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Corona-Warnung bei Anne Will. Virologe Streeck fürchtet: „Wir kommen an die Grenze unserer Testkapazitäten!“

„Anne Will: Ein halbes Jahr Corona-Krise – geht Deutschland mit der richtigen Strategie in den Herbst?“ ARD, Sonntag, 20.September 2020, 21.45 Uhr.

Der Virologe Prof. Hendrick Streeck hat in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag eindringlich vor einer neuen Gefahrensituation durch Covid-19 gewarnt.

Wörtlich sagte der Experte: „Im Winter werden die Infektionszahlen wieder in die Höhe gehen. Dann kommen wir an die Grenzen unserer Laborkapazitäten!“

Wichtig sei jetzt vor allem, die Bevölkerung klug zu informieren, meinte der Virologe. Am besten mit einer Corona-Ampel: Wer morgens die Zeitung aufschlage und auf einen Blick sehen könne: Aha, Grün, oder Gelb, der habe davon mehr als von Zahlen, die auch nicht jeder auf Anhieb verstehe.

Oktoberfest, Karneval, Weihnachtsmärkte: Das Virus knipst uns die Freude aus. Anne Wills Gäste:

Malu Dreyer (SPD). Die Ministerpräsidentin aus Mainz trieb Erleichterungen für Kultur, Kirchen, Kinos, Sport und Einzelhandel voran.

Marina Weisband (Grüne). Die Autorin und Aktivistin twitterte: „Bildung muss Priorität haben. Das würde zeigen, wer wir als Land sind.“

Streeck forderte bereits zuvor einen Strategiewechsel: „Wir dürfen uns bei der Bewertung der Situation nicht allein auf die reinen Infektionszahlen beschränken.“

Der Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery möchte, dass Reiserückkehrer aus Risikogebieten die Kosten für Corona-Tests selber bezahlen.

Der ARD-Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar fordert eine Maskenpflicht für Schüler und Lehrer.

 

Lauter bekannte Gesichter. Haben sich die Ansichten geändert? Der Talk war gleich auf Temperatur.

Der Ärztepräsident wetterte in einem Einspieler: „Wir haben ganz viel Vertrauen in der Bevölkerung dadurch verloren, dass in dem einen Landkreis diese Regel galt, im nächsten eine andere, weil das die Länder selber entscheiden konnten!

„Kann sich Deutschland den Wildwuchs zum Teil unterschiedlicher Regelungen weiter erlauben?“ fragte die Talkmasterin spitz.

Kühlster Konter

Doch die Ministerpräsidentin war ganz anderer Meinung: „Die regionalen Vorgehensweise war sehr erfolgreich“, widersprach sie gelassen und setzte noch einen drauf: „Ich bin zuversichtlich, dass wir die Lage ziemlich gut im Griff haben!“

Will schwenkte eilig um: „Ist das nicht sofort für jeden zu verstehen, dass man unterschiedlich agiert?“ fragte sie den Ärztepräsidenten. „Warum soll das Vertrauen kosten?“

Verblüffendstes Beispiel

„Weil das gar nicht der Inhalt meiner Kritik war“, wehrte sich Montgomery.

„Ach kiek mal!“ sagte die Talkmasterin verblüfft. Alles plötzlich ganz anders?

Doch Montgomery hatte ebenfalls gute Beispiele, z.B. den Golfplatz an der Landesgrenze zwischen Bremen und Niedersachsen: Auf der Bremer Hälfte durfte bald wieder gespielt werden, auf der anderen nicht.

Vernünftigster Vorschlag

„Wir müssen der Bevölkerung immer wieder klarmachen: Wir sind mitten in der Pandemie!“ forderte der Ärztepräsident. „Wir sind nicht in der zweiten Welle, wir haben eine Dauerwelle!“

„Keiner von uns weiß, wie es geht“, gestand der Virologe, „keiner hat einen Blueprint für den besten Weg.“

Das Warten auf einen Impfstoff könne noch Jahre dauern, sagte Streeck voraus. Und weil man nicht alles auf unbestimmte Zeit stilllegen könne, sei es besser, ab jetzt „mit angezogene Handbremse zu fahren“. Heißt: So viel erlauben wie vertretbar.

