung und Ausländerbeschäftigungsrecht spezialisiert.

Dieter Könnes (50). Der WDR-Verbraucherjournalist („Könnes kämpft“) schimpft: „Heute will sich keiner mehr die Hände schmutzig machen!“

Politiker und andere Profis. Geht es um Prinzipien oder auch um Praktikables? Das Zoff-O-Meter passt auf!

Alarmierendste Info

WDR-Journalist Könnes liefert erst mal einen Lagebericht aus London, wo die Handwerker-Not noch schlimmer ist: „Dort wird gar nicht mehr repariert, sondern nur noch neu installiert – wenn überhaupt!“, staunt er.

„Das gipfelt dann darin, dass es mittlerweile Headhunter im Bereich des Handwerks gibt“, erklärt er. „Die richtig guten Handwerker in Deutschland werden abgeworben, weil in London drei- bis vierfache Stundensätze bezahlt werden. Wenn es bei uns so weitergeht, wird uns das gleiche blühen!“

Sportlichste Frage

Plasberg passt den Ball direkt zum Arbeitsminister: „Wir haben in Deutschland nicht nur zu wenige gute Mittelstürmer ausgebildet“, ulkt der Talkmaster, „sondern auch zu wenig Klempner, Elektriker, Heizungsfachleute. Warum?“

„Wir haben eine schräge Debatte gehabt, weil man gesagt hat, wir brauchen vor allem akademische Bildung“, antwortet Heil. „Man“ war vor allem die SPD mit ihrem Konzept „Aufstieg durch Bildung“, aber das sagt der Minister nicht.

Kühlster Kommentar

„Wir brauchen Berufsorientierung an allen Schulformen“, fordert der Minister dann. „Ein zweiter Punkt ist das Image. Viele wissen nicht, dass inzwischen auf Baustellen auch Drohnen fliegen!“

Sein „größter Horror“ sei, so Heil, „dass auf der einen Seite immer mehr Unternehmen händeringend Leute suchen und auf der anderen Seite viel zu viele in der Ecke hängen. Zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen in Deutschland haben gar keine Berufsausbildung!“

Gut gebrüllt, doch den Talkmaster törnt das nicht an: „Das hat man alles schon mal gehört“, kommentiert Plasberg lieblos.

Fettestes Phrasenschwein-Futter

Als nächstes fordert Heil routiniert einen „Schulterschluss zwischen Wirtschaft, Gewerkschaftenund Politik“. Und gleich danach auch noch eine „Allianz für Aus- und Weiterbildung“.

Jungunternehmer Meinberg schildert seine Erfolgsgeschichte: Ohne Abi von der Schule, Lehre, Gründerdarlehen, dann Firmenanteile verkauft, um weiter wachsen zu können. „Frauen stehen auf Tischler“, fällt Plasberg dazu ein. „Es gibt auch Tischlerinnen“, gendert der Minister beflissen. Ächz!

Politischste Beschwerden

Wegen Aufhebung der Abstandsregel sitzt Brüderle fast auf Tuchfühlung neben Linke-Wissmann. „Rolladen zu reparieren dauert fünf bis sechs Wochen“, klagt er. „Was wir jetzt erleben, ist das Resultat langjähriger Fehlentwicklungen, der Illusion, Hochschulstudium bringt hohes Einkommen.“

Die Linke-Parteichefin ortet die Ursachen des Mangels dagegen streng sozialistisch in „Arbeitsbedingungen und Gehaltsaussichten“.

Typischste Fälle

„Vielleicht liegt es auch an der Einstellung“, ahnt der Talkmaster und zeigt in einem Einspieler einen Malermeister (57) mit „bitteren Erfahrungen“.

„Viele können sich einen Beruf nicht vorstellen, wo man körperlich arbeitet und vielleicht auch schmutzig wird“, berichtet der Handwerksunternehmer. „Die meisten würden gern am PC sitzen und irgendwas mit Internet machen.“

WDR-Könnes hört aus dem Handwerk ständig, dass Azubis ganz verdutzt sagen: „Ich wusste gar nicht, dass ich jeden Tag um sechs Uhr aufstehen muss.“

Nützlichste Forderung

„Ich war vorletzte Woche in Schleswig-Holstein, in Rendsburg“, erzählt der Minister dem Tischler zur seiner Linken. „Habe eine Kollegin von Ihnen kennengelernt, die macht Treppen. Um ihre beiden Leute zu binden, hat sie ihnen E-Autos angeboten. Also da bewegt sich im Handwerk was.“

„Junge Leute brauchen vor allem Orientierung“, fügt Heil hinzu. „Nicht nur so ein Schnupperpraktikum, sondern in ganz Deutschland an allen Gymnasien, aber auch anderen Schulformen als festen Bestandteil ein Fach ‚Arbeit, Technik, Wirtschaft‘, wo man auch die Rechte von Arbeitnehmern kennenlernt.“

Akrobatischster Rückwärtssalto

Nach dem nächsten Einspieler mit Zitaten der beiden Politiker, die vor zehn Jahren auch schon so klangen wie heute, gibt sich der Minister geläutert: „Wir müssen jetzt mal selbstkritisch sein“, mahnt er, „unabhängig von Parteifarbe!“

Denn, so Heil weiter: „Wir haben bestimmte Sachen nicht schnell genug hinbekommen. Wie lange habe ich gerungen, dass wir endlich ein Einwanderungsgesetz bekommen! Es war lange so, dass wir Denkverbote hatten, das lag aber eher an den Konservativen.“ Heidewitzka!

