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Corona-Zoff bei „Hart aber Fair“: Kubicki streitet mit Tschentscher um Kompetenzen

„Hart aber Fair. Durchbruch beim Impfstoff: Hoffnungsschimmer statt Horror-Winter?“ ARD, Montag, 10.November 2020, 21 Uhr.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) und Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) haben sich in der ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ am Montag ein Scharmützel über die weiteren Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie geliefert.

Dabei ging es um die Frage, welcher Personenkreis Vorrang haben solle, wenn ein Impfstoff zum Einsatz komme.

Dass wir mit den Personen beginnen, die besonders gefährdet sind, wird niemand in Frage stellen“, glaubte Tschentscher.

„Doch!“ widersprach Kubicki zur Überraschung der Talk-Runde. Der FDP-Politiker hatte zwar nichts an der Empfehlung auszusetzen, aber viel an der Zuständigkeit der Länder in dieser Frage: „Zunächst einmal wird das der Deutsche Bundestag entscheiden, und keine Versammlung von Ministerpräsidenten und der Bundeskanzlerin!“ ätzte er.

Eine deutsche Firma hat den ersten Corona-Killer der Welt am Start. Impfschutz 90 Prozent. Die Politik applaudiert, die Börse explodiert, und in „Hart aber Fair“ sprach Frank Plasberg mit Macher, Experten und Betroffenen:

Tschentscher stellte klar: „Bis wir einen Impfstoff haben, müssen wir uns alle weiter stark einschränken!“

Kubicki fordert: „Wir sollten Risikogruppen schützen und sonst so viel normales Leben wie möglich zulassen!“

Der SPD-Gesundheitspolitiker Prof. Karl Lauterbach ging gleich aus dem Sattel: „Das ist ein Riesendurchbruch für Deutschland!“

Die Virologin Prof. Isabella Eckerle relativierte: „Der Impfstoff ist ein ganz wichtiges Hoffnungssignal, wird uns aber nicht die Herausforderungen ersparen, die in den nächsten Monaten vor uns liegen.

Der Sternekoch Steffen Henssler ärgerte sich: „Wir Gastronomen müssen zumachen, obwohl wir auf Hygiene und Abstand achten. Busse und Bahnen sind dafür rappelvoll. Das ist doch reinste Symbolpolitik!“

Die Journalistin Kristina Dunz („Rheinische Post“) hatte über ihre eigene Corona-Erkrankung zu berichten.

Evangelikalste Einleitung

Plasberg startet ungewohnt überschwänglich: „Trump abgewählt! Corona-Impfstoff gefunden! Man könnte meinen, der liebe Gott hat wieder Spaß an der Arbeit gefunden“, freute er sich. Hm – das klang ein bisschen wie die frommen Trump-Unterstützer aus der Superbeterszene.

Schönster Versprecher

Dazu leistete sich der Talkmaster gleich mal eine Freudsche Fehlleistung: „Was ist, wenn Colona-Leugner, äh, Corona-Leugner zu Impfgegnern mutieren?“ fragte er. Für einen Kölner war der Lapsus allerdings verzeihlich, besonders zwei Tage vor dem 11.11. Viva Colonia!

Erste Wermutstropfen

Lauterbach bliebt seiner Rolle als Alarmposten treu: „Statt 100 werden jetzt nur 10 krank“, rechnete er vor. „Aber was wir nicht wissen, ist, ob die anderem 90 angesteckt oder sogar ansteckend sind. Von denen können durchaus 30 infiziert sein!“

Und: „Es kann sein, dass die 10, die es bekommen, trotz Impfung sehr schwer erkranken.“ Aber: „Ich bin optimistisch, dass wir weiter auf einem guten Weg sind.“

„Eine sehr gute Nachricht“, freute sich Tschentscher. Trotz der Bedenken des Parteifreunds sah der Hamburger „Licht in diesen doch etwas dunklen Zeiten.“

Henssler klang deutlich zurückhaltender: „Ich dachte im ersten Moment: Halleluja!“ meinte der Sternekoch. „Aber das ändert nichts an dem, was gerade stattfindet.“ Sein berufsspezifisches Urteil: „So richtig gegessen ist das Thema noch nicht!“

Interessanteste Reaktionen

Kubicki, bartmäßig immer mehr in Richtung Hemingway unterwegs, war erleichtert: „Das ist deshalb eine gute Nachricht, weil die Menschen das Gefühl haben, ihr Leben könnte wieder planbar werden“, sagte er.

