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Corona-Talk bei Anne Will: Söder fordert besseren Schutz für Risikogruppen in Senioren- und Pflegeheimen

„Anne Will: Zwischen Lockern und Verschärfen – wie sinnvoll ist Deutschlands Corona-Strategie noch?“ ARD, Sonntag, 29.November 2020, 21.45 Uhr.

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag einen besseren Schutz für Einrichtungen verlangt, in denen Corona-Risikogruppen leben und arbeiten.

Wörtlich sagte der CSU-Politiker: „Wir können nicht einfach die Altenheime zusperren, aber wir müssen die Zugänge besser regeln!

Advent, Advent, die Hütte brennt: Überall Sorge, Stress & Streit um das verflixte Virus! Anne Wills Gäste:

Söder setzte kurz vor dem Talk noch schnell einen Durchhalte-Tweet ab: „Trotz Corona können wir die Adventszeit im Stillen genießen!“

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller schlug Alarm: Seine Corona-Ampel sprang jetzt auch bei den Intensivbetten auf Rot!

FDP-Chef Christian Lindner twitterte: „Diese Krise droht zur Krise für die nächste Generation zu werden!“

Die Pandemieexpertin Viola Priesemann verspricht: „Je stärker es uns jetzt gelingt, die Infektionen zu senken, desto schneller ist dieser Lockdown vorbei!“

Die Journalistin Vanessa Vu („Zeit“) berichtete, dass Staatsmedien in Vietnam, der Heimat ihrer Eltern, Adressen aller Infizierter veröffentlichen.

Politik, Wissenschaft, Medien: Das Fernsehen ist noch lange nicht im Friede-auf-Erden-Modus!

Kitzligste Frage

Die Talkmasterin setzte gleich mal den Bürgermeister auf den Pott. „Versprochen war ja eigentlich, dass wir im November vier harte Wochen durchhalten müssten, um dann Weihnachten dafür belohnt zu werden!“ erinnerte sie.

Aber: „Jetzt ist es so, dass im Rest der Republik zehn Menschen feiern können, in Berlin aber nur fünf. Ist das fair?“

Doch die Attacke beeindruckte Müller wenig: „Wir haben immer noch schlechte Zahlen“, antwortete er. „Deswegen werden wir zu Weihnachten die Einschränkungen leider aufrechterhalten müssen.“

Klarste Ansage

Söder war aus München zugeschaltet. „Was mich am meisten bestürzt, ist, dass über die Zahl des Todesfälle so wenig diskutiert wird in Deutschland“, kritisierte er.

Seine Ankündigung: „In den nächsten zwei Wochen müssen wir ein Update machen und im Zweifelsfall aus dem Verlängern und Vertiefen ein Mehr an Vertiefen machen!“

Größte Befürchtung

„Wir haben den mildesten Lockdown in Europa“, fügte der Ministerpräsident hinzu. „Ich hätte mir etwas mehr vorstellen können, aber wir haben vereinbart, das einheitlich zu machen. Das Ergebnis ist auch, dass es länger dauern wird.

Söders Hauptsorge, „weil wir an der österreichischen Grenze sind“, ist: „Was passiert mit großen Skiaktivitäten? Die Piste ist nicht das Problem, aber alles, was drum herum ist.“ Ischgl lässt grüßen!

Willkommenste Überparteilichkeit

„Herr Müller und ich waren da, obwohl wir politisch normalerweise Welten auseinander sind, im gleichen Team“, lobte Söder.

Auch der FDP-Chef setzte erst mal auf Harmonie: „Bei den Kontaktbeschränkungen, Hygienekonzepten, Abstand, Masken, Lüften oder Corona-Warnapp gibt es innerhalb der staatlichen Verantwortungsgemeinschaft überhaupt keinen Dissens“, stellte er zufrieden fest.

Interessantester Alternativvorschlag

„Aber“, fragt Lindner gleich danach, „wie ist eigentlich die längerfristige Strategie? Den Menschen wird nicht klar gesagt: Wie ist der zeitliche Horizont!“

Seine Überlegung: „Wenn wir über einen so langen Zeitraum sprechen, dann muss die Frage erlaubt sein: Gibt es nicht eine stärkere Fokussierung auf die Menschen, die ein größeres Risiko haben? Beim Schutz der vulnerablen Gruppen sind wir nicht so gut, wie wir sein müssten!

