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Bundestagsvize Kubicki setzt sich bei Anne Will energisch für die Fortsetzung der Bundesliga-Saison ein

„Anne Will: Deutschland macht sich locker – ist das Corona-Risiko beherrschbar?“ ARD, Sonntag, 10.Mai 2020, 21.45 Uhr

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki (FDP) hat sich in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag energisch für die Fortsetzung der wegen Corona unterbrochenen Bundesliga-Saison ausgesprochen.

Wörtlich sagte der Politiker: „Bei den Infektionsfällen (der Bundesliga) haben die Gesundheitsämter zugeschlagen“, doch störe ihn „diese ganzen Diskussion, warum Bundesliga ja und Kindergärten nicht!“

Schönster Stoßseufzer

Denn, so der Jurist Kubicki: „Man kann nicht etwas verbieten, nur weil andere nicht die gleichen Möglichkeiten zur Eröffnung haben!“

Der Politiker Kubicki schob nach: „Ich bin nicht nur ein begeisterter Fußballanhänger, ich glaube auch, dass es zur Nervenberuhigung von vielen, vielen Menschen beitragen wird, wenn sie wenigstens im Fernsehen am Samstagnachmittag wieder Fußballspiele sehen können!“

Denn, ganz ehrlich: „Mich nerven die Konserven von der letzten WM auch schon ganz mächtig!“

Ja locker mich doch…!! Kaum lässt die Politik Leine, dreht Deutschland gleich wieder am Rad. Den einen ist‘s zu wenig, den anderen zu viel. Anne Will fragte kompetente Gäste:

Die Mainzer Ministerpräsidentin Malu Dreyer (59, SPD). punktet seit Tagen als Corona-Entfesselungskünstlerin, gesteht aber ganz offen: „Ich sage nicht, dass ich alles weiß!“

Kubicki ist als Liberaler von Haus aus immer für mehr Freiheit.

Die Ärztin Ute Teichert ist Chefin der Öffentlichen Gesundheitsdienste, und auf die kommt’s jetzt an.

Die Physikerin Viola Priesemann forscht seit Jahren über Ausbreitungsprozesse aller Art.

Der Theologe Prof. Peter Dabrock leitete bis vor kurzem den Deutschen Ethikrat und findet den