Journalistin Dunz blieb vorsichtig: „Ich würde erst mal weitermachen wie bisher. Abstand halten, Maske tragen.“

Plasberg zitierte aus einem Positionspapier der Ständigen Impfkommission vom Tage. Als erste sollen demnach geimpft werden: Ältere Menschen, Risikogruppen, Beschäftigte im Gesundheitswesen, Bereiche der Daseinsfürsorge.

„Hört sich für mich sehr plausibel an“, kommentierte Tschentscher.

Aber: „Heute hat die Chefin des Philologenverbandes gefordert, dass auch Lehrer bevorzugt geimpft werden sollen“, schob Plasberg nach und zitierte: „Lehrer gehören zu der Berufsgruppe, die jeden Tag auf engstem Raum mit vielen Menschen zusammen sind.“

Provokanteste Frage

„Politiker kommen auch jede Tag mit Menschen zusammen“, fügte der Talkmaster launig hinzu. „In Sachsen ist das halbe Kabinett in Quarantäne. Herr Röttgen auch, Herr Merz auch wieder…“

Lauterbach grinste, aber Tschentscher konnte darüber gar nicht lachen: „Nun muss man doch nicht heute Abend schon beginnen, darüber zu streiten!“ murrte er.

Heikelster Aspekt

„Das sind Zuschauerfragen“, behauptete Plasberg fröhlich. Wirklich? Die Frage nach den Politikern klang eher nach einer munteren Talkshow-Redaktion auf Zoff-Suche. Faktencheck!

Wirksamste Beruhigungspillen

Wahrscheinlich werden diese Gruppen parallel geimpft werden“, besänftigte Virologin Eckerle die Gemüter. Und: „Es sind noch ganz viele andere Impfstoffe im Rennen.“

Tschentscher weiß, worauf es jetzt ankommt: „Man muss Impfzentren gründen“, erklärte er. „Zum Teil muss man Impfstoffe sehr stark kühlen. Das ist etwas, das wir jetzt auch technisch vorbereiten.“ Dann müsse man die Impfungen organisieren, und das sei „nicht etwas, was vom Himmel fällt!“

Zwischenruf des Abends

Wenn es um Kontakte geht, dann müsste eigentlich der Kellner, der jeden Tag Gäste bedient, auch auf die Liste kommen!“ meldete sich Henssler.

Finsterstes Horror-Szenario

„50 Prozent haben erklärt, sie wären bereit, sich impfen zu lassen“, berichtete Kubicki. Aber es gebe auch viele harte Impfgegner. Seine Schreckensvision: „Stellen Sie sich mal vor, Sie müssten jetzt 13 Millionen zwangsweise mit der Polizei zum Impfen schleppen!“

Das wollte sich hier keiner ausmalen. Auch nicht Lauterbach, der sonst nicht mal Teufels Großmutter fürchtet. „Wenn der Impfstoff tatsächlich 90 Prozent erreicht, dann bekomme ich mit Freiwilligkeit die Herdenimmunität hin“, versprach er.

Tapferste Idee

Henssler bekämpfte das Gefühl der Hilflosigkeit mit  einer nicht ganz ernst gemeinten Phantasie: „Das wäre doch was“, spottete er. „Statt des Raucherbereichs gibt es einen Bereich für die Geimpften und einen für die nicht Geimpften!

