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Corona-Talk bei „Hart aber Fair“. Warum China dem Landrat von Heinsberg hilft

„Hart aber Fair: Es ist ernst – wieviel Freiheit lässt uns Corona noch?“ ARD, Montag, 23.März 2020, 20.15 Uhr.

Der Landrat des vom Virus überrollten Landkreises Heinsberg, Stephan Pusch (CDU), hat in der ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ am Montag berichtet, was aus seinem Brief an den chinesischen Staatspräsidenten Xi Ping geworden ist.

Pusch, der auch schon eine Städtepartnerschaft mit Wuhan vorschlug, hatte sich vergangene Woche mit einem langen Schreiben an den Staatspräsidenten und auch an Ministerpräsident Li Keqiang mit der Bitte gewandt, Heinsberg mit medizinischer Schutzausrüstung zu helfen.

Ungewöhnlichster Hilferuf

Schutzkleidung ist im Moment die Achillesferse des deutschen Gesundheitssystems“, stellte der Landrat jetzt in der Sendung fest. Seine Klage: „Was für dubiose Quellen da mittlerweile auf dem Markt unterwegs sind, die irgendwo einen Onkel in China haben und irgendwas anbieten, aber gegen Vorkasse und in sechs bis acht Wochen, das macht einen schon sehr betroffen!“

Ermutigendste Reaktion

„Haben Sie schon eine Antwort bekommen?“ fragteARD-Talkmaster Frank Plasberg gespannt.

„Zu meiner großen Freude hat sich heute Nachmittag schon der Generalkonsul aus Düsseldorf gemeldet, im Auftrag des Botschafters aus Berlin“, erzählte Pusch.

Ergebnis: „Er hat uns eine E-Mailadresse und eine Faxnummer mitgeteilt und gesagt: Schickt uns bitte das, was ihr braucht! Wir wollen euch gerne helfen. Wir haben vom deutschen Staat von Nordrhein-Westfalen in den letzten Wochen und Monaten auch viel Hilfe erfahren und möchten gern etwas zurückgeben!

Hm – sowas nennt man einen kurzen Dienstweg!

Immer mehr Infizierte, immer mehr Tote, immer mehr Vorschriften. In „hartaberfair-extra“ diskutierte Plasberg auch diese Woche mit Politikern und Experten über das alles beherrschende Thema:

  • Die rheinland-pfälzische Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD) will 300 ausländische Pflegekräfte einsetzen.
  • EKD-Chef Heinrich Bedford-Strohm bittet: „Bleibt zu Hause – um der Liebe willen!“
  • Der Virologe Prof. Hendrik Streeck rät: „Die Maßnahmen sind richtig, mehr würde ich jetzt aber nicht machen!
  • Die Fachkrankenpflegerin Stefanie Büll arbeitet auf einer Intensivstation der Uniklinik Düsseldorf.
  • Der ARD-Rechtsexperte Frank Bräutigam ist jetzt im Dauereinsatz, denn Corona wirft auch immer mehr juristische Fragen auf.

Profis von der Virenfront also. Wie sieht es dort aus, und was muss als nächstes passieren?

Zum Start eine halbe Stunde Reportagen: In Bayern räumen sie die Baumärkte aus, in Düsseldorf tanzen sie auf den Dächern, und in Köln vergleicht ein Arzt den Virus mit einem Tsunami: „Wir sind jetzt in der Phase, in der sich das Meer zurückzieht!“

Knackigste Aufforderung

Der Virologe gab gleich Gas, dass die Reifen qualmten: „Wir müssen die Handbremse anziehen und mit dem Hammer draufhauen!“ forderte er forsch.

Wie die anderen Gäste saß er nicht an dem sonst üblichen Talk-Tresen: In Befolgung der neuen Abstandsregeln standen im Studio jetzt fünf runde Hochtische mit je zwei Meter Zwischenraum.

Kurzfristigste Änderung

Die Ministerin musste die Barhocker nicht ausprobieren: Kurz vor der Sendung hatte sie einen „mittelbaren Kontakt mit einer infizierten Person“. Deshalb ließ sie sich nun aus Mainz zuschalten – ebenso wie Landrat Puck aus Heinsberg.

„Das macht jetzt keine Quarantäne erforderlich, und es geht mir auch sehr gut“, sagte sie dazu. „Aber es sind jetzt einige Vorsichtsmaßnahmen zu beachten.“

Gläubigster Ratschlag

Jetzt mache sie ihre Arbeit mit Telefonschaltungen oder Videokonferenzen und trage einen Mundschutz, berichtet die Ministerin. Über Plasbergs Einspieler aus deutschen Landen sagte sie: „Ich bin sehr beeindruckt, wie sich die Menschen an die Regeln halten!“

„Die Zeichen der Liebe: Berührungen, Umarmungen, Handschlag auch – genau diese Zeichen sind jetzt zum Feind der Liebe geworden“, klagte Bischof Bedford-Strohm. Sein Tipp: „Kraft holen aus den alten Texten der Bibel! Kraft holen für eine Situation, die wir so nicht kennen!“

Nettester Scherz

Landrat Pusch setzt auf die „kleinen Freuden des Lebens“: „Ich habe mir am Samstagmorgen ein Spiegelei in die Pfanne gehauen, eine Tasse Kaffee getrunken und mich einfach mal gefreut, dass ich lebe und nach draußen gucken kann!“

Für Familien mit Kindern sei die Krise aber natürlich eine besondere Belastung, gab der Landrat zu. Er selbst habe drei: „6-6-5. Zwillinge und noch einen Kleinen hinterher.“

Jetzt weiß ich auch, warum Sie so oft im Büro sind!“ ulkte Plasberg, und da muss auch der gestresste Landrat lachen.

