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Corona-Talk in „Hart aber Fair“: Kippt das Reiseverbot?

„Hart aber Fair: Das Virus kommt mit Macht zurück – wer schützt jetzt die Alten?“ ARD, Sonntag, 12.Oktober, 21 Uhr.

Der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Staatssekretär Andreas Westerfellhaus, hat in der ZDF-Talkshow „Hart aber Fair“ am Montag deutlich die Erwartung geäußert, dass das wegen des Corona-Virus erlassene Reiseverbot bald gekippt werden könnte.

Wörtlich sagte der Mann aus Jens Spahns Gesundheitsministerium: „Ich glaube, dass das Reiseverbot nicht aufrechterhalten wird!“

Im Frühjahr erschütterte das massenhafte einsame, trostlose Sterben in den Heimen das Land. Jetzt sprach Frank Plasberg über den Herbst mit diesen Gästen:

  • Westerfellhaus hat die Arbeit auf der Intensivstation von der Pike auf gelernt.
  • Der Ex-EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider pflegte seine an Leukämie erkrankte jüngste Tochter zwei Jahre lang bis zu ihrem Tod.
  • Der gelernte Krankenpfleger Bernd Meurer betreibt drei Alten- und Pflegeheime.
  • Die Krankenpflegerin Nina Böhmer schrieb das Buch „Euren Applaus könnt ihr euch sonstwohin stecken„.
  • Der Intensivmediziner Prof. Uwe Janssens unkt: „Die Bundesregierung wird von allem überrascht!“
  • Der frühere Hausmeister Alex Kienscherf zog zu seiner demenzkranken Frau ins Seniorenheim.

Endlich mal wieder eine parteistreitfreie Corona-Sendung im deutschen Prime-Talk. Zum Auftakt hatte sich Plasberg einen passenden Vergleich ausgedacht: „Die Coronazahlen sind ein bisschen wie die Wetterkarte“, meint er, „man sieht das Unheil herannahen!

Prof. Janssens hoffte: „Man kann das Virus in den Griff bekommen, wenn man gesellschaftliche Disziplin übernimmt und lebt.“

Deutlichste Kritik

Pflegerin Böhmer schoss gleich mal gegen die Sperrstunde: „Nicht unbedingt richtig! Das Virus sagt ja auch nicht: Jetzt gehe ich ins Bett! Die Leute tun sich zusammen und gehen dann zu irgendwem nach Hause.“

EKD-Schneider schilderte, wie er sich beim Umzug von Berlin nach Köln von seinen Enkeln verabschieden musste, ohne sie umarmen zu dürfen: „Das bricht einem das Herz!“

Realistischste Prognose

Westerfellhaus wohnt in Rheda-Wiedenbrück und weiß seit Corona: „Es ist schon etwas Besonderes, Stigmatisierung zu erleben, nur weil man ein bestimmtes Autokennzeichen hat!“

Tiefgründigste Erkenntnis

Zum Gespräch über die Not der Corona-Opfer und ihrer Angehörigen, die oft nicht mehr Abschied voneinander nehmen können, steuert Theologe Schneider eine wichtige Beobachtung bei: „Es gibt Menschen, die können erst sterben, wenn die Angehörigen aus dem Zimmer sind.“

Und: „Die Angehörigen, die Nähe, die Stimme, die schweben zwischen Himmel und Erde.“

Meurer erinnerte an die schlimmen Zustände im Frühjahr: „Unser einziges Schutzmittel war, die Türen abzuschließen!“

Härtester Vorwurf

„Die Personalsituation ist immer noch die gleiche, die Materialsituation ist immer noch die gleiche, wir arbeiten immer noch an der Belastungsgrenze“, klagte Böhme, „und beim versprochenen Einmalbonus fängt man schon wieder an zu feilschen!“

Dazu hatten die Experten was zu sagen, und prompt gibt‘s Fachsprache satt: „Pflegecomebackstudie“,  „Personalbemessungssysteme“, „Ersatzvornahme“. Puh!

Klarste Begründung

Schneider weiß, warum es bei der besseren Bezahlung in der Pflege nicht recht vorangehen will: „Die Pflegenden sind erpressbar, weil sie so ein hohe Verantwortungsbewusstsein haben!

Das sprach der Pflegerin aus der Seele: „Bei uns ist es nicht wie bei der Bahn, wo die Leute streiken, und dann steht alles still“, sagt sie.

Strittigster Punkt

Ein ARD-Einspieler informierte über die laufenden Tarifverhandlungen: Ab 2023 soll eine Pflegekraft 18.50 Euro Stundenlohn bekommen. Doch damit der neue Tarifvertrag in ganz Deutschland gilt, muss ihn der Arbeitsminister für allgemeinverbindlich erklären.

