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Corona-Talk bei Maybrit Illner: Manuela Schwesigs wütende Attacke gegen CDU-Fraktionsvize Carsten Linnemann

„Maybrit Illner: Masken, Tests und neue Strafen – was nützen die Corona-Regeln?“ ZDF, Donnerstag, 27.August 2020, 22.30 Uhr.

Die mecklenburg-vorpommernsche Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hat in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ am Donnerstag den CDU-Fraktionsvize Carsten Linnemann in Zusammenhang mit der verbotenen Corona-Demo in Berlin heftig angegriffen.

Linnemann hatte die Entscheidung des Berliner SPD-Innensenators Andreas Geisel als „selten dämlich und gefährlich“ bezeichnet. Daraufhin polterte die SPD-Politikerin jetzt sichtlich erbost: „Ich sage ganz klar, dass ich diese Wortwahl von Herrn Linnemann unverschämt finde!“

Ihre Retourkutsche: „Soviel ich weiß, ist er ein CDU-Bundestagsabgeordneter. Ich weiß nicht, was er jetzt in der Krise schon groß gerissen hat. Aber man sollte auch nicht so einfach über die, die jeden Tag vor Ort im Feuer stehen, den Stab brechen, jedenfalls nicht in dieser Wortwahl!“ So viel Solidarität unter Genossen durfte Geisel denn wohl auch erwarten…

Politiker streiten, Experten rätseln, Medien meckern, das Volk meutert und Maybrit Illner stellte skeptische Frage. Die Gäste:

Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU) ist Humanmediziner und ein perfekter Ein-Mann-Schlichtungsausschuss für schwere Fälle.

Landesmutter Schwesig gewinnt im Corona-Chaos fast täglich an Statur.

Die Virologin Melanie Brinkmann findet widersprüchliche Aussagen von Wissenschaftlern gut, denn Streit bringt die Forschung voran.

Die Medizinerin Prof. Alena Buyx leitet den Deutschen Ethikrat.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Nicole Grünwald leitet eine Werbeagentur und ist Präsidentin der IHK Köln.

Der Mediziner Michael Müller steuert den Berufsverband der Akkreditierten Labore (ALM).

Vier Mediziner! Da wird’s heute wohl ziemlich fachlich. Gut so: Expertenstreit ist stets besonders fruchtbar!

Zum Anstoß ein Anpfiff

Urlaubsreisen in Risikogebiete, das ist jetzt wirklich die klare Ansage, die soll es nicht geben“, sagte der Kanzleramtsminister zu den Beschlüssen der Ministerpräsidenten in Berlin. „Wer es doch macht, der muss seine Quarantäne selber zahlen!“

Die Ethikprofessorin assistierte mit der rhetorischen Frage, wo die Tests denn wohl am wichtigsten seien: „Das sind die Pflegeheime, die Feuerwehr, Schulen, Supermärkte. Es gibt sicher einige, die müssen in Risikogebiete reisen, aber die meisten müssen das nicht!“

Zahlen des Abends

„Wir haben die Kapazität unserer Labore seit März um den Faktor zwölf gesteigert“, meldete ALM-Chef Müller – von 100.000 auf 1,2 Millionen Tests pro Woche.

„Und die Trefferquote?“ fragte Illner prompt. „Wir haben jetzt in der Woche 8500 positive Befunde mit einer Million Tests geschafft“, antwortete der Labormediziner. „Anfang April waren es auch etwa 8000 bis 10.000 positive Befunde, aber dafür haben wir die Hälfte der Tests benötigt.“

Optimistischste Prognose

Müllers Hoffnung sind neue, einfachere, aber auch schnellere Tests: „Wir warten sehr darauf, dass diese neuen Proteintests, diese Antigentests entwickelt werden“, sagte der Experte. „Wir rechnen damit, dass das Ende des Jahres losgehen kann.“

 

Andernfalls könnten die Vorräte der bisher eingesetzten, teureren PCR-Teste schnell schwinden. Müller: „Die eine Million PCR-Tests pro Woche sind etwa die fünffache Menge dessen, was wir für alle anderen Erreger und Viren im Labor machen!“

Provokanteste Fragen

Illner nutzte die Gelegenheit, dem bayerischen Ministerpräsidenten, der gar nicht dabei war, wenigstens virtuell vors Schienbein zu treten: „Markus Söder will auf alle Fälle weitertesten“, sagte sie und fragte spitz: „Wissen Sie von irgendwelchen geheimen Testlaboren in Bayern?“

Nein, davon wusste Müller natürlich nichts.

Danach wollte die Talkmasterin auch Braun gegen den Bayern instrumentalisieren: „Diese Massenteste bringen wenig. Da müsste man jetzt auch sagen, das, was Markus Söder macht, ist nicht mehr als PR?“

Netter Versuch! Doch der Kanzleramtsminister ließ sich nicht vor den Bashing-Karren spannen: „Nein“, antwortete er. „Grundsätzlich ist es so, dass, wenn man viel testet, man auch eine gute Klarheit über das Infektionsgeschehen bekommt.“

Genüsslichste Schadenfreude

Viel eher als Braun hatte die Ministerpräsidentin aus Schwerin Bock auf einen Rempler: „Ich kann mich gut erinnern, wie Markus Söder vor ein paar Wochen angekündigt hat, er teste jetzt alle“, berichtete sie.