Massivster Vorwurf

Beim Streit um Mindestlöhne für Pflegekräfte wird Brüderle kantig: „Tarifautonomie heißt, dass Gewerkschaften und Arbeitgeber einen Tarif aushandeln“, donnert er los. „Wenn aber Lösungen übergestülpt werden, haben wir nicht mehr eine freie Lohnfindung, weil der Staat die Löhne festsetzt. Das ist eine andere Republik! DDR light!“

Der Minister ballert volles Rohr zurück: „Wir mussten aus der Not heraus Mindestlöhne machen“, verteidigt er sich. „Jetzt malen Sie den Sozialismus an die Wand! Ich verstehe Arbeitgeberverbände, die nur ein Ziel haben: Dass keine Tarifverträge zustande kommen. Das müssen Sie den Leute mal erklären!“

Prompt dreht das Zoff-O-Meter hoch

Der Staat wird nicht zugucken können, wie in diesem Bereich das Problem noch zehn Jahre weitergetragen wird!“, grollt Heil.

„Nichts gegen Tarifverträge“, kontert Brüderle, „sie müssen nur entsprechend entstanden sein.“

Der Minister wird daraufhin so grantig, dass er den Rhetorik-Trick der penetranten Wiederholung bringt: „Wie viele Tarifverträge haben Sie denn gemacht?“, provoziert er seinen Kontrahenten. „Wieviel haben Sie denn gemacht? Wie viele haben Sie denn gemacht, als Verband? Wie viele haben Sie als Verband beschlossen?“ Au weia!

Dialog des Abends

„Ich würde gern mal was aus der Praxis sagen“, mischt sich Linke-Wissler ein.

„Ich rede auch aus der Praxis!“, knurrt Brüderle, „nicht vom Baumarkt!“

Mutigste Definition

Für das Einzelgespräch ist die Rechtsanwältin Bettina Offer gecastet. Sie hilft Unternehmen, ausländische Mitarbeiter ins Land zu holen. Bei Zuwanderern „muss man unterscheiden zwischen denen, die Steuern kosten, und denen, die Steuern zahlen“, traut sie sich zu sagen.

Über Besonderheiten der deutschen Bürokratie verrät die Expertin: „Wir haben tatsächlich Arbeitgeber, die Listen führen mit Ausländerbehörden, die gut sind, und die ihre Mitarbeiter dann anweisen: Du ziehst in diesen Kreis und nicht in jenen Kreis.“ Simsalabim!

Überraschendste Info

Zur üblichen Kritik am vorsintflutlichen Equipment des deutschen Amtsschimmels bemerkt Offer zu Plasbergs Erstaunen: „Ich freue mich über jede Behörde, die noch ein Fax hat. Die kann ich noch erreichen.“

Denn, so die Anwältin: Viele überlastete Ämter würden inzwischen alle anderen Wege blockieren: „E-Mails nehmen wir nicht mehr an, auch keine Anträge auf dem Postwege. Sie müssen persönlich vorsprechen.“ Stöhn!

Schwierigstes Beispiel

Ein besonderes Problem für sie sei, so Offer, „wenn ich einen Vorstandvorsitzenden habe, den selbst ich als Anwältin nicht persönlich erreiche, weil ich nur mit dem dritten Assistenten reden darf, und dem ich dann zumute, auf eine deutsche Ausländerbehörde zu gehen und sich dort in den Gang zu setzen“ – Puh!

„Natürlich sind wir ein Staat, der alle gleich behandelt“, macht Offen klar, „aber wir stehen in einem internationalen Wettbewerb. In Kanada, den USA oder Holland wird da der rote Teppich ausgerollt!“

„Ich krieg schon Pickel, wenn ich ‚die Politik‘ höre!“, murrt Heil.

Irrste Fehlleistung

Brüderle hat auch noch einen: „In Niedersachsen hat ein Altenpflege-Unternehmen neun philippinische Krankenschwestern, voll ausgebildet, vorher in einer ausländischen Klinik tätig, gewinnen können“, schildert er empört. „Die mussten dann plötzlich eine sechsmonatige Zusatzausbildung in Körperpflege machen!“

„Danach hat das Landesamt Gesundheit über einen Monat gebraucht, bis sie die Anerkennungsurkunden weitergeschickt haben!“, ärgert sich der Ex-Minister und haut mit der flachen Hand knapp über die Platte. „Das ist unerträglich! Körperpflege! Als ob sie mit einem Waschlappen nicht umgehen könnten!“

Letzte Mahnung

Heil ballt energisch die Fäuste. „Visum und Arbeitserlaubnis, das muss das erste sein“, doziert er. „Das zweite ist der Zugang zur Sprache. Und das dritte, das komplexeste, ist, dass wir seit 20 Jahren nicht einmal die Anerkennung von Auslandsqualifikationen richtig hinbekommen!“

Seine Forderung: „Diese Krise, diese schreckliche Krise in der Ukraine“, sagt er, „muss ein Weckruf sein, dass wir besser werden.“ Dafür werde er sich in dieser Woche mit der Bundesbildungsministerin, mit der Kollegin von der Bildungsministerkonferenz und der Landesarbeitsministerkonferenz zusammenhocken.“

Halleluja! Und wenn es gut läuft, kommt dabei vielleicht auch eine Zusatzausbildung für den Minister selbst heraus, zum Thema „Was ist eine ‚Krise‘ und was ein richtiger ‚Krieg‘ mit Bomben, Granaten und Massenmorden wie in der Ukraine?“

Fazit

Falsches Thema, kleinlicher Streit um alten Schnee, extrem wenig Nutzwert: Das war ein Talk der Kategorie „Hart aber leer“.

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