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Corona-Talk bei „Hart aber Fair“: Berlins Bürgermeister gibt Sicherheitsmängel am Reichstag zu

„Hart aber Fair: Streit um Corona-Verbote: Wie viel Freiheit ist noch drin?“ ARD, Montag, 31.August 2020, 21 Uhr.

Berlins Bürgermeister  Michael Müller (SPD) hat in der ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ am Montag Fehler bei der Vorbereitung auf die Corona-Demo eingestanden, die am Samstag völlig aus dem Ruder gelaufen war.

Wörtlich sagte der umstrittene Politiker, der im nächsten Jahr seinen Posten räumen und für den Bundestag kandidieren will, über die wackelige Abschirmung des Reichstags kleinlaut: „Das müssen wir in Zukunft besser sichern!

Zugleich aber wollte er mit einer energischen Forderung Tatkraft zeigen: „Natürlich gehe ich davon aus, dass die Polizei Anzeigen schreibt, und nicht nur wegen Verstöße gegen Corona-Regeln. Wer hat verfassungsfeindliche Symbole gezeigt?“

Nach dem irren Wir-sind-das-Volk-Sturm auf den Reichstag ist jetzt erst mal Schluss mit Lustig. Gäste bei Talkmaster Frank Plasberg:

Müller wetterte: Wer auf solchen Demonstrationen mitlaufe, müsse bedenken, „dass man sich mit Rechtspopulisten und Rechtsextremen gemein macht!“

Die Publizistin Lamya Kaddor forderte: „Der Staat muss den Jugendlichen Angebote machen. Sie haben ein Recht darauf!

Die Ärztin, Journalistin und Moderatorin Julia Fischer warnte: „Partys nur mit Maske und Abstand! Alles andere ist verantwortungslos.“

Der TV-Comedian Bernd Stelter klagt: „Für viele geht es jetzt schon wirtschaftlich ums nackte Überleben!“

Der Journalist Jasper von Altenbockum (FAZ) urteilte: „Die Demo im Vorfeld zu verbieten, weil einem die Haltung nicht passt, ist mehr als fragwürdig!“

Immer mehr Kritiker, Mahner, Warner. Und immer mehr Leute, die sich den Teufel darum scheren. Von denen war aber niemand eingeladen.

Zum Start ein Sturm

Als Auftakt zeigt Plasberg Szenen der Attacke auf den Reichstag am Samstag. „Die Behörden stehen jetzt als diejenigen da, die Grundrechte beschneiden wollten“, hielt er dem Bürgermeister vor. „Da konnten Sie doch nur verlieren!“

Müller wollte sich erst mit einer Binse aus der Affäre ziehen: „Es ist nach wie vor Aufgabe der Politik, nicht nur das Demonstrationsrecht zu garantieren, sondern auch den Gesundheitsschutz“, sagte er.

Flaueste Erklärung

Prompt spielte ihm Plasberg das Zitat des SPD-Innensenators Andreas Geisel vor, der „nicht ein zweites Mal hinnehmen“ wollte, dass Berlin „als Bühne für Corona-Leugner, Reichsbürger und Rechtsextremisten missbraucht wird.“

Der Innensenator hat hier deutlich gemacht, dass man für legitime Kritik nicht mit Rechtsextremisten mitlaufen muss“, meinte Müller dazu. Hm – was denn sonst? Vor den Nazis weglaufen? Oder gleich zu Hause bleiben?

Interessanteste Unterscheidung

Der Bürgermeister wollte die Demonstranten politisch auseinanderklamüsern: „Das eine sind die Corona-Leugner. Das muss man selbstverständlich in einer Demokratie aushalten“, begannt er.

Aber man muss auch klar benennen können, wer eine Corona-Demonstration nutzt, um rechtsextremes Gedankengut zu verbreiten!“ fügte er dann sichtlich empört hinzu. „Reichsflaggen! Dieser Sturm auf den Reichstag, der da ausgerufen wurde! Rechtsextremisten! Rechtspopulisten!“

Energischster Widerspruch

Der FAZ-Journalist grätschte ihn voll ab: „Als Begründung fragwürdig!“ urteilte von Altenbockum scharf. „Der Staat kann nicht Schulmeister der Demonstranten sein! Das ist indiskutabel!“

„Gerade das Verbot hat dafür gesorgt, dass viele Krawallmacher gesagt haben: Jetzt erst recht!“ assistierte Kollegin Kaddor.