Und dann führte Schwesig genüsslich aus: „Damals fanden das alle super, er war der Held, wir mussten erklären, warum wir eigentlich nur gezielt testen. Heute stellt sich heraus, dass das gezielte Testen richtig ist.“ Wumms!

Wichtigste Info

„Der Vorteil ist tatsächlich: Ich habe das Ergebnis in ein paar Minuten“, beschrieb die Virologin den sehnlich erwarteten Antigen-Test.

Ihre Hoffnung: „Am besten wäre natürlich, dass jeder den Test selber durchführen kann, zu Hause, bevor er die Oma besucht.

Dramatischste Warnung

Ab Herbst könnte der Staat die Party-Polizei auch in die Wohnzimmer schicken“, orakelte ein ZDF-Einspieler.

Uff! Bevor die übliche Schnappatmung einsetzen konnte, nahm Braun den Ball gekonnt aus der Luft. Sein staubtrockener Kommentar: „Grundsätzlich kontrolliert der Staat alles, was gesetzlich geregelt ist. Wenn auf der Party zu viel Lärm ist, kommt die Polizei ja auch!

Vernünftigste Erklärung

In Mecklenburg-Vorpommern sind Familienfeiern schon lange leichter als anderswo. „Bei mir gab es diese Woche echt ganz viele Bürgerbriefe, die gesagt haben: Soll das jetzt wieder verboten werden?“ berichtete Schwesig besorgt.

„Aber es ist richtig, den Menschen reinen Wein einzuschenken“, fügte die Ministerpräsidentin dann hinzu. „Bei Familienfeiern ist es nun mal so, dass wir uns umarmen, dass wir näher beieinander sind.“

Wichtigste Mahnung

Braun fürchtet einen Corona-Winter: „Es kann durchaus sein, dass plötzlich die zweite Welle mit Wucht kommt!“ warnte er.

Sein eindringlicher Appell: „Wir sollten nicht die ganze Zeit darüber spekulieren, ob es einen Lockdown gibt, sondern einfach alle gemeinsam daran arbeiten, als gesellschaftliche Aufgabe, ihn zu verhindern!“

Allerdings, auch da war der Minister ehrlich: „Das haben wir in gewisser Wese gar nicht in der Hand.“

Dringlichste Aufforderung

„Wir wissen jetzt mehr als früher“, erklärte die Virologin. „Wir wissen, wie das Virus übertragen wird, und dass es auch durch die Luft übertragbar ist.“

Ihre Konsequenz: „Da muss man jetzt die richtigen Maßnahmen treffen. Und eine davon ist die berühmte Maske.“

Interessantester Hinweis

Aber auch von der Raumlufttechnik erwartet die Virologin Unterstützung: „Deutschland ist das Land der Ingenieure, die können jetzt zeigen, was sie draufhaben!“

Schlimmste Befürchtung

IHK-Grünwald hatte üble Zahlen parat: „Wir befinden uns in der größten Wirtschaftskrise in der Geschichte der Bundesrepublik“, klagte sie. „Es gibt ganze Branchen, die komplett am Boden liegen!“

Veranstaltungsbranche, Schausteller, Kultur- und Kreativwirtschaft: „Da sind unheimlich viele Unternehmen, die teilweise seit März gar keinen Umsatz mehr machen!“

„Ein zweiter Lockdown würde die Wirtschaft in Deutschland um Jahrzehnte zurückwerfen“, warnte die Expertin. „Wir haben schon jetzt Konjunkturprognosen, dass wir zehn Prozent unserer Wirtschaftskraft einbüßen werden. Sowas gab es noch nie!“

Unterschiedlichste Standpunkte

Zum Schluss machte Illner auch das Verbot der Corona-Demo in Berlin zum Thema. Dabei zitiert sie den umstrittenen Kommentar des CDU-Fraktionsvize Carsten Linnemann. „Eine sehr unglückliche Situation“, urteilte Braun über die Entscheidung es SPD-Innensenators deutlich milder. „Ich finde, dass auch Corona-Gegner demonstrieren können.“ Aber: „Man muss natürlich auch dort sich den Regeln unterwerfen.“

Das sah auch Ethikprofessorin Buyx so: „Es geht nicht darum, wer demonstriert. Auch nicht darum, wofür der wogegen demonstriert wird. Es geht nur darum, wie demonstriert wird!“

Und Schwesig prophezeite: „Solange der Impfstoff nicht da ist, liegt jetzt noch mal eine lange und schwere Zeit vor uns.

Fazit: Ein schon reichlich ausgelutschtes Thema wurde mühsam aktualisiert. Corona bleibt das Über-Thema, das alle anderen an den Rand drängt, aber trotzdem: Simpler Modus, erwartbare Antworten, unterforderte Gäste – das war ein Talk der Kategorie „Tante Illners Fragestunde“.

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