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Der AfD-Skandal in „Hart aber Fair“: Heil fassungslos über den bösen Spruch vom „Vergasen“

„Hart aber Fair: Wir Ostdeutsche, wir Westdeutsche: Wie groß ist die Kluft wirklich?“ ARD, Montag, 28.September 2020, 21.45 Uhr.

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil hat in der ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ die AfD wegen des widerlichen Spruchs über das Erschießen oder sogar „Vergasen“ von Migranten heftig attackiert.

Wörtlich sagte der SPD-Politiker zu dem AfD-Bundestagsabgeordneten René Springer: „Wie können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, in der Fraktion mit Menschen zusammenzuarbeiten, die Antisemiten sind?“

Vor 30 Jahren gab es Jubeltänze auf der Mauer, Trabirennen in die Freiheit, und Ganzdeutschland lag sich in den Armen. Dann aber wurden viele Wundpflaster abgerissen. Heute schüren Radikalinskis Zoff um soziale Unstimmigkeiten und verletzte Gefühle. In „Hart aber Fair“ sprach Talkmaster Frank Plasberg mit Gästen aus Ost und West:

  • Heil kam in Hildesheim zur Welt und hat seinen Wahlkreis in Gifhorn-Peine.
  • Springer ist Sprecher für Arbeit und Soziales seiner Bundestagsfraktion. Er stammt aus Ostberlin und vertritt Wähler in Potsdam–Mittelmark-Teltow-Fläming.
  • Die Noch-Parteichefin Katja Kipping (Linke) ist in Dresden aufgewachsen und kandidierte auch dort.
  • Die Unternehmerin Angela Brockmann (57). wurde in Wismar geboren und führt eine Firma für Blockheizkraftwerke in Magdeburg.
  • Der RTL-Politikchef Nikolaus Blome, Rheinländer aus Bonn, arbeitete die meiste Zeit in Berlin.

Politik, Wirtschaft, Presse. Leichter Überhang nach Osten, aber das Publikum war vor allem auf die Flügelkämpfe zwischen Links- und Rechtsaußen gespannt.

Zum Start zwei ungewöhnliche Bios

Zwei Gäste werden vor dem Talk in der ARD-Doku „Wir Ostdeutschen“ porträtiert. Springer hat vorzuweisen: Zeitsoldat, Elektronikmeister, Afghanistan, Abi nachgemacht, Einser-Politologe, Schröder-Fan, deshalb SPD, dann aber AfD: „Das Programm hat mich überzeugt.“

Brockmann war Chefdolmetscherin und dann Pressesprecherin bei der SKET Maschinenbau, machte sich selbständig, verkaufte auch mal Flugzeuge und hat auch ein Unternehmen für Single-Reisen. Über ihre Karriere sagt sie: „Ich bin stolz darauf.“

Direkteste Frage

RTL-Blome wunderte sich über den Ost-Frust: „Ich meine das gar nicht bös, aber wer 1988 in Bitterfeld gelebt hat, was genau kann der jetzt eigentlich vermissen?“

Plasberg haute mit einem Zitat des SPD-Politikers Wolfgang Thierse in die Kerbe: „Er hat letzte Woche in einem Artikel von eine Missmut-Gesellschaft Ost gesprochen“, liest der Talkmaster dem Arbeitsminister vor, „die ständig ein Klagelied über Benachteiligung, Kolonialisierung und Unterdrückung anstimme.“

Klügste Antwort

„Ich bleibe dabei, dass es historisch ein Glücksfall der deutschen Geschichte ist“, erklärte Heil. „Aber wir müssen bilanzieren, dass die meisten Menschen nicht durch 40 Jahre DDR geprägt wurden, sondern durch die Zeit nach der Deutschen Einheit.

Neben ihm saß der AfD-Mann im dunklen Tuch mit Einstecktuch und erklärt, er sei in die Rechtsaußenpartei eingetreten, weil er nicht in der Lage gewesen sei, einer anderen Partei zu vertrauen.

Frechste Frage

Plasberg wollte eine andere Möglichkeit ausloten: „Eine Alternative wäre gewesen, wenn Sie in der SPD waren, dann die Partei von Frau Kipping zu wählen“, sagte er.