Härteste Frage

Dann wurde es aber gleich wieder ernst: „Wäre nicht eine Ausgangssperre speziell für die Risikogruppe denkbar?“ wollte ein Zuschauer wissen.

„Alte und Risikogruppen vom Rest der Gesellschaft isolieren, damit dort das Leben weitergehen kann?“ rätselte Plasberg und spitzte die Frage noch weiter zu: „Am Ende heißt das: Menschen opfern, damit der große Rest überlebt!“

Entschiedenste Absage

Die Ministerin wies den kruden Gedanken energisch zurück: „Jetzt ist von allen, von Jung, von Alt, von Risikogruppe oder nicht, gemeinsame Solidarität und  auch Kraftanstrengung gefragt!“ antwortete sie.

Im Gegenteil gelte es, so Bätzig-Lichtenthäler klipp und klar, „die Risikogruppen, die Alten die Vorerkrankten oder die mit geschwächten Immunsystemen noch mal besonders zu schützen!“

Stärkstes Bild

Der nächste ARD-Einspieler zeigte den Chef des Robert-Koch-Instituts, Prof. Lothar Wieler, mit einer erschreckenden Warnung: Wenn die Kontaktreduzierung jetzt nicht funktioniere, „ist es möglich, dass wir in zwei, drei Monaten bis zu zehn Millionen Infizierte in Deutschland haben!

Gleich danach erschien auch noch der Biologe Prof. Dirk Brockmann von der Humboldt-Universität auf dem Monitor: „Epidemien ausbremsen ist wie ein Schiff stoppen zu wollen“, warnte er. „Selbst wenn die Schiffsschraube unten schon gegensteuert, braucht es, bis das Schiff anfängt zu bremsen!“

Schlimmste Zwickmühle

Virologe Streeck macht die widerstrebenden Interessen bei der Corona-Bekämpfung deutlich: „Auf der einen Seite wollen wir die Zahlen runterdrücken, damit die Intensivstationen nicht überlastet sind.“

Auf der anderen Seite aber gelte, so der Professor: „Wenn wir zu gut sind, werden wir das Problem haben, dass es sehr lange dauert, bis wir eine sogenannte Herdenimmunität erreichen“ – sich also genügend Menschen infiziert und Abwehrstoffe entwickelt haben. Die Kanzlerin hatte dafür wie zuvor schon verschiedene Experten einen nötigen „Durchseuchungsgrad“ von 60 bis 70 Prozent genannt.

Größte Sorge

Wir müssen Leben retten, aber auch lernen, mit dem Tod umzugehen, sich ihm zu stellen“, mahnte der Bischof. „Das haben wir in unserer Gesellschaft verlernt.“

Ich möchte nicht in eine Situation kommen, in der entschieden werden muss, welcher Patient ein Beatmungsgerät bekommt und welcher nicht“, sagte die Krankenpflegerin sichtlich bedrückt. „Das ist es, wovor ich wirklich Angst habe!“

Peinlichster Vorwurf

Man hat sich bei uns in den 90er Jahren besser auf Pandemien vorbereitet als heute!“ lästerte der Virologe.

Immerhin: „Wir haben für 2000 Pflegekräfte Qualifizierungsschulungen auf den Weg gebracht“, berichtete die Ministerin. „Und die werden nachgefragt. Und schnell. Das sind bemerkenswerte Zeichen!“

Launigster Spruch

Was bringt es eigentlich, den Körper zu schützen, wenn die Seele stirbt?“ fragte Plasberg.

„Unsere Pfarrer rufen inzwischen die Gläubigen zuhause an“, schilderte Bedford-Strohm die Seelsorge in Corona-Zeiten. „Oft erreichen wir die Menschen über das Festnetz.“

„Festnetz!“ staunte Plasberg. „Welche Wohltat im Ohr!“

Schönstes Schlusswort

„Wenn wir später mal auf diese Zeit zurückblicken“, sagte der Bischof, „werden wir sehen, wieviel Empathie und Solidarität es in unserer Gesellschaft gegeben hat!“

Der Mensch braucht ein Ziel und eine Hoffnung“, fügt der Landrat hinzu und hatte das letzte Wort.

Fazit: Wichtige Fragen, kluge Antworten und keine Panik , aber auch viel Geschwurbel – das war ein Info-Talk der Güteklasse „ARD-Ratgeber“.

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