Stärkster Tobak

„Vietnam ist coronafrei“, meldete die Journalistin stolz. Die deutschen Debatten dagegen finde sie „zynisch“, denn: „Letzte Endes stirbt hier alle dreieinhalb Minuten ein Mensch!“

„Solche Zahlen haben wir in Asien nicht“, meinte sie.  Denn: „Die Regierungen haben sehr schnell die Grenzen dichtgemacht. Jeder leistet seinen Beitrag! Da wird nicht gemeckert!“

In Deutschland dagegen, so auch die jetzt von der ARD  eingeblendete Kritik der Journalistin in der „Zeit“, gehe es „im schlechtesten Fall um reine Selbstprofilierung, nicht aber um den effizientesten Schutz der eigenen Bevölkerung.“ Oha!

Promot ging der Zoff los

Müller schmeckte die Kritik überhaupt nicht: „So chaotisch war das gar nicht bei uns!“ wehrte sich der Bürgermeister. In Asien übliche Maßnahmen wie Kreditkartenbelege auslesen und Kameraüberwachung seien „bei uns wahrscheinlich nicht so einfach möglich“.

Und, so Müller weiter: „Wir haben mit der Akzeptanz der Bevölkerung viel erreicht. Wir sind besser durchgekommen als viele andere europäische Länder, die einen harten Lockdown hatten!“

„Ich finde, fast 400 Tote täglich sind nicht so ein stolzes Ergebnis!“ konterte die Journalistin.

Schlimmstes Dilemma

„Wir sind immer gebunden an das Prinzip der Verhältnismäßigkeit“, stellte Lindner klar.

Aber, so der FDP-Chef: „Schließt man die Gastronomie, die professionelle Hygienekonzepte hat, vielleicht sogar eine neue Klimaanlage, dann werden einige Menschen Hauspartys machen. Da stellt sich die Frage, ob die nicht besser im professionellen Umfeld der Gastronomie aufgehoben wären!“

Düsterste Prognose

„Seit Monaten wird die Gefahr nach unten geredet!“ empörte sich Söder. „Die Todeszahlen werden entweder ignoriert, oder manche sagen wie die AfD: Man muss damit einfach rechnen. Das ist eine sehr zynische Argumentation!

Schlimmste Prophezeiung, so der Ministerpräsident: „Wir werden in diesem Jahr, so sagt es der Gesundheitsminister, Corona als dritthäufigste Todesursache in Deutschland haben!“

Klügste Analysen

„Wir sollen einheitliche Regeln finden, aber jeder hätte es gern differenziert“, schimpfte Söder weiter. „Bei jeder Maßnahme gibt es eine unendliche Debatte. Es fehlt das Bewusstsein dafür, dass das jetzt eine ernste Herausforderung ist!“

„75 Prozent der Kontakte können nicht gut nachverfolgt werden“, erinnerte Pandemieexpertin Priesemann. Außerdem sei bei hohen Fallzahlen die Dunkelziffer viel höher.

„Jetzt die Fallzahlen runterzubringen, ist leichter als im Frühjahr, wenn es um rein technische Fragen geht“, fasste sie zusammen. „Wenn es aber um die Motivation der Bürger geht, ist es jetzt eventuell schwieriger.“ Puh!

Interessanteste Vorschläge

„Wir können nicht einfach die Altenheime zusperrten“, warnte Söder, „aber wir müssen die Zugänge besser regeln. Die beste Strategie ist, die Zahlen wieder runterzubringen, sowie im Frühjahr!“

Lindner war nicht überzeugt: Er forderte mehr FFP2-Masken und „eine Gesundheitsschleuse beim Zugang zu einer Pflegeeinrichtung mit sofortigem Schnelltest  für alle Besucher und Beschäftigte“.

Außerdem: „Warum müssen Menschen mit einem gesundheitlichen Risiko Bus fahren? Dann gebe ich denen lieber einen Taxigutschein, nicht nur für den Arztbesuch, sondern auch für das Einkaufen!“ Statt Geschäfte zu schließen, hätte der FDP-Chef lieber „ein Zeitfenster für die Einkäufe älterer Menschen“.

