Teletäglich

Es gab keine einzige weiße Fahne“

„Ich bin so eine Art Kindernazi und verkünde im Bunker, dass ich den Untergang des Dritten Reiches nicht überleben will. Da kommt der Feind. Mir ist mulmig – trotzdem sage ich ‚Heil Hitler’. Der erste Feind erschießt mich nicht, sondern nimmt mich auf den Arm und gibt mir Schokolade. Schokolade!! Ich wusste nicht, wie so was schmeckt. Ein anderer Feind gibt mir Brot – leider musste ich alles teilen. Mein Feindbild wird erschüttert. Menschen, die Schokolade und Brot verschenken, können nicht böse sein.“

Leider geht es nicht überall im besetzten Bremen so friedlich zu wie in der rührenden Anekdote, die Regina Bruss in ihrem Erinnerungsbuch „Mit Zuckersack und Heißgetränk“ erzählt: Seit die Eroberer Besatzer sind, erleben die Besiegten überall Plünderungen und Selbstjustiz.

Dass befreite Zwangsarbeiter jubeln, können die Briten ebenso nachvollziehen wie die Erleichterung jener Deutschen, die von den Nazis unterdrückt waren. Anfangs finden die Sieger es sogar „sehr amüsant“, dem Kampf Deutscher gegen Deutsche zuzusehen oder Polen und Deutsche an einem „Flaschenkrieg im Weinkeller“ zu hindern. Doch als immer mehr Bremer aus blanker Not zu plündern beginnen, am schlimmsten in den Häfen, klagen die Engländer, dass „eine Brigade allein die außer Rand und Band geratene Bevölkerung nicht zur Ordnung anhalten“ könne.

Schockiert sind die Soldaten vor allem von der Grausamkeit mancher Racheakte: In seinen „Erfahrungen eines jungen Soldaten“ schildert Eric A. Cooling entsetzt, 40 bis 50 Russen hätten „drei ihrer bisherigen Bewacher mit dreibeinigen Holzschemeln in bislang nicht gesehener Brutalität regelrecht exekutiert“.

Oft genug machen Engländer mit Russen und Polen gemeinsame Sache. Erbittert schildert der Kinderarzt und Nazi-Gegner Dr.Albrecht Mertz, wie seine Wohnung geplündert „und unerhört zugerichtet wurde, was alles an Wertvollem, Unentbehrlichem, Unersetzlichen verschwand, teils als Raub der siegtrunkenen Soldateska, teils als solcher des bereitwillig von ihr unterstützten Russen- und Polengesindels, das schon in den ersten Stunden sich an seine so erfolgreichen Plünderungen begab.“

„Die Schreibmaschine“, klagt der Kinderarzt, „war das erste, von dem jüdischen Dolmetscher, der sich ruhig ‚Dieb’ schimpfen ließ, selber gleich geraubt, es folgten Radio, Kamera, Prismenglas, Gold und Schmuck, vor allem aber Wäsche und Garderobe. Der Weinschrank mit ca. 45 Flaschen war schon am Abend erbrochen und restlos geleert … So geht für uns im Grunde doch der Krieg weiter, das Elend des sich Abquälens, des Hungerns und der Ungewissheit.“ Noch hat sich die Wirkung zwölfjähriger Nazi-Propaganda nicht ganz verflüchtigt, viele Bremer sehen sich nur als Opfer, nicht als Mitwisser oder gar Mittäter.

„Auf Grund unserer Erfahrungen in anderen Städten erwartete man, dass die Zivilbevölkerung, die dem Hagel der Bomben und Granaten in Kellern und Bunkern entkommen war, einige Zeit brauchen würde, um zu sich zu kommen“, staunt Harry J.Ditton, Reporter der englischen Tageszeitung „News of the World“, „aber als sie herauskamen, waren da 300.000 Sklavenarbeiter in Bremen, und trotz der Flammen und des Rauches füllten sie zusammen mit den Deutschen die Straßen, als unsere Kampfwagen durch die Stadt dröhnten. Das war es vielleicht, was Bremen so von den anderen Städten, in denen wir einrückten, unterschied: Niemand zeigte auch nur das geringste Anzeichen eines Gefühls. Im Gegenteil, da war eine Haltung und eine Atmosphäre nicht menschlicher Ruhe und totaler Gleichgültigkeit … Da gab es keine Tränen, keine bleichen und gezeichneten Gesichter, keine einzige weiße Fahne.“

Und: „Es war eine solch unglaubliche Szenerie, dass ich mich beinahe selbst kneifen musste, um sicher zu sein, dass all das kein phantastischer Traum war. Hier standen Deutsche, deren Lebensgrundlage zerstört wurde. Der Rest ging in Flammen auf. und dennoch tratschten sie an den Straßenecken angesichts der einrückenden Truppen, als wäre das ein ganz alltägliches Ereignis.“

Es war wohl eine nur allzu menschliche Reaktion auf die unvorstellbare psychische Belastung der Bombennächte. Doch die Klagen der Deutschen über ihr Schicksal werden leiser, als die Briten der Bevölkerung energisch klarmachen, was sie in Bergen-Belsen und anderen Konzentrationslagern entdeckten. Vielen Bremern werden die Nazi-Greuel erst jetzt bekannt oder in ihrer ganzen Unfassbarkeit bewusst. Den Krieg haben sie überstanden, ihre Stadt wieder aufgebaut – was ihnen wie allen anderen Deutschen aber auch noch sechzig Jahre nach Kriegsende bleibt, ist die Pflicht, nie zu vergessen.

ENDE

 

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