Teletäglich

Camus und Corona

Als ich Camus zum ersten Mal las, war er gerade gestorben und ich wie meine komplette Alterskohorte Existentialist. Lange her. Jetzt bringt Corona die „Pest“ wieder auf die Leselisten.

In meiner rororo-Ausgabe strich ich damals an:

„Eine bewährte Art, eine Stadt kennenzulernen, besteht darin, herauszufinden, wie ihre Bewohner arbeiten, wie sie lieben und wie sie sterben. In unserem Städtchen vermengt sich dies alles und geschieht mit der gleichen Maßlosigkeit, doch ohne innere Anteilnahme.“

Über den kleinen Rathausangestellten Joseph Grand: „Er gehörte zu den bei uns überaus seltenen Menschen, die immer den Mut haben, zu ihren edlen Gefühlen zu stehen. Das Wenige, was er im Vertrauen über sich aussagte, zeugte tatsächlich von einer Güte und Anhänglichkeit, die heutzutage keiner mehr einzugestehen wagt.“

Und: „Er gab gerne zu, daß er in seinem Quartier eine bestimmte Glocke besonders liebte, die gegen fünf Uhr abends weich erklang. Aber jedes Wort, das er brauchte, um so einfache Gefühle wiederzugeben, kostete ihn tausend Mühen.“

Über den Jesuitenpater Paneloux: „Keiner durfte sagen: ‚Dieses verstehe ich, aber jenes ist unannehmbar‘; man mußte sich mitten in das Unannehmbare hineinstürzen, das uns dargeboten wurde, eben damit wir unsere Wahl prüfen. Das Leiden der Kinder war unser bitteres Brot, aber ohne dieses Brot würde unsere Seele an ihrem geistigen Hunger zugrunde gehen.“

Aus der letzten Predigt des Paters: „Meine Brüder, die Liebe zu Gott ist eine schwierige Liebe. Sie setzt völlige Selbstaufgabe und Selbstverleugnung voraus. Aber er allein vermag das Leiden und Sterben der Kinder auszulöschen; er allein jedenfalls kann es notwendig machen, weil es unmöglich zu verstehen ist und wir es nur wollen können. Das ist die schwierigste Lehre, die ich mit euch teilen wollte. Das ist der in den Augen der Menschen grausame, für Gott jedoch entscheidende Glaube, dem wir uns nähern müssen.“

In dem Roman ist die Pest nach vielen Toten irgendwie vorbei, aber ein Happyend gibt es nicht.

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