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Corona-Talk bei Dunja Hayali: Mit Milchtüten gegen die zunehmende häusliche Gewalt

„Dunja Hayali“. ZDF, Donnerstag, 13.August 2020, 22.15 Uhr.

Bundesfamilienministern Franziska Giffey hat in der ZDF-Talkshow „Dunja Hayali“ am Donnerstag verstärkte Anstrengungen im Kampf gegen häusliche Gewalt angekündigt.

Wörtlich sagte die SPD-Politikerin: „Wir haben erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik ein großes Förderprogramm für den Ausbau der Frauenhausstruktur von Seiten des Bundes aufgelegt. Das startet in diesem Jahr.“

Der Bund gebe 120 Millionen Euro dazu. Und, so Giffey: „Wir arbeiten daran, und das ist eine große politische Aufgabe, einen Rechtsanspruch auf Hilfe in das Gesetz zu bringen!“

„Gewalt gegen Partnerinnen und Kinder findet meist zuhause statt“, hatte Talkmasterin Dunja Hayali zuvor geklagt. „Während des Lockdowns hatten zahlreiche Opfer überhaupt keine Fluchtmöglichkeit.“

Ein ZDF-Einspieler zeigte ein haarsträubendes Beispiel: „Ich habe ihn einmal gefragt, ob er mir mit der Babywanne hilft“, erzählt eine junge Mutter in einem Frauenhaus. „Da hat er sie voll mit heißem Wasser gemacht!“

Nun geschah Entsetzliches: „Ich habe gesagt: ‚Bist du verrückt? Das ist zu heiß!‘ – ‚Ach, du hast keine Ahnung!‘ Dann hat er mich geschubst, das Baby genommen und es in das heiße Wasser getaucht. Der Kleine hat so geweint, und ich auch, und konnte nichts machen…“

Corona, Kinder, Frauen, Familien, Schule: Frontberichterin Hayali stieß mit Maske und schwarzer Lederjacke ein letztes Mal tief in die aktuellen Problemzonen vor. Die Gäste:

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) warnte auf Twitter: „Corona ist leider noch nicht vorbei!

Familienministerin Giffey setzte sich für Polizisten ein, die jetzt ständig angepupt werden, obwohl sie „jeden Tag auf der Straße unsere Demokratie verteidigen“.

Die Hamburger Lehrerin Gloria Boateng kämpft für abgehängte Jugendliche.

Der Berliner Pastor Bernd Siggelkow gründete vor 25 Jahren das Kinderhilfswerk „Arche“.

Der Autor Norman Heise leitet den Berliner Landeselternausschuss Schule.

Die Erziehungswissenschaftlerin Anika Ziemba arbeitet in einem Hamburger Frauenhaus.

Der Sänger Tim Bendzko n(„Nur noch kurz die Welt retten“) tritt demnächst in Leipzig für 4000 Fans bei einer Corona-Hygiene-Studie auf.

Zusammengewürfelte Talk-Truppe, kunterbunter Themen-Mix. Was machte die Talkmasterin daraus?  Von Anfang an war klar: Die Talkmasterin wollte kritisieren, und die Gäste lieferten fleißig zu. Motto: Das einzige, was in Corona-Zeiten an den Schulen klappt, sind die Türen.

Erschreckendste Feststellung

„Die eigenen vier Wände sind der gefährlichste Ort für eine Frau“, sagte Erziehungswissenschaftlerin Ziemba. „Das war schon vor Corona so.“

Und: „Es ist eine lebensgefährliche Situation für ein Kind, wenn die Mutter misshandelt wird.“

Manchmal, so erzählte sie weiter, bekomme sie Anrufe von Frauen, die zum Telefonieren in den Keller mussten: „Mein Partner misshandelt mich, und er ist die ganze Zeit hier. Ich habe keine Möglichkeit, ein Zeitfenster zu finden, dass ich abhauen kann…“

Wichtigste Ankündigung

„Wir hatten eigentlich erwartet, dass bei unseren Hilfetelefonen ‚Gewalt gegen Frauen’ die Zahlen hochgehen würden“, berichtete Giffey. „Das ist nicht sofort passiert, und das war auch bei der medizinischen Kinderschutz-Hotline so.“

Jetzt aber komme eine „nachholende Reaktion“. Die Ministerin: „Für uns war wichtig, dass wir alle Hilfetelefone, die wir von Bundesseite finanzieren, auch die ‚Nummer gegen Kummer‘ für junge Leute, aufstocken.“

Irrste Tyrannei

Hayali erinnerte sich an einen unglaublichen Fall: „Mir hat mal, als ich vor zwei Jahren in Lübeck in einem Frauenhaus gedreht habe, eine Frau erzählt, sie musste während des Fußballs immer 90 Minuten auf die Matte vor der Haustür. Einfach als Erniedrigung.

