Teletäglich

Corona-Zoff in „Hart aber Fair“: Wutrede gegen Friedrich Merz

„Hart aber Fair: Macht zu die Tür, die Fenster auf – sieht so das Fest der Vernunft aus?“ ARD, Montag, 14.Dezember 2020, 22 Uhr.

Die Gießener Infektiologin Prof. Susanne Herold hat den CDU-Vorsitzkandidaten Friedrich Merz in der ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ heftig attackiert, weil er vor einigen Wochen erklärt hatte: „Es geht den Staat auch nichts an, wie ich mit meiner Familie Weihnachten feiere.“

Wörtlich sagte die Wissenschaftlerin nun dazu: „Patienten, die beatmet werden, müssen mehrmals am Tag in Bauchlage und wieder umgelagert werden. Da braucht man ein ganzes Team von Pflegenden. Die sind wirklich so was von an ihrer Grenze, dass es mir in der Seele weh tut, wenn Herr Merz jetzt so etwas sagt!“

Deutschland down, Schulen auf Durchzug, Omas fallen hinten runter, das verlangte eine ernsthafte Diskussion. Frank Plasbergs Gäste:

Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) wollte erst nicht verschärfen, möchte jetzt aber nichts riskieren.

Infektiologin Prof. Herold kritisierte: „Der Lockdown kommt reichlich spät. Aber besser spät als nie!“

Die Kabarettistin Margie Kinsky schreibt ein Corona-Tagebuch.

Die Pfarrerin Ellen Radtke betreibt gemeinsam mit ihrer Frau den Youtube-Kanal „Anders Amen“.

Der Wissenschaftsjournalist Werner Bartens (SZ) ist Mediziner und warnt: „Freunde und Verwandte nehmen wir kaum als potentielle Überträger wahr.“

Zum Start ein Appell

Infektiologin Herold kam fix auf den Punkt: „Wir können Regeln aufstellen, sie aber nicht kontrollieren“, stellte sie nüchtern fest. „Es hängt jetzt an jedem einzelnen, wirklich in sich zu gehen!“

Ihr dramatischer Lagebericht aus der Uniklinik Gießen sollte letzte Zweifler überzeugen: „Die Bilder sind erschreckend, und sie sind jeden Tag schlimmer“, klagte die Ärztin. „Wir sind absolut am Rande unserer Kapazitäten. Wir brauchen unbedingt Entlastung!“

Härteste Kritik

„Es kommt vor allem auf die Beiträge von uns ganz persönlich an“, assistierte der Ministerpräsident. Zu Weihnachten gelte: „Wir werden uns ganz besonders umstellen müssen, sonst kann es nicht funktionieren!“

Journalist Bartens war damit nicht zufrieden: „Mir kommt das ganze vor wie so ein antiautoritärer Kindergarten!“ spottet er.

Sympathischstes Geständnis

„Ich finde den ‚antiautoritären Kindergarten‘ wunderbar“, lobte Kinsky und rief in die Runde: „Wir führen die Regie in diesem Theater! Wir müssen uns jetzt benehmen – am besten so, als wenn wir es alle hätten!“

Allerdings: „Ich bin ja wirklich eine Weihnachtenkitschkuh“, gab die sechsfache Mutter zu. „Ich fange ja schon im Sommer an, zu bauen!“

Überzeugendster Plan

Dem Talkmaster stacht ihr Gobelinjäckchen ins Auge: „Kompliment!“ schmeichelte er, und das kam gut an: „Das habe ich extra für die Sendung…“, freute sich Kinsky. „Mal ein bisschen Weihnachten hier!“

Ihr Problem: Sechs Söhne, zwei Schwiegertöchter, Oma ist 95. Erlaubt sind vier Verwandte. Die Lösung: „Die Oma hat Vorfahrt“, erklärte die Kabarettistin. „Die zwei, die eine eigene Familie haben, machen das bei sich. Die anderen bleiben entweder ebenfalls weg, oder sie gehen eine Woche vorher in Quarantäne und machen zu Weihnachten einen Test.“ Geht doch!

