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Corona-Talk in „Hart aber Fair“. Wenig Impfstoff, viel Impf-Zoff

„Hart aber Fair: Rettung nur tröpfchenweise – bekommt Deutschland zu wenig Impfstoff?“ ARD, Montag, 4.Januar 2021, 21.45 Uhr.

Die Republik fiebert im Impf-Chaos, die Kanzlerin zündet den im Kritikerabwehrmodus, die ARD ist aufgeschreckt: In einem schnell neu einprogrammierten „Hart aber Fair“-Talk fragte Frank Plasberg, ob es eigentlich genug Impfdosen gebe. Ernsthaft? Das glaubt doch kein Mensch mehr! Auch nicht die Gäste:

Der EVP-Gesundheitspolitiker Peter Liese (CDU) ärgert sich: „Die Kritik an der EU ist überzogen! Es wurde auch viel richtig gemacht!“

Der Gesundheitsabgeordnete Prof. Karl Lauterbach (SPD) drängt darauf, dass die Impfung jetzt ganz schnell ins Rollen kommt: „Da zählt jeder Tag!“

Der Generalsekretär und rheinland-pfälzische Wirtschaftsminister Volker Wissing (FDP) fordert, wenn Europas versage, müsse „die Bundesregierung über einen nationalen Alleingang nachdenken.“ Er wurde aus Mainz zugeschaltet.

Die Wissenschaftsredakteurin Christina Berndt („SZ“) hofft immer noch: „Wir können noch einiges ausbügeln.“

Der Journalist Markus Feldenkirchen („Spiegel“) kritisierte: „Bei der Impfstoffbeschaffung waren Europa und auch die Bundesregierung viel zu passiv!“

Durchhalteparolen gegen Untergangsvisionen. Plasberg schlug auch gleich den passenden Ton an: „Der Impfstoff kleckert rein, während andere klotzen!“

Deutlichste Ansage

Dazu lieferte der Talkmaster auch gleich zwei Erklärungen für den deutschen „Stotterstart“. Die amtliche geht so: „Deutschland wollte den europäischen Weg gehen, um die Gemeinschaft zu stärken und nicht zu dominieren!“

Die andere hört sich weniger schön an: „Weil wir es zusammen mit Brüssel schlicht versemmelt haben, während andere schon auf Einkaufstour gingen!“ zitierte der Talkmaster aus der heimlichen Selbstkritik der Verantwortlichen.

Verheerendste Bilanz

Wenig Impfstoff, viel Impfzoff! Die aktuellen Zahlen konnten die Laune der Talkrunde nicht bessern. Die ARD musste in einem Einspieler zähneknirschend zugeben, dass der als Clown verspottete US-Präsident einen besseren Durchblick hatte als seine europäischen Kritiker. O-Ton aus dem Kurzbericht: „Donald Trump hatte schon im Sommer Verträge geschlossen und sich so mehr als eine Milliarde Impfdosen gesichert.“ Ui! Der alte Dealmaker!

Schwächstes Geständnis

Plasberg wollte etwas „herauskitzeln“ und knöpfte sich dazu den CDU-Europapolitiker vor: „Was können eigentlich Donald Trump, Boris Johnson und Benjamin Netanjahu besser als Ursula von der Leyen und vielleicht auch unsre Regierung?“ ätzte der notorische Krawalltalker.

„Bei der Anmoderation, das muss ich als Arzt sagen, habe ich geschluckt“, beschwerte sich Liese prompt, aber: „Als Europapolitiker sage ich, dass ich auch enttäuscht bin. Aus heutiger Sicht wäre es richtig gewesen, anders zu handeln.“ Er sei aber nicht so vermessen, zu sagen, dass er es besser gemacht hätte.

Untauglichster Blitzableiter

So leicht kam der CDU-Mann bei Plasberg aber nicht aus der Nummer raus. Stattdessen kassierte Liese einen Verweis: „Ich glaube, man kann Europa einen guten Dienst erweisen, wenn man die Fehler klar benennt!“ ermahnte ihn der Talkmaster.

„Ja, es war sicherlich ein Fehler, nicht mehr zu bestellen“, gab Liese darauf notgedrungen zu, suchte aber die Schuld gleich wieder anderswo: bei der US-Weltfirma, die mit dem Tübinger Spitzenreiter BioNtech zusammenarbeitet.

