Geschichte

„Das Geheimnis der Freiheit“ (ARD) und die Krupp-Saga

Der großartige ARD-Film „Das Geheimnis der Freiheit“ (heute 20.15 Uhr) macht die jüngste Geschichte der weltberühmten Essener Stahlschmiede wieder lebendig. Im Mittelpunkt steht der berühmte Generalbevollmächtigte Bertold Beitz. Er will das durch die Nazis verlorene Renommé der Firma zurückgewinnen. Deshalb beauftragt er den Historiker Golo Mann, Sohn des berühmten Dichters, mit einer Biographie über den als Kriegsverbrecher verurteilten Alfried Krupp. Doch zur Geschichte des Unternehmens gehört weit mehr. Der klassische Mythos des Ruhrgebiets ist ein Epos von Größe, Untergang und Wiederauferstehung. Erst vor diesem Hintergrund sind Berthold Beitz und auch der neue Film über ihn ganz zu verstehen.

Wenn Alfred Krupp (1812-1887) von seinem „Kind“ sprach, wusste seine Frau nie: Meint er seinen Sohn – oder sein Unternehmen? Sohn Friedrich Alfred wurde „Fritz“ gerufen – so hieß bald auch der dickste Dampfhammer in Papas Zyklopenschmiede. Nach Krupps Enkeltochter nannten Soldaten später eine 42-Zentimeter-Haubitze „dicke Bertha“. Ihr Ehemann lieferte den Spitznamen für die Kanone „Gustav“, die 120 Kilometer weit schoss.

Ein Familienunternehmen war die Firma nie, und doch waren alle Mitarbeiter irgendwie Kinder von Krupp. Der Chef sorgte für hohe Löhne und billige Einkaufsmöglichkeiten, Werkswohnung, Krankenversicherung und Betriebsrente. Doch wehe, wenn sich „Kruppianer“ mit Gewerkschaftern einließen: Niemand solle es wagen, warnte der Alte, „gegen ein wohlwollendes Regime sich zu erheben“.

Die Krupp-Saga ist der klassische Mythos des Ruhrgebiets, ein modernes Epos von Größe, Untergang und Wiederauferstehung. Gegen das Drama der berühmtesten und erfolgreichsten deutschen Industrie-Dynastie sind „Dallas“ oder „Denver Clan“ kaum mehr als Kinderkram.

Keine andere bürgerliche Familie prägte Land und Leben so tief wie die Krupps, keine andere auch war in Glück und Katastrophe so eng mit dem Schicksal von Volk und Heimat verbunden.

Die Ahnen wanderten wohl aus den Niederlanden ein. Das Stammbuch beginnt mit Arndt Krupe, gestorben 1624 als Ratsherr in Essen. Die fünfteilige Familien-Saga baut mit Friedrich Krupp (1787-1826) einen klassischen Fehlstart: Der Jungunternehmer bekommt mit 20 Jahren von Opa die Eisenhütte „Zur guten Hoffnung“ und mit 33 von Oma 40.000 Taler (etwa eine Million Euro) geschenkt, gründet mit acht Arbeitern eine Gussstahlfabrik, gerät an Gauner, stirbt ruiniert mit 38 Jahren und hinterlässt vier Kindern nichts als Schulden.

Im zweiten Akt aber erscheint mit Alfred Krupp (1812-1887) der Jung-Siegfried der Schwerindustrie: Der 14-jährige lässt das Gymnasium sausen und tritt das Erbe des unglücklichen Vaters an. Schon bald steht er rußgeschwärzt in ölbeschmierter Lederschürze am Schmelzofen und zeigt den staunenden Arbeitern, wie man mit raschem Zangengriff die Schlacke vom Eisenkern streift, um Stahl zu machen – den härtesten der Welt.

„Alfred Krupp“, sagt der Historiker Lothar Gall, „war so etwas wie der Bill Gates der damaligen Zeit.“ Der geniale Unternehmer zieht dem werdenden deutschen Reich die Streben ein: aus Stahl sind Dampfkessel und Fördertürme, Schiffsschrauben und Eisenbahnschienen. „Meine Ungeduld ist ein Krokodil, das lässt sich nicht bezähmen“, sagt er. Aber er härtet auch dem Tod die Sense: 1867 präsentiert er der Pariser Weltausstellung eine 90 Tonnen schwere Gussstahlkanone – Preußens König Wilhelm siegt mit dem Granaten-Geschenk drei Jahre später bei Sedan über die Franzosen und wird Kaiser.

Fürs Geschäft sind nahtlose Eisenbahnräder wichtiger. Dank der dauerhaften Rollware wächst Krupp zum größten Stahlwerk der Welt heran. 19.000 Arbeiter nennen sich stolz „Kruppianer“. Der Chef lässt in klammer Zeit das Familiensilber einschmelzen, um die Löhne zahlen zu können. In besseren Tagen baute er seine „Villa Hügel“ – in der Halle fänden sechs Einfamilienhäuser Platz. Als der Monarch im fernen Berlin den Patriarchen von Essen in den Adelsstand erheben will, winkt Alfred ab: „Ich heiße Krupp, das genügt.“

Sohn Friedrich Alfred ((1854-1902), der dritte Krupp, geht neue Wege: Er kauft ein Hüttenwerk, eine Panzerplattenfabrik und die Werft „Germania“ in Kiel. Bei seinem Tod wird die Familienfirma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt: Vier Vertraute bekommen je eine Aktie, alle anderen gehen an Tochter Bertha – mit 16 ist sie die beste Partie Europas.

Vierter Chef wird ein ehemaliger preußischer Legationsrat beim Vatikan. Zur Hochzeit mit Bertha kommt Wilhelm II. und verleiht dem Bräutigam gnädigst das Sonderrecht, den bürgerlichen Namen seiner Braut vor den Adelsnamen zu setzen. Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (1870-1950) dankt dem Gönner als „“Waffenschmied der Nation“: Im Ersten Weltkrieg schießt seine 42-Zentimeter-Haubitze die Festung Lüttich sturmreif, Soldaten nennen das Monster „dicke Bertha“.

Nach der Niederlage wollen französische Besatzer Krupp-Busse beschlagnahmen. Die Arbeiter widersetzen sich, 13 Männer werden erschossen und der Chef muss wegen Aufruhrs gegen die Besatzungsmacht ins Gefängnis. Als seine Frau ihn besucht, fragt er: „Nicht wahr, jetzt darf ich mich doch mit Fug und Recht einen echten Kruppianer nennen?“

Hitlers Aufrüstung füllt wieder die Kassen. Der Diktator wünscht sich Deutschlands Jugend „flink wie die Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl“. Krupp gilt mit Rockefeller als reichster Mann der Welt. 1944 rackern für ihn 277.000 Frauen und Männer in halb Europa, viele als Zwangsarbeiter.

Nach dem Krieg rechnen die Sieger ab. Ein Schlaganfall macht Krupp verhandlungsunfähig, für ihn sitzt Sohn Alfried (1907-1967) sechs Jahre ab. Es nutzt nichts, dass Krupp einst die schützende Hand über Carl Goerdeler, einen der Helden des 20.Juli, hielt.

Der letzte Krupp Arndt (1938-1984) hatte an dem Unternehmen kein Interesse und verzichtete auf das Erbe. Der Vater legte die Zukunft in die Hände seines Generalbevollmächtigten Bertold Beitz (1913-2013). Der neue Chef hatte während des Zweiten Weltkriegs im deutsch besetzten „Generalgouvernement Polen“ mehreren hundert jüdischen Zwangsarbeitern das Leben gerettet: Er erklärte sie als unentbehrlich für die höchst kriegswichtige Erdölindustrie und stellte sie in den von ihm verwalteten Fabriken an. Israel ehrte ihn dafür 1973 mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“.

Alfriede Krupp lernte Beitz nach Kriegsende kennen. Bei seiner Geburtstagsfeier am 26. September 1952 machte er ihm per Handschlag zum Generalbevollmächtigten. Danach beute er mit ihm den Konzern wieder auf. Nach Krupps Tod wurde Beitz als Chef der „Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung“ einführender Manager beim Umbau des Ruhrgebiets zu einer Wissenschafts- und Kulturregion.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.