Hubertus Heil will nicht zögern, aber Heimbetreiber Meurer goss gleich Wasser in den Wein: „Das wäre in mehreren Punkten verfassungswidrig!“ erklärt er. Und gegen einheitliche Stundenlöhne von Stralsund bis Freiburg spreche z.B., dass die Wohnverhältnisse in Großstädten ganz anders seien als auf dem flachen Land.

Prompt gab es Zoff

„Das verstehe ich nicht“, staunte Plasberg. „Dieser Tarifvertrag definiert eine Untergrenze. Es steht Ihnen doch völlig frei, etwa in München zu sagen: Leute, wir kenne die Verhältnisse, wir zahlen 22.50 Euro!“

Der Staatssekretär grinste und nickte eifrig, doch der Heimbetreiber zeigte sich von dem Vorschlag weit weniger angetan: „Der Tarifvertrag rettet die Situation nicht“, behauptete er.

Peinlichster Eiertanz

„Was ist das Problem?“ bohrte der Talkmaster nach.

„Weil es verfassungswidrig ist!“ meinte Meurer und kommt ins Schwurbeln: „Die Voraussetzungen für einen Tarifvertrag sind, es muss ihn zunächst einmal geben! Und dann muss er repräsentativ sein. Der Minister kann aber nur eine bestehenden…“

Plasberg wollte abkürzen: „Vielleicht bin ich gerade bockig und will es nicht verstehen…“

Doch Meurer funkte sofort dazwischen: „Wir brauchen höhere Entgelte!“ forderte er plötzlich. „Und wenn der Arbeitsminister das will, dann muss er mit Herrn Westerfellhaus und Herrn Spahn mal reden, dass mehr Vergütung genehmigt wird…“

Schärfste Gegenattacke

Keine Pflegekraft, die jetzt zuhört, hat Verständnis für eine solche Rückzugstaktik!“ konterte Westerfellhage. „Die wollen anständig bezahlt werden! Da können wir uns doch nicht hinter dem Verfassungsrecht verstecken!“

Wichtigste Aussage

Der Talkmaster nahm sich die Streithähne zur Brust: „Frau Böhmer sitzt in der Mitte und kann sich von links und rechts Akustik abholen“, spottete er. „Die Frage ist, ob ein solcher Tarifvertrag nicht auch als psychologisches Signal an die Mitarbeiter etwas Gutes wäre!“

Dann durfte die Betroffene auch mal was sagen: „Ich kenne ein paar Altenheime, die sind privat, und an der Börse, da verdienen die Mitarbeiter leider nur Niedriglohn“,  Deswegen wünsche ich mir was Einheitliches.“

Bewundernswertestes Beispiel

Aus Hamburg wurde das Idealbild eines treuen Ehemanns zugeschaltet: Alex Kienscherf, seit 55 Jahren verheiratet, zog nach dem Besuchsstopp ins Heim zu seiner demenzkranken Frau, obwohl er seither nicht mehr raus darf.

„Es ist ein Auf und Ab“, berichtete er nun ein halbes Jahr später. „Man weiß, wo der Weg längst geht, und den muss man gehen. Es geht nicht anders.“

Rührendste Erfahrung

„Ich kann durch die Augen meiner Frau sehen, ob sie erkannt hat, was ich gemeint habe“, schilderte er. „Oder wenn ich sie massiere und so ein ganz leichtes Lächeln um ihren Mund erscheint, dann merke ich: Sie ist da, sie ist bei mir.“

Und: „Sie kann nicht mehr sprechen, aber auf diese Art und Weise unterhalten wir uns ein bisschen. Es gibt viele Situationen, wo ich sehe, sie ist bei mir, und das ist ein toller Moment für mich.“

Emotionalster Bericht

Der Einzug ins Heim war für Kienscherf „ein Herzenswunsch, denn wir haben die ganze Zeit sehr gut zusammengelebt, und ich habe gesehen: Sie braucht meine Hilfe.“

Denn: „Sie braucht mich, um zu erkennen, dass überhaupt noch jemand da ist. Wenn mein Sohn zu Besuch kommt, den erkennt sie gar nicht. Auch unser Enkelkind erkennt sie nicht mehr. Mich erkennt sie noch, weil ich sie die letzten fünf Jahre gepflegt habe.“

Sein bewegendes Versprechen: „Solange meine Frau lebt, werde ich hierbleiben.“

Fazit: Sachdienliche Hinweise ohne Toleranzterror oder Drohargumente, Wahrsprech statt Schönsprech, Talk-Tribun Plasberg gefühlig wie nie: Das war ein Talk der Kategorie „Mit Herz“.

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