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Corona-Talk bei Maybrit Illner: Christian Lindners heftige Attacke auf Markus Söder

„Maybrit Illner: Risikogebiet Deutschland – schaffen wir die Corona-Wende?“ ZDF, Donnerstag, 24.Oktober 2020, 22.55 Uhr.

FDP-Chef Christian Lindner hat in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“ den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder wegen einer Äußerung zum Verhalten der Bürger in der Corona-Krise heftig attackiert.

Wörtlich sagte der Chefliberale dabei zu dem Hamburger Bürgermeister Peter Tschentscher: „Andere Regierungschefs sprechen davon, es sollten die Zügel angezogen werden. Die Zügel anziehen! Was ist das für ein Vokabular gegenüber dem Souverän! Die Menschen in Deutschland sind Grundrechtsträger!“

Die Zahlen werden immer schlimmer, die Debatten immer schriller. Auch bei Maybrit Illner. Die Gäste:

  • Der Partei- und Fraktionschef Christian Lindner rät zur Vorsicht, will aber „nicht überdramatisieren“.
  • Hamburgs SPD-Bürgermeister Peter Tschentscher ist über Corona-Zweifler erbost: „Wir sind in einer sehr kritischen Phase der Pandemie. Wer das nicht glaubt, kann sich in Europa umgucken!“
  • Die Virologin Prof. Susanne Herold warnt: „Wir müssen jetzt wirklich alle unsere eigene Verantwortung leben und uns an die Regeln halten!“
  • Der promovierte Veterinärmediziner Stefan Oschmann ist Chef des Wissenschafts– und Technologiekonzerns Merck und kündigt an: „Beim Impfstoff werden wir demnächst entscheidende Fortschritte machen!“
  • Die Schriftstellerin Jagoda Marinić fürchtet: „Der permanente Alarm-Modus treibt die Menschen in den Trotz!
  • Der ARD-Reporter Georg Mascolo glaubt: „Die nächste Welle wird viel schwieriger sein.

 

Erkenntnisse, Vorschläge, Kommentare. Die Talkmasterin gab tüchtig Gas: Den Lockdown nannte sie gleich mal „künstliches Koma“.

Und schon gab’s Zoff

Der Bürgermeister ärgerte sich darüber, „dass es immer noch Menschen gibt, die sagen, es sei nicht so schlimm.“

Wir leben in einer Demokratie, und es muss auch Widerrede geben“, konterte die Schriftstellerin und zitierte das 10-80-10-Prinzip: 10 Prozent verstehen die Krise und managen sie, 80 Prozent orientieren sich an diesen 10 Prozent, und 10 Prozent gehen einfach nicht mit.“

Klarste Ansage

Lindner bewarb sich als Mitglied im Verein für deutlichen Aussprache: „Ein zweiter Lockdown in Deutschland muss ausgeschlossen werden!“ forderte er.  „Die wirklichen Risiken gehen von Massenveranstaltungen aus, von Besäufnissen in der Party-Szene in Berlin, von illegalen Clubveranstaltungen oder großen Hochzeiten“, wettert der FDP-Chef. „Das muss unterbunden werden!“

Kritischste Statements

Reporter Mascolo sieht in Deutschland eine allgemeine „pandemische Erschöpfung“ wachsen: „Man ist es Leid!“

„Wir müssen lernen, viel differenzierter zu streiten!“ forderte Schriftstellerin Marinić und beklagte eine „Stimmung der Hetze“.

Ich glaube nicht, dass sich Prävention mit Repression durchsetzen lässt“, zweifelte Mascolo.

Lindner verlangte größere Anstrengungen der Politik: „Die Qualität der politischen Entscheidungen muss besser werden!“

Prominentester Zeuge

Dann schimpfte der FDP-Chef noch einmal über das umstrittene Beherbergungsverbot: „Das wäre nicht gekommen, wenn es vorher in einem parlamentarischen Verfahren diskutiert worden wäre!“

Tschentscher sieht das Problem nicht bei den Politikern. Sein Gewährsmann ist ein Fernsehkoch: „Tim Mälzer hat sich richtig erzürnt, dass sich andere Gastronomen nicht an die Regeln halten“, berichtete der Bürgermeister.

Grundsätzlichster Kompetenzstreit

Der SPD-Politiker selbst fand, er und seine Ministerpräsidentenkollegen seien in der Krise „moralisch verpflichtet, zu handeln“, notfalls auch ohne zeitraubende Diskussionen.

Das schmeckte wiederum dem FDP-Politiker nicht: „Ich habe den Eindruck, dass in dieser besonderen Situation Regierung und Verwaltung sich gar nicht mehr gern auf das Parlament abstützen“, erwiderte er spitz.