Ungewöhnlichste Begründung

Lieses Behauptung: „Man spürte bei den Gesprächen, dass der große Pharmakonzern Pfizer immer im Hintergrund ist. Und Pfizer hat in den Verhandlungen  mit der EU zunächst darauf bestanden, dass sie nicht haften, selbst wenn die Firma einen Fehler macht.“

Das aber habe, so der Europapolitiker weiter, „ein Gefühl der Unsicherheit erzeugt“ und die deutschen Wissenschaftler bewogen, „noch präziser zu arbeiten“.

Trump, Johnson und Netanyahu dagegen hätten sich „offensichtlich solche Gedanken nicht gemacht.“ Puh!

Und schon ging der Zoff los

„Das überzeugt mich nicht!“ bügelte Lauterbach den CDU-Kollegen ab. Der SPD-Experte kennt den wahren Grund: „Europa hatte für die Vorverträge nur zwei Milliarden Euro zur Verfügung“, berichtete er. „Das war viel zu wenig. Trump hatte zum gleichen Zeitpunkt zwölf Milliarden Dollar eingesetzt!“

Und, so Lauterbach weiter: „Die Franzosen haben darauf geachtet, das nicht zu viel deutscher Impfstoff gekauft wird, im Vergleich zu dem französischen“, der aber noch lange nicht fertig sei.

Lauterbachs knallharter Vorwurf: „Ich glaube tatsächlich, dass hier fachfremde Überlegungen eine Rolle gespielt haben!

Kniffligste Frage

Plasberg stellte den französischen Impfstoff gleich mal in den Senkel. „Wir wissen, dass Sanofi ein Rohrkrepierer sein kann“, urteilte er. „Kann es sein, dass eine solche nationale Überlegung eine Rolle spielte, nach dem Motto: Die Franzose wollten es, aber haben es nicht hingekriegt?“

Hier schaltete Lauterbach vorsichtshalber in den Diplomatenmodus: „Aus Verhandlungskreisen wird das sicherlich nicht dementiert werden“, säuselte er.

Schärfste Attacke

„Ein Trauerspiel!“ wetterte SZ-Berndt. „Gerade wenn man bedenkt, dass unsere Gesundheit, unser Leben, unsere Wirtschaft und auch unsere Bildung davon abhängen, dass wir jetzt dieses Impfprogramm möglichst schnell durchziehen!“

Auch FDP-Generalsekretär Wissing hieb in die Kerbe: „Wenn das stimmt, dann haben ganz offensichtlich auf europäischer Ebene nationale Partikularinteressen dazu geführt, dass wir jetzt alle gleich schlecht versorgt sind!“ wütete er.

Bitterste Pille

Besonders ärgere ihn, so der Liberale weiter, „dass wir zuschauen müssen, wie ein Impfstoff, der in Deutschland entwickelt und hergestellt wurde, in den USA, in Israel, in Großbritannien verimpft wird, während wir mit einer Unterversorgung der Bevölkerung leben müssen!

Wissings vernichtendes Urteil: „Das sind skandalöse Ergebnisse einer offensichtlich sorgfaltswidrigen Politik! Das ist eine Katastrophe! Man hat Europa damit einen Bärendienst erwiesen! Das ist etwas, das dringend der Aufarbeitung bedarf! Das ist schlimm gelaufen!“

Parteipolitischste Attacke

CDU-Mann Liese versuchte es mit einem Gegenangriff: Die Debatten im Europäischen Parlament, berichtet er, „waren geprägt von Grünen, Linken, Teilen der Sozialdemokratie und auch der Liberalen, die gesagt haben: Was macht ihr da? Wir wollen wissen, wie die Haftung ist!“

Nachher habe er die Grünen aufgefordert, zuzugestehen, dass es richtig gewesen sei, den Vertrag mit BioNtech zu machen, doch: „Die vier grünen Redner, auch die Deutsche Jutta Paulus aus Rheinland-Pfalz, haben das nicht über die Lippen gebracht!“

Hm – Vorwürfe gegen Rotgrün, in der ARD, bei Plasberg? Gar nicht so einfach. „Herr Liese hat einen schweren Stand“, spottete der Talkmaster. „Die Frage ist, ob uns die Aufarbeitung von kleinteiligen Debatten im Europaparlament auch wirklich hilft…“ Uff!

Überraschendstes Statement

Dann legte Plasberg den Finger in die Wunde: „Das Ärgerliche ist auch, dass ausgerechnet Donald Trump und Boris Johnson, die oft belächelt worden sind, denen man ein interessantes Verhältnis zu demokratischen Strukturen teilweise unterstellt, jetzt plötzlich dastehen als diejenigen, die der EU zeigen, wie man’s macht.“ Rumms!