 

Uff! Die Linke-Chefin guckte den Talkmaster entgeistert an. Offensichtich fand sie den Gedanken schockierend, dass ein AfD-Mann überhaupt auf so eine Idee kommen könnte.

Und schon gab es Zoff

Kipping erinnerte daran, dass „wir im Osten kein finanzielles Polster hatten“, denn: „Das Vermögen, das die Treuhand privatisiert hat, ist zu 80 Prozent von Westdeutschen aufgekauft worden!

Noch heute gebe es einen „Riss in der Landkarte“, fügte die Linke-Chefin hinzu und nannte als Beispiele die Vermögensverteilung, die Lohngleichheit und die niedrigeren Renten im Osten.

Blome lie´ß das populäre Klagelied nicht unkommentiert: „Vielleicht sollte man auch noch hinzufügen, dass zu DDR-Zeiten den Arbeitnehmern auch nichts gehörte“, stellte er ungerührt fest. „Die Kombinate, oder die Häuser, in denen die Menschen wohnten, das war Staatsbesitz!

Hitzigste Diskussion

Kipping war angefasst: „Ich finde, dieser Gestus, den Sie jetzt praktiziert haben – Ich erklär mal den Ostdeutschen, wie gut es ihnen eigentlich geht -, der bringt uns nicht weiter bei der deutschen Einheit!“ ärgerte sie sich.

Doch der Journalist ließ nicht locker: „Sie haben eben gesagt, die Renten im Osten sind niedriger als im Westen“, meinte er. „Die für Frauen sind es nicht!“

Die Linke-Chefin hob die Hände: „Weil die eine andere Erwerbsbiographie haben!“ erwiderte sie.

„Dann stimmt aber der Satz nicht, den Sie gesagt haben“, stellte Blome in aller Ruhe fest. Sein Urteil: „Sie haben das Monopol, den Frust in Ostdeutschland zu bewirtschaften!“

Gretchenfrage des Abends

Danach heizte Plasberg die Stimmung mit dem Spruch einer Rentnerin aus Chemnitz an: „Wenn du einen Westdeutschen triffst, und es ist nicht dein Verwandter, dann ist es entweder dein Vorgesetzter, dein Vermieter, oder du stehst vor Gericht.“ Rumms!

„Tatsächlich sind nur wenige Ostdeutsche in Führungspositionen“, hieß es dazu in einem ARD-Einspieler. Doch Blome konnte auch damit nichts anfangen. Sein Gegenbeispiel war der Linke-Ministerpräsident von Thüringen.

„Frau Kipping, wie würden Sie jetzt Herrn Ramelow auf der Strichliste führen?“ fragte er. „Ist er noch ein Wessi? Denn da kommt er ja her!“

Elegantestes Ausweichmanöver

Doch die Linke zog sich gekonnt aus der Affäre: „Bodo Ramelow ist ein Ausnahmepolitiker“, antwortete sie. „Er hat es geschafft, obwohl er nicht im Osten geboren ist, so aufzutreten, dass inzwischen ganz viele über Thüringen hinweg ihn als die Stimme des Ostens ansehen!“

Praktischste Forderung

Heil beanstandete die Lohnungleichheit in vielen Ostbetrieben. Ursache sei vor allem die mangelhafte Tarifbindung. Sein Vorschlag: „Ich bin dafür, dass wir keine öffentlichen Aufträge mehr an Firmen vergeben, die nicht tarifgebunden sind!“

Typischstes Links-Rechts-Duell

Der AfD-Mann wollte mit Sozialkritik punkten: „Wenn 40 Prozent der ostdeutschen Altenpfleger im Niedriglohnbereich arbeiten, dann kann man nicht von ‚blühenden Landschaften’ sprechen!“ schimpfte er.