Empörteste Beschwerde

Der Deutsche Bundestag wird nur über die Medien und über Podcasts informiert!“ hielt der Chefliberale der Bundesregierung vor. Dann nahm er speziell den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder aufs Korn, der besonders energische Maßnahmen fordert.

„Herr Tschentscher, Sie sind ein vornehmer Mann“, sagte Lindner erst wie zur Güte. Dann aber setzte der Chefliberale zu seiner Wutrede an, von wegen „die Zügel anziehen“: Die Regierung habe den Bürger als dem Souverän vor jeder Entscheidung gefälligst um Zustimmung zu bitten!

Coolste Reaktion

Illner zitierte Schlüsselworte der aktuellen Diskussion: „Unheil! Ein Desaster! Es ist von einem schlimmen Ende gesprochen worden!“

„Diese Dramatisierung hilft uns nicht weiter“, meinte der Hamburger nüchtern. „Es nützt nichts, strengere Regeln zu machen, wenn schon die bisherigen nicht eingehalten werden!“ Tschentschers Rezept gegen den starken Anstieg der Infektionszahlen: Ältere besser schützen, neue Tests einsetzen und an den richtigen Stellen etwas strenger, an anderen dafür etwas weniger streng werden.

Vergeblichster Vorschlag

Mir ist die Wir-schaffen-das-Merkel lieber als die Unheil-Merkel“, meinte die Schriftstellerin. „Bei uns gibt es einfach zu viel Das-geht-ja-gar-nicht. Wir müssen raus aus diesem Modus und in einen Managen-Modus kommen!“

Ihr Trost ist die erträgliche Belastung der Krankenhäuser: „Die Infektionszahlen sind zwar bald so hoch wie im Frühjahr, aber die Hospitalisierungsrate, die damals bei 20 war, ist jetzt nur bei sechs Prozent.“

„Vielleicht kann unsere Virologin sagen, wie das ist“, meinte Tschentscher dazu. Die Professorin, aus Gießen zugeschaltet, beugte sich zu einer Antwort vor, doch die anderen ließen sie nicht zur Wort kommen: Sie wollten lieber selber reden.

Klügster Kommentar

Die Talkmasterin brachte einen Verdacht auf den Punkt: „Wir verordnen uns allen einen privaten Lockdown, damit die Politik das nicht mehr tun muss?“

Das ist das Fiese an diesem Virus“, urteilte Mascolo, „dass es ziemlich gefahrlos zulässt, dass Menschen arbeiten gehen, und dass sie lernen gehen, aber dass es zuschlägt bei praktisch allem, was Spaß macht!“

Wichtigster Zwischenbericht

Merck-Chef Oschmann wurde aus München zugeschaltet. „Es gibt weltweit ungefähr 200 Projekte“, erklärte er. „Einen Favoriten zu nennen wäre Unsinn, aber ich bin vorsichtig optimistisch.“

Denn, so der Pharma-Manager: „Ich hoffe sehr, dass wir mehrere Impfstoffe haben. Wir können die Forschung viel schneller durchziehen als in der Vergangenheit. Ich gehe davon aus, dass wir ungefähr bis Ende des Jahres Daten haben und dass die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass wir im nächsten Jahr einen Impfstoff haben.

Präziseste Prognose

Da führte an der Virologin nun doch kein Weg mehr vorbei, und sie kam endlich wieder zu Wort. „Es ist sehr, sehr wahrscheinlich, dass Impfstoffe auch wirken werden“, sagte sie voraus. „Vielleicht wird es auch Kombinationen aus verschiedenen Impfstoffen geben.“

Zu den Behandlungsmethoden meinte die Professorin: „Wir haben neue Therapien. Allerdings sind die noch nicht so effektiv, wie wir uns das wünschen.“ Aber: „Es ist Wahnsinn, wie schnell wir so viele verschiedene Impfstoffe in klinischen Studien testen. Da ist irre viel passiert!

Zuversichtlichstes Schlusswort

„In dem Moment, wo der Impfstoff da ist, wird es vorangehen“, versprach Tschentscher am Ende. „Dann wird es jeden Tag bergauf gehen, weil wir ja immer mehr geimpfte Menschen haben.“

Seine sichere Erwartung: „Jeder Schritt macht uns unempfindlicher gegen die Virusausbreitung. Wenn man was Positives sagen kann: Ich glaube, wir können sehr sicher sein, dass wir im nächsten Frühjahr in einer besseren Lage sind.“ Amen!

Fazit: Viel Schnee von gestern, aber auch Konkretes für morgen, die Experten einig, die Politiker zerstritten:  – das war ein Talk der Kategorie „Hoffnungslauf“.

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