„Der Impfstoff wird und helfen, aus der Pandemie herauszukommen“, kündigte die Virologin an. „Aber er wird nicht von heute auf morgen alles andere ersetzen. Es wird eine lange Übergangsphase geben, in der wir die Regeln noch beibehalten müssen.“

Realistischste Rechnung

„Wir werden am Anfang auf Abstand und Maske nicht verzichten können“, assistierte Lauterbach. „Bis wir ganz Deutschland zur Herdenimmunität durchgeimpft hätten, vergeht mindestens ein Jahr.

Seine Rechnung: „Wir impfen pro Tag etwa 300.000 Leute. Wenn man pro Patient sechs Minuten zur Verfügung hat, würde man die 60 Zentren das ganze Jahr hindurch betreiben müssen, um über die Runden zu kommen.“

Spannendste Infos

„Aber dann müsste der Impfstoff auch wirklich rollen“,  fügte Lauterbach hinzu. „Der BioNtech-Impfstoff muss bei minus 70 Grad abgeliefert werden. Da laufen GPS-Sender mit. Das muss mit der Bundeswehr gemacht werden.“ Uff!

Außerdem, so der Gesundheitspolitiker, gebe es noch drei andere Impfstoffe, deren Entwicklung jetzt kurz vor dem Abschluss stehe: „Wie man hört, sind dort die Ergebnisse ähnlich vielversprechend. Und im nächsten Jahr kommen noch mal drei andere.“

Kraftausdruck des Abends

Kubicki brach eine Lanze für die Gastronomie: „Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass die Hygienekonzepte nicht funktionieren“, machte er klar.

„In Berlin war das zu sehen“, meinte die Journalistin .

Doch damit bohrte sie einen Nerv an: „Über diesen Senat ärgere ich mich zu Tode!“ wetterte der FDP-Politiker los. „Dass man hier große Familienfeiern zugelassen hat, mit mehreren hundert Leuten, ist eine Sauerei ohne Ende!

Die Leute sind vernünftiger, als mancher Politiker glaubt!“ lobte Tschentscher hoffnungsvoll.

Lautester Alarmruf

Lauterbach drückte noch mal auf die Hupe: „Wir müssen die Kontakte um 75 Prozent reduzieren“, forderte er, „sonst kommen wir aus dem Shutdown nicht heraus. Wenn uns das nicht gelingt, müssen wir den Shutdown sogar verschärfen!“

„Es bringt nix, wen man sich in so ein Wunschdenken flüchtet“, warnte die Virologin, „weil die Realität danach umso härter zuschlägt.“

Ihr bestes Beispiel: „Das ist wie bei einer Diät. Wenn ich eine Null-Diät mache und zehn Kilo abnehme, und dann ganz normal weiter esse, dann habe ich die zehn Kilo sofort wieder drauf!“

Shitstormverdächtigstes Statement

Zum Schluss zeigte Plasberg Zuschriften, in denen sich Zuschauer um den Schutz der Privatsphäre sorgten. „Da hat einer aus dieser Runde sich hervorgewagt und ein bisschen die Finger verbrannt“, sagte der Talkmaster maliziös.

Gemeint war natürlich Lauterbach. Sein Zitat: „Die Unverletzbarkeit der Wohnung darf kein Argument mehr für ausbleibende Kontrollen sein.“ Das gab schon reichlich Zores.

Letzte Mahnung

Ich meinte nicht, dass da jemand mit ‘ner Ramme kommt und wie bei der Terrorfahndung die Tür aufschlägt!“ rechtfertigte sich der Gesundheitspolitiker jetzt. Aber: „Wenn irgendwo eine nächtliche Ruhestörung stattfindet, kommt die Ordnungsbehörde oder sogar die Polizei!“

Lauterbachs klare Ansage: „Wenn sich die Party tatsächlich ins Private verlagern würde, und wir könnten die Reduktion vergessen, dann wäre das keine Privatsache, sondern das gefährdet den Erfolg der ganzen Maßnahme, ob wir den Shutdown verlängern oder sogar verschärfen müssen.“ Rumms!

Fazit: Volle Kanne Infos, aber viel Chaos, dazu immer wieder Meinungsstreit bis der Chefarzt kommt: Das war ein Talk der Abteilung „Zoff limits“.

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