Wichtigstes Detail

Für den FDP-General war das aber nicht das größte Problem: Er fürchtet Schäden, die nicht wieder gutzumachen seien, etwa wenn Menschen ihr Leben verlören, weil sie nicht geimpft würden.

Dann ließ Wissing die Katze aus dem Sack: „Wir haben Hinweise, dass es auch in der CDU unterschiedliche Auffassungen gab“, berichtete er über den Gesundheitsminister. „Herr Spahn wollte offensichtlich mehr Impfstoff beschaffen, mit einer Allianz von einzelnen europäischen Staaten. Die Kanzlerin soll das nicht gewollt haben.“

Dickster Hund

Danach blendete Plasberg die aktuelle BILD-Schlagzeile ein: „Scholz und die SPD starten Frontalangriff auf Spahn“. Der Talkmaster verblüfft: „Es gibt einen Fragenkatalog von Scholz an Spahn, im Tonfall leicht inquisitorisch. Ein Minister einer Regierung schickt einem anderen Minister einen Fragenkatalog!“

„Das ist wirklich ein einmaliger Vorgang!“ staunte auch der „Spiegel“-Mann. „Ein Fragenkatalog vom Vizekanzler an den Gesundheitsminister! An der Kanzlerin vorbei! Das zeigt, dass die Harmonie in der Koalition jetzt offenbar vorbei ist.“

Schlüssigste Vermutung

Feldenkirchens Analyse: „Vielleicht stört es auch den einen oder anderen Genossen, dass vor allem die Kollegen von der CDU, allen voran Jens Spahn, so hervorragend öffentlich dastehen!“

„Einen Koalitionskrach darf es auf keinen Fall geben!“ warnte Lauterbach. „Wir sind in der Krise auch ein Stück weit zusammengewachsen. Wir werden auch weiter gut zusammenarbeiten!“

Alarmierendste Prophezeiung

Die nächsten drei Monate werden mit großen Abstand die schwersten der Pandemie sein“, kündigte der SPD-Experte an. „Da müssen wir zusammenhalten!“

Das zeigt, wie sehr die Hütte brennt“, urteilte die SZ-Journalistin über die finanzministerliche Frageattacke.

Unterhaltsamste Beifänge

Feldenkirchen witterte im „Spiegel“-Stil, dass „der Bundesgesundheitsminister sicherlich nicht undankbar dafür ist, dass die BILD-Zeitung der Bundeskanzlerin die Schuld für die Impfstoff-Geschichte in die Schuhe schiebt.“ Wow!

Plasberg prangerte die niedrige Impfquote in Thüringen an: „Herr Ramelow möchte die Bewegungsfreiheit seiner Bürger einschränken. Sollte er nicht stattdessen mal die Beweglichkeit seiner Impfteams erweitern?“

Sinnvollste Vorschläge

Lauterbach lobte die Strategie der Engländer, die zweite Dosis nicht schon drei, sondern erst zwölf Wochen nach der ersten zu spritzen. Denn so könnten sehr schnell viel mehr Menschen geimpft werden.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass man allein mit der ersten Dosis Todesfälle verhindert, ist sehr hoch“, erklärt der Experte. „Dann hätten wir jetzt für die kritischen drei Monate doppelt so viel Impfstoff. Der würden uns zwar dann im April, Mai, Juni fehlen, aber bis dahin kommen ja andere Impfstoffe dazu.“

Dringendste Forderung

„Nach der ersten Impfung ist der Impfschutz schon zu

90 Prozent da“, assistierte die SZ-Journalistin. Trotzdem müssten die Geimpften spätestens nach drei Monaten auch zur zweiten Impfung unbedingt kommen.

Doch das war noch nicht alles: Lauterbach möchte die Zahl der wöchentlichen Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner nicht wie früher auf 50, sondern sogar auf 25 drücken.

„Wir hoffen auf den Sommer“, meinte Plasberg dazu.

Appell des Abends

„Diesmal muss es wirklich gutes Handwerk sein“, sagte Lauterbach zum Schluss. „Das ist wahrscheinlich der wichtigste Lockdown von allen, und die letzte Chance, die wir haben, um noch einmal die Bevölkerung so zu mobilisieren, dass wir die Fallzahlen richtig runterbekommen!

Fazit: Die eilig zusammengetrommelte Talk-Truppe legte ohne langes Abtasten los, ganz ohne die Profibeschwichtiger an der Phrasenpumpe oder die gefürchteten wechselhaften Meinungsmutanten. Der strenge Onkel Lauti hielt das Thema routiniert auf Kurs. Das war ein Talk der Kategorie „Alarmstart“.

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