Geschichte

Das Kriegsende in Bremen: „Sie kämpften wie die Teufel“

„Nachdem weder Ihre Bemühungen noch die unsrigen den erstrebten Erfolg erreicht haben, eine rechtzeitige Übergabe Bremens herbeizuführen und der Stadt den letzten Kampf zu ersparen, halte ich eine Auseinandersetzung hierüber für nicht angebracht. Die Tatsache als solche bleibt für uns alle ein Armutszeugnis.“

Mit den verbitterten Sätzen an den ehemaligen stellvertretenden Regierenden Bürgermeister Dr. Richard Duckwitz beendet Dr.Jules Eberhard Noltenius, einst Geschäftsführer der Bremer Gauwirtschaftskammer, vier Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg einen langen, fruchtlosen Streit darüber, warum es nicht gelang, die schwer getroffene Stadt wenigstens in den letzten Tagen vor der Feuerwalze der Sieger zu retten.

Am 20.April 1945, „Führers Geburtstag“, schießt die britische Artillerie 400 Granaten mit Flugblättern in die Stadt: „Ihr habt die Wahl!“ steht auf den Zetteln. „Zwei Möglichkeiten der Einnahme bestehen: entweder unter Einsatz sämtlicher dem Heer und der Luftwaffe zur Verfügung stehenden Mittel. Ihr habt nichts, womit ihr auf die Dauer widerstehen könnt! Auf euch lastet die Verantwortung für den daraus entstehenden unnötigen Blutverlust! Oder durch die Besetzung der Stadt nach bedingungsloser Übergabe.“

Am Abend treffen sich einige mutige Männer heimlich in einer Privatwohnung und erörtern Umsturzpläne, vor allem die Verhaftung des Nazi-Kreisleiters Max Schümann und des Kampfkommandanten General Fritz Becker.

Schümann lehnt Übergabeverhandlungen mit den „alliierten Luftkriegsgangstern“ strikt ab: „Ein Paktieren mit denen, die in 165 Angriffen Bremen in Schutt und Asche legten, kann es nicht geben.“

Becker erklärt im Rundfunk, die Verteidigung der Stadt sei notwendig „ohne Rücksicht auf die Gesamtlage“, denn die ist aussichtslos: die Amerikaner haben bereits die Elbe überquert und stehen in Leipzig, die Russen stürmen diesseits der Oder in Richtung Berlin

Die Verschwörer hoffen auf Bremens Polizeipräsidenten Johannes Schroers, dem die gefürchtete Gestapo untersteht. Um Mitternacht informieren sie Duckwitz, doch der Politiker will die Verantwortung nicht übernehmen und erklärt, nur der Kampfkommandant selbst könne die Stadt übergeben. Wer wann was wie genau sagt, bleibt bis heute ungeklärt, doch da nichts geschieht, ist Bremen endgültig verloren.

Der Nazi-Gauleiter von Oldenburg und Bremen,  Paul Wegener, schickt Hitler ein Geburtstagstelegramm: „Wir tragen trotz aller Not in uns die Gewissheit, dass am Ende der Nationalsozialismus Sieger bleiben wird, und werden deshalb mit den zum äußersten Einsatz bereiten Soldaten der Front das Schicksal zu meistern wissen“, heißt es darin. „Möge Ihnen, mein Führer, Kraft und Gesundheit bleiben, um dem deutschen Volk das Leben zu erhalten und zu sichern.“

Am 21.April, nach einer Krisensitzung im „Regierungsbunker“ an der Parkallee, informiert der Gauleiter die Bremer in einer Rundfunkansprache, das Ultimatum sei abgelehnt, Bremen werde bis zum letzten verteidigt. Er kann sich noch immer auf treue Gefolgsleute stützen: „Vielleicht fünfzehn Tage bevor wir befreit wurden, beschloss die Nazi-Partei, uns in der Fabrik eine Standpauke zu halten“, erinnert sich ein französischer Zwangsarbeiter. „Im Hof waren sie mit ihren großen Fahnen und ihren Uniformen auf eine Bühne gestiegen. Wir haben von dem, was sie sagten, nichts verstanden, aber ich erinnere mich, dass sie immer schrieen: Niemals kapitulieren! Niemals! Das war die reinste Komödie.“

Während in der Stadt Volkssturm und Hitlerjugend Straßensperren bauen, rollen die britischen Panzer immer näher. Am 23.April erreichen zwei Kompanien bei Oyten die Autobahn nach Hamburg. „Dann aber eröffneten die Deutschen völlig unerwartet das Feuer mit allem, was sie hatten“, berichtet George Blake in der Divisionsgeschichte der schottischen 52.Lowland, „besonders mit den bösartigen 8,8 cm Geschützen im direkten Beschuss und mit den gefürchteten Nebelwerfern, die fünf Raketen gleichzeitig abfeuerten.“

„Auch wenn wir nicht auf alle Einzelheiten des Gefechtes eingehen wollen, das so typisch für die Kämpfe gegen die deutsche Nachhut war, so sollten wir doch anerkennen, dass es den Deutschen in Oyten in letzter Stunde gelang, dem Angriff eines hervorragenden Bataillons und den 7.Cameronians stundenlang standzuhalten“, schreibt der Historiker. „Sie kämpften wie die Teufel, erbittert, geschickt, und wir sollten diesen letzten Kämpfern der Wehrmacht unsere Anerkennung für ihre soldatischen Qualitäten zollen.“

Mit britischer Fairness stellt Blake die Leistungen der Soldaten beider Seiten einander gegenüber: „In der letzten Stunde des Gefechts versuchten sie in ihrer Verzweiflung, einzeln in unsere Stellungen einzusickern. Deutsche Scharfschützen mussten vom Dach eines unter ihnen brennenden Bauernhauses heruntergeschossen werden. Captain Ash-Edwards, der Artilleriebeobachter der C–Kompanie, befand sich auf dem Kirchturm von Oyten, als eine 8,8-Baterie begann, den Turm unter direkten Beschuss zu nehmen. Man braucht ein schnelles Auge und einen kühlen Kopf, um das Mündungsfeuer dieses Schnellfeuergeschützes erkennen zu können, wenn man 150 Fuß über dem Boden sitzt und dabei eine Zielscheibe aus nächster Nähe abgibt.“

Der Offizier behält die Nerven: „Drei Schuss waren bereits in das Gebäude unter seinen Füßen eingeschlagen, bevor Captain Edwards das Feuer ausmachen konnte, aber dann erwies sich das zusammengefasste Feuer der Divisionsartillerie als durchschlagend. Vier Stunden verharrte er auf seinem Ausguck und leitete den Beschuss, der zweifelsohne viel zur Einnahme Oytens beitrug.“

Am Abend können die Briten von den Anhöhen des eroberten Ortes in der Ferne das große, vom Bomben verwüstete Bremen sehen. Der Weg für den Schlussangriff auf die sterbende Stadt ist frei.

Morgen: Doornkaat für den Kaleu, Schädelbruch für den Feldwebel

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