Schärfste Kritik

Grüne-Weisband regte sich über die Bundesliga auf: „Wir müssen Schulen und Kitas in der Dringlichkeit hochstufen!“ forderte sie. „Danach kommt lange nichts, und der Fußball erst ganz am Schluss!“

Ihre Idee: Hybrider Unterricht, also gleiche Vorbereitung für Schule und Online. Und Unterricht in Veranstaltungsräume auslagern, die zurzeit nicht benötigt werden.

Interessantester Rat

„Die wichtigste Vokabel heißt ‚differenziert‘, dozierte Yogeshwar. „Differenziert gucken, differenziert vorgehen.“

Zugleich wollte der ARD-Experte „keine Polarisierung aufkommen lassen“ und das auch gleich im „Wording klarmachen“. Uff!

Wichtigste Klarstellung

Superspreader-Ereignisse gibt es nicht in Stadien, wo 8000 Zuschauer Masken tragen“, stellte Streeck fest, „sondern in Bars, auf Kappensitzungen oder bei Veranstaltungen ohne Hygienekonzepte, wie sie heute aber überhaupt nicht mehr angedacht werden.“

Montgomery schenkt ein Quantum Trost ein: „Es gibt Bars, in denen man ein sehr gepflegtes Glas Rotwein trinken kann!“

Bester Tipp

Die eigentliche Härte kommt erst, wenn es kälter wird“, warnte Yogeshwar. „Da brauchen wir adäquate Hygienekonzepte!“

Montgomery steuerte ein unwillkommenes Urteil bei: „Es ist eine Grundrechtseinschränkung, eine Maske tragen zu müssen!“

Immer einen Schritt zurücktreten, dann kommt nicht mehr die geballte Virenladung an“, empfahl Streeck. Denn wenn die verseuchten Aerosol-Tröpfchen dicht an dicht im Gesicht einschlagen, „kommt das Immunsystem irgendwann nicht mehr hinterher.“

Ungewöhnlichster Vorschlag

Die Grüne-Politikerin möchte, dass „zufällig geloste Bürgerräte mit Experten Maßnahmen besprechen“, denn das sichere „eine höhere Akzeptanz in der Bevölkerung“.

Hm – eine Corona-Räterepublik? Aber auch Dreyer findet das gut, hat mit ihrem „Corona-Bündnis“ sogar bereits etwas Ähnliches organisiert. Bei ihr heißen die Bürgerräte allerdings nur „Bürgerbeiräte“.

Schönstes Kompliment

Dass die Bevölkerung so gut mitgegangen ist, war entscheidend dafür, dass wir bisher so gut davongekommen sind“, lobte Grüne-Weisband.

Aber: „Viele Menschen fühlen sich unsicher“, warnte die Aktivistin gleich danach und brachte die allgemeine Gemütslage auf den Punkt: „Dinge ändern sich, und das ist gruselig. Man will dann immer auf Fake News reinfallen.

Montgomery punktete mit einem Fremdzitat: „Das Schlimme an Halbwahrheiten ist, dass immer die falsche Hälfte geglaubt wird!

Klügste Warnung

Dreyer findet Streecks Corona-Ampel klasse und ist auch schon mit einem eigenen Modell am Werk: „Wir müssen mehr Transparenz schaffen!“

Weisband sah ein Problem bei den Corona-Meldezetteln: In einer Hamburger In-Kneipe etwa trugen sich Witzbolde als „Lucky Luke“, „Darth Vader“ oder „Benjamin Blüchen“ ein.

Die Aktivistin will deshalb „dafür sorgen, dass die Polizei nicht darauf zugreifen kann“, denn: „Wir müssen dieser rebellischen Art, euch da oben zeig ich’s, den Wind aus den Segeln nehmen.

Schönstes Schlusswort

„Wenn sich einer falsch verhält, könnten viele andere darunter leiden“, warnte Dreyer. „Corona ist kein Sprint, sondern ein Marathon!

Und Yogeshwar ging mit einer charmanten Forderung nach mehr Meldezettel-Diskretion von der Matte: „Ich will nicht, dass jeder Kellner lesen kann, was die Handynummer von Anne Will ist.“  Das erfüllte dann den Goldstandard der Talktauglichkeit!

Fazit: Der gewollte Theaterdonner zur Beeindruckung des Publikums rumpelte ziemlich laut, aber die Show ging ohne Oberlehrer-Gesänge, Verlust der Impulskontrolle oder Überlastung des Emotionalantriebs über die Bühne. Der Ernst der Lage wurde jedem Zuschauer umso besser klar, dank dieses Talks der Kategorie „Das ist keine Übung!“

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