Schwierigste Frage

„Was hat unsere 95jährigen Oma schon alles erlebt“, staunte Kinsky. „Den Krieg, das Lager, zu Fuß über die Grenze, Hunger… Dass sie dieses Jahr keinen Glühwein trinken darf, da sagt sie: Na und?“

Pfarrerin Radtke sah das nicht ganz so gelassen: „Bei den Familien, die die Bestimmungen noch ernstnehmen, ist unglaublich viel Sprengstoff da“, warnte sie.

Speziellster Aspekt

Denn, so die Pfarrerin: „In den Familien ist das ein Riesenthema: Wie machen wir es, dass wir irgendwie Weihnachten noch ermöglichen, gerade für die, für die es auch ohne Corona vielleicht das letzte Weihnachten ist?“

Über den Familienbegriff der Lockdown-Verordnung sagte die Pfarrerin, die mit einer Pfarrerin verheiratet ist: „Ich kriege aus der queeren Community mit, da ist viel Ärger, ganz viel Wut, dass die Lebensverhältnisse im Jahr 2020 nicht wirklich ernstgenommen werden!“

Prägnantester Ausdruck

„Es gibt Untersuchungen, dass die Generation der Mittelalten bis Alten – ich nenne sie ‚die ungesättigte Stones-Generation‘ – besonders narzisstisch und selbstbezogen ist“, meinte SZ-Bartens, „und sich wenig kehrt um das Wohl anderer.“

Der Journalist kennt sich aus: „Ich bin leider Teil dieser Generation!“ gestand er. „Und wenn wir jetzt neidisch auf Südkorea oder Taiwan gucken, dann hat das auch damit zu tun, dass dort nicht jeder denkt: Oh, mein Fitnessstudio ist jetzt geschlossen, das ist jetzt aber eine Beschränkung meiner Freiheitsrechte!“

Gelungenste Steilvorlage

Plasberg las dem Ministerpräsidenten das Merz-Zitat („Es geht den Staat auch nichts an“) vor: „Das hat vor wenigen Wochen Friedrich Merz von der CDU gesagt. Ein Mann, der Kanzler werden will!“

Der SPD-Politiker lochte dankbar ein: Der Staat habe die Aufgabe, die Interessen der Gemeinschaft zum Ausdruck zu bringen, betonte er und schimpfte: „Herr Merz will Bundeskanzler werden. Ich hätte da einen Tipp, welche Konsequenzen man aus einer solchen Äußerung ziehen sollte!“

Heftigste Politikerschelte

„Die Äußerung ist nicht von gestern, sie ist ein paar Wochen alt“, fügte der Talkmaster sicherheitshalber ein. „Aber sie ist stimmig, offenbar.“

„Das macht mich traurig!“ lederte daraufhin die die Infektiologin los. „Traurig für jeden, der jetzt schier Unmenschliches leistet! Wir wissen nicht mehr, wie wir die Patienten auf der Station unterbringen sollen. Die Menschen müssen da rein in Vollvermummung. Es ist unglaublich heiß…“

Schlimmster Vorwurf

Und das reicht noch nicht: „Diese Leute machen sich keine Gedanken, ob sie Weihnachten feiern“, sagte sie über das Pflegepersonal. „Die arbeiten nämlich. Das ist meine Botschaft an Herrn Merz.“ Rumms!

Hm – aber hatte Merz denn das Klinikpersonal attackiert? Hatte er nicht über Grundrechtseingriffe gesprochen? Das klang hier alles schon sehr nach Wahlkampf. Auch wenn Weil später staatsmännisch mahnte, Corona aus dem Parteienstreit herauszuhalten.

Eleganteste Bosheit

Über die Lage der Altenheime sagte Bartens: „Bayern will zwei Mal die Woche alle Mitarbeiter und auch alle Besucher testen. Macht das ganz Deutschland, oder ist es nur wieder Markus Söder, der sich besonders nach vorne stellt?