„Natürlich spielt Macht auch eine Rolle“, erklärte „Arche“-Gründer Siggelkow, dessen Sorge vor allem Kindern gilt: „Auch Eltern versuchen, eine Machtrolle zu übernehmen. Aber auf der anderen Seite schlagen auch Kinder ihre Eltern, je älter und kräftiger sie werden.“

Interessantestes Mitbringsel

Dann hielt die Ministerin eine Milchtüte in die Kamera: „Wir haben es geschafft, mit 26.000 Supermärkten in Deutschland eine Vereinbarung zu treffen, dass unter dem Titel ‚Zuhause nicht sicher?‘ für die Kampagne ‚Stärker als Gewalt’ geworben wird!“

Stolz zeigte Giffey auf die Rückseite der Packung: „Dort findet man alle Hilfetelefone, alle Orte, an die man sich wenden kann.“

Start als Kummerkasten

Zu Beginn der Talkshow war es vor allem um den Unterrichtsbeginn nach den Ferien gegangen. „Die Schulen gehen an der Realität vorbei!“ schimpfte Lehrerin Boateng. Besonders das digitale Lernen haue nicht hin: „Wenn wir uns so aufstellen, kann eine Krise wie Corona uns nur wegfegen!“

Energischster Weckruf

Ministerpräsident Hans bremste die allgemeine Empörung ein bisschen ein: Im Saarland etwa gebe es eine Schul-Cloud, die Lehrer seien in Summerschools fit gemacht worden, alle bekämen ein Schul-Email-Postfach, alle Kinder ein Endgerät für das Homeschooling…

Zu den Hygienemaßnahmen sagte der Politiker streng: „In der ganzen Debatte habe ich manchmal den Eindruck, dass die Schule verpflichtet ist, die Gesellschaft zu schützen. Das ist überhaupt nicht so! Die Gesellschaft hat die Verpflichtung, die Bildung der Kinder zu schützen!“

Dringendster Appell

„Ein ordentlicher Unterricht, der geht eben nicht mit Maske!“ stellte Hans fest. „Deshalb möchte ich, dass wir die Infektionszahlen niedrig halten. Und da sind alle gefordert!“

Denn: „Da müssen eben auch im Supermarkt, in der Schlange am Bus und vor dem Freibad alle Masken tragen und Abstand halten! Weil wir das in der Schule nicht hinkriegen! Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dafür zu sorgen, dass wir die Schulen offen halten können!“

„Bei uns heißt das ‚Lernen Zuhause‘ und nicht ‚Homeschooling‘!“ bemerkte Elternvertreter Heise.

Ärgerlichstes Beispiel

„Es gab Fälle, da hat eine Lehrerin Schüler nach Hause geschickt, und das Gesundheitsamt hat sie wieder in die Schule geschickt!“ wunderte sich Boateng.

Hans blieb trotzdem optimistisch: „Es wird Rückschläge geben“, sagte er voraus. „Aber wir wissen auch, dass wir alles daran setzen, um eine möglichst große Normalität im Unterricht für die Schülerinnen und Schüler zu bekommen. Das haben sie verdient!“

Ungewöhnlichste Show

Zum Schluss stellte Hayali das Corona-Forschungsprojekt in der Arena Leipzig vor. Auf einem Konzert mit Tim Bendzko wollen Infektiologen die erwarteten 4000 Besucher wissenschaftlich beobachten: Wo sind bei solchen Massenveranstalten die Gefahren, und wie kann man sich vor ihnen schützen?

Entweder wir finden sehr schnell einen Weg, wieder Konzerte zu geben, und auch Sportveranstaltungen zu organisieren“, sagte der Sänger zum Schluss, oder die Verluste der Unterhaltungsbranche „müssen von der Politik kompensiert werden“. Also vom Steuerzahler. Und das wird kein Hit.

Fazit: Wenig Rosine und viel Mehl. Alles schon mal gesagt, nur noch nicht von jedem. Quälend lange Bandwurmfragen und naive Kommentare der Talkmasterin. Auch die sichtlich gutwilligen Polit-Profis konnten diese Sendung nicht retten. Das war eine Talkshow der Kategorie Goethe: Getretner Quark wird breit, nicht stark.

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