Damit kam er allerdings der Linken-Chefin in die Quere: „Sie tun hier so, als ob Sie sozial engagiert wären“, wetterte Kipping. „Ihr konkretes Abstimmungsverhalten im Bundestag ist definitiv ein anderes!“

Unwillkommenste Schiedsrichterei

Und dann packt die Linke-Chefin die Blutgrätsche aus: „Ich habe eher den Eindruck, Ihnen geht es am Ende nur darum, das Sie den Leuten sagen, wir werden nix an eurer Situation verbessern, aber wir finden jemanden, dem es noch schlechter geht, damit ihr nach unten treten könnt!“

„Die Frage, wer wo abgestimmt hat, ist jetzt kein Beitrag zur inneren Einheit in Deutschland“, mischte sich der Minister ein, der zwischen den Streitenden saß und auch nach beiden Seiten sprach. „Ich kann dieses Nickelige nicht ertragen!

Doch dafür gab’s keinen Lorbeer: „Danke für diese präsidiale Moderation zwischen zwei Flügelpolitikern!“ spottete der Talkmaster.

Peinlichste Panne

Die Zuschauer-Meinungen fielen diesmal flach, denn die Technik streikte. Plasberg-Assistentin Brigitte Büscher tippte hektisch auf ihr totes iPad. „Jetzt hat sich mein Gerät gerade wirklich abgemeldet!“ klagte sie.

„Ich glaube, das arbeitet nur bis 22.15 Uhr“, vermutete der Talkmaster. „Wir sind heute spät dran!“ Denn wegen der Doku zum Thema war der Talk erst um 21.45 Uhr gestartet.

Widerlichstes Unwort

Und noch mal AfD: Plasberg aktualisierte seine Talk-Agenda mit der Entlassung des AfD-Pressesprechers Christian Lüth, der über Migranten als unfreiwillige Afd-Wahlhelfer Unfassbares gesagt hatte: „Wir können nachher immer noch alle erschießen. Oder vergasen.“

Springer hat lange mit Lüth zusammengearbeitet. „Absolut abscheulich!“ sagte der Abgeordnete nun. „Menschen, die sich so äußern, haben in der AfD nichts zu suchen!“

Berechtigtster Vorwurf

Doch damit war er keineswegs aus dem Schneider: „Wann ist es ein Einzelfall zu viel?“ bohrte Plasberg.

„Idioten gibt es immer“, antwortete der AfD-Mann. „Wenn sie gegen die Programmatik, die Satzung, die Strafgesetze verstoßen, dann muss man sich von diesen Leuten trennen, und zwar konsequent.“

Als Neonazi fliegt man aus der AfD, wenn man von Vergasen redet“, kommentierte Blome. „Aber auch keinen Tag vorher!“

Klarste Kante

„Ich bin ein bisschen fassungslos“, sagte Heil zu dem AfD-Mann. „Sie treten hier durchaus sympathisch auf und reißen ernsthafte Themen an, über die wir uns hier unterhalten müssen.“

Aber: „Sie haben für Alexander Gauland gearbeitet, der den Nationalsozialismus einen Fliegenschiss der deutschen Geschichte genannt hat. Sie haben in Brandenburg mit Herrn Kalbitz gearbeitet, der offensichtlich eine tiefbraune Identität hat.“

Heils Vorwurf: „Sie spielen doch mit diesen Leuten!“

Verräterischster Themenwechsel

Springer tat daraufhin, was AfD-Leute gerne machen: Er flüchtet sich in die Opferrolle. „Herzlichen Dank, dass Sie mich eingeladen haben“, sagte er unvermittelt zu Plasberg. „Zum ersten Mal für die AfD, dieses Jahr!“

Seine Kritik: „Ich beobachte in diesen Talkshows, dass es immer nur um Politiker und Parteien geht.“

„Sie sind ja selbst Politiker!“ staunte der Minister.

Schlagfertigste Antwort

Ich würde gern herausfinden, woran es liegt, dass man bei der Berichterstattung über die AfD immer nur über die Skandale berichtet, aber nie über die Sachpolitik!“ motzte Springer am Schluss.

Weil es keine gibt“ antwortete Blohm knapp und setzte damit den perfekten Schlusspunkt.

Fazit: Doppelmoral von Links, intellektuelle Bankrotterklärung von Rechts, und nach guten Ansätzen löste sich die Show im AfD-Qualm auf. Das war ein Talk der Kategorie „Wurm drin“.

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