Deutlichste Widerrede

„Wir haben das schon gehört“, murrte Müller. „Sie sprechen immer über den vulnerablen Gruppen. Wir sind über den Punkt hinweg. Es sind inzwischen viele Jüngere, die Infektionsketten auslösen!“

Und: „Wenn es heute noch Leute gibt, die sagen: Ich mache zu Hause eine Party, dann machen die das, auch wenn die Gastronomie geöffnet hat!“

Dialog des Abends

Die Talkmasterin stieß sich am Beschluss der Bundesregierung, FFP2-Masken „gegen eine geringe Eigenbeteiligung“ auszugeben.

„Sie sind Sozialdemokrat, Herr Müller!“ patzte sie den Bürgermeister an. „Ich weiß gar nicht, warum ich Ihnen das sagen muss!“

„Müssen Sie nicht!“ konterte Müller.

„Für die Lufthansa und die TUI werden Milliarden aufgewendet“, setzte die Talkmasterin nach, „aber von älteren Menschen verlangen Sie eine Eigenbeteiligung!“

Jetzt ist der Bock aber fett! „Wir diskutieren wieder über Sachen, die absolut irrelevant sind!“ knallte Expertin Priesemann dazwischen. Uff!

Ehrlichste Antwort

Die Talkmasterin zeigte einen ARD-Einspieler über Japan, Taiwan und Vietnam: Dort alles paletti. „Was macht Deutschland, was macht Bayern falsch?“ stichelte Will.

Wir streiten uns einfach zu viel!“ antwortete Söder gerade heraus. „Dort gibt es eine einheitliche Philosophie, und die wird angewandt. Bei uns muss man jede einzelne Maßnahme in zig Diskussionen begründen!

Glaubwürdigste Klage

Dann wurde der Ministerpräsident richtig sauer: „Ich weiß jetzt nicht, ob es Querdenker in Japan gibt“, wetterte er. „Aber all das, was jetzt ständig versucht wird, auch mit Verschwörungstheorien, die Leute kirre zu machen, das untergräbt die Bereitschaft, mitzumachen.“ Rumms!

Söders besonderer Ärger: „Ich habe gesagt, wir brauchen eine Einreisequarantäne beim Skifahren. Ein Aufschrei! Nicht von der Mehrheit der Bevölkerung, aber von einzelnen Gruppen!“

Und mit einem Augenzwinkern fügte er hinzu: „Es gibt eine relative gute Möglichkeit, zu erkennen, ob jemand vom Skifahren kommt: Weil sich nämlich Ski am Auto befinden!

Kräftigste Abreibung

Zum Finale dreht der Ministerpräsident noch mal bis zum Anschlag auf: „Diese zehnstündigen Ministerpräsidentenkonferenzen sind nicht vergnügungssteuerpflichtig“, beschwerte er sich, „weil wir da immer vom Hundertsten ins Tausendste kommen!“

Besonders nerve ihn, dass jeder zunächst nach einem Schlupfloch suche: „Ich sage da jetzt keine Namen! Es fällt mir auch spontan nichts ein…“

Die Runde ist amüsiert, doch Söder fand schnell wieder den Faden: „Dann passiert nämlich genau das, dass dann so eine komische Haltung rauskommt, bei der man den Eindruck hat, die sind sich nicht einig.“ Hm – das klang schon sehr nach Oberministerpräsident. Oder noch mehr.

Aktuellste Ansage

„Wir werden Hotels und Pensionen nutzen, um dann die Quarantäne wirklich umzusetzen“, kündigte der Bürgermeister an. Etwa, um Familien aus beengten Wohnverhältnissen rauszuholen.

„Nach elf Monaten fangen Sie damit an!“ höhnte die Talkmasterin.

Doch Müller kontert sie locker aus: „Wir haben das Gespräch begonnen mit Ihrer Frage an mich, warum wir denn so streng sind zu Weihnachten“, erinnerte er sie. „Und jetzt auf einmal wollen Sie immer strengere Maßnahmen!“

Allgemeine Heiterkeit! Will fuchtelte nervös mit den Händen: „Das ist mein Trick“, behauptete sie. „Ich beziehe immer die Gegenposition.“ Amen!

Fazit: Mal Schussfahrt, mal Rutschpartie, mal Bauchlandung, aber immerhin keine minderbegabten Denkschrankenwärter und auch nur wenig intellektuelle Bückware. Das war ein Talk der Kategorie „Scharfkantig“.

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