Schlüssigste Erklärung

Im Prinzip ist niemand so richtig dagegen gefeit, einer Verschwörungstheorie auf den Leim zu gehen“, warnte Ärztin Fischer. „Es sind häufig Menschen, die wenig stressresistent sind und die auch ein gewisses Geltungsbedürfnis haben.“

Die erstaunliche Analyse der Medizinerin, die sich auch mit Wirkungspsychologie beschäftigt: „Das können ganz gebildete Menschen sein, die plötzlich einfach eine Situation nicht aushalten.

Denn: „Ein ganz wichtiger Faktor ist der Kontrollverlust, den wir aktuell erleiden. Es ist eine Bedrohung, die unsichtbar über uns schwebt. Und damit kann unser Gehirn überhaupt nicht umgehen. Da neigt es dazu, sich sehr einfache Antworten zu suchen.“

Verblüffendstes Beispiel

Dazu schilderte die Ärztin eine Urzeit-Szene: „Man stelle sich einen unserer Vorfahren vor, der in der Savanne sitzt. Hinter ihm raschelt das Gras.“

Konsequenz, so Fischer: „Derjenige, der aufspringt und kampfbereit ist, weil das vielleicht ein Löwe ist, wird eher überleben als derjenige, der sitzen bleibt, weil er glaubt, da raschelt nur der Wind.“

„Solche Muster haben sich im Gehirn als Automatismus etabliert“, erklärte die Ärztin. „Das führt dazu, dass wir nur noch solche Informationen aufnehmen, die dazu passen. Und wir finden Gleichgesinnte.“

Lautester Alarmruf

„Akzeptanz für Corona-Regeln zu schaffen ist für die Politik jetzt erheblich schwieriger als in dem Schockzustand von Ende März/Anfang April“, stellte der FAZ-Journalist fest.

Comedian Stelter macht sich Riesensorgen um seine Zunft: „Im nächsten Jahr werden mehr als die Hälfte der privaten Theater in Deutschland pleite sein!“

Traurigste Pointe

Plasberg haute den Comedian um einen Corona-Gag an. „Der tollste Witz, den ich kenne, der ist nicht von mir, aber der ist wirklich großartig“, versprach Stelter prompt.

Sein Vortrag: „Freunde, wenn Corona vorbei ist, werden wir uns in den Armen liegen und sagen: Was waren das für verrückte zwölf Jahre!“ Uff…

über Corona-Partys sagte Stelter: „Man hat auch das Recht, unreif zu sein!“

Persönlichste Anekdote

Plasberg hatte auch noch einen: „Lustig ist auch, wenn man nach Corona-Regeln fliegt, mit Abstand, ordentlich sortiert aussteigt, Reihe für Reihe, und dann in Berlin-Tegel, Herr Müller, in einen Bus gestopft wird, nur in einen, weil da passen ja alle rein!“

„Hast du flach geatmet?“ witzelte Plasberg-Assi Brigitte Büscher. Der Bürgermeister wollte was sagen, bliebt dann aber doch lieber fein stille.

Mutigste Feststellung

Der FAZ-Journalist hat einen Shitstorm abgekriegt, weil er über einen Kommentar zu Reiserückkehrern aus dem Kosovo und anderen Südoststaaten „Corona mit Migrationshintergrund“ schrieb.

„Ich finde, man kann nicht so tun, als ob Corona nur einen Tourismus-Hintergrund hat“, sagte er jetzt über infizierte Migranten. „Es gibt auch diesen Hintergrund, und den muss man benennen und auch adressieren.“ Da gab es keinen Widerspruch.

Fazit: Erschütternde Schwarmdummheiten und viel intellektuelles Dosenpfandniveau, aber auch einige klare Ansagen und vor allem eine interessante Psycho-These  – das war eine Talkshow der Kategorie „Notsignal“.

 

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