„Es ist wie fast immer das Ergebnis eines gemeinsamen Beschlusses, den wir in allen Ländern anwenden werden“, lächelte Weil, „und in einem Land nimmt man es immer ganz besonders wahr.“ Uff!

Hoffnungsreichstes Statement

„Ich möchte groß auf die Straße schreiben: Fürchtet euch nicht!“ sagte die Pfarrerin mit voller Überzeugung, und die großen Silberkreuze an den Ohren schaukeln wacker mit.

„Die Kirche kann auch zur Virenschleuder werden!“ ätzte der SZ-Journalist ungerührt.

Weil blickte lieber nach vorn: „Wenn wir uns am 5.Januar treffen, werden wir wesentlich weiter sein“, sagte er über die nächste Ministerpräsidentenkonferenz. „Es gibt einige Länder, die können dann schon unter 50 sein“ – und andere würden dem ersehnten Inzidenzwert dann immerhin deutlich näher kommen.

Es gibt im Moment ganz viel Kreativität, wie man das eine oder andere Schlupfloch finden kann. Das ist alles Käse!“ schob Weil noch nach.

Wutanfall des Abends

Plasberg zeigte einen weiteren ARD-Einspieler: In vielen Ländern wird bereits geimpft, in der EU tut sich noch  nichts. „Ich begreife nicht, warum es in Europa so lange dauert, Impfstoffe zuzulassen, die anderswo auf der Welt jetzt schon angewandt werden!“ grollte Weil. „Das finde ich hoch ärgerlich! Das sorgt dafür, dass wir in Deutschland später anfangen, als wir wollten, und mit viel geringeren Mengen. Das finde ich mehr als nervig!“

Unfairster Seitenhieb

Bartens packt noch eine Schippe drauf: „Nicht nur ärgerlich, sondern gerade skandalös!“ schimpfte der Journalist. Der Zornausbruch diente ihm allerdings nur als Überleitung zu einer weiteren Politattacke: „Und nebenbei: Wir haben doch eine Flugtaxi-Beauftragte! Von der habe ich das ganze Jahr nichts gehört!“

Plasberg biss prompt an: „Sie meinen Dorothee Bär?“

Bartens tat, als wüsste er das nicht so genau: „So heißt sie, glaube ich“, erwiderte er. „Sie ist für die Digitalisierung zuständig“ – und nicht nur nebenbei CSU-Staatsministerin im Bundeskanzleramt.

Puh! Was kann Frau Bär denn für den Impfstoffzoff mit Brüssel? Schelte bekam sie jetzt trotzdem. Das muss man erst mal hinkriegen!

Wichtigste Prognose

„Wir werden wahrscheinlich das ganze nächste Jahr durchimpfen“, sagte die Infektiologin voraus, aber: „Ob wir überhaupt so viele Menschen impfen können, dass wir eine Herdenimmunität generieren können, ist fraglich.“

„Während wir uns vorbereiten, saugen uns die anderen die Impfstoffe ab!“ monierte der Talkmaster. „Die Angst habe ich jetzt ganz naiv auch!“

Schönstes Schlusswort

Doch Plasberg kann nicht nur Panik, er probierte es auch mal mit Selbstkritik. Nach dem Zitat des Bundesgesundheitsministers, wir würden uns später alle viel verzeihen müssen, legte der Talkmaster ein Teilgeständnis ab.

„Sind es nicht auch wir Journalisten“, sagte er über die Politikerschelte in der Coronazeit, „die dann als erste schreiben: der Zauderer, der Umfaller?“ Stimmt! Wie das nun auch in dieser Show wieder scheppernd zu hören war…

Fazit: Interessante Infos und realistische Prognosen, aber viel zu viel parteiische Attacken, geschmeidige Umdeutungen und gehässige Unterstellungen. Die letzte Sendung des Talk-Raufbolds Plasberg in 2020 war eine Show nach dem Motto „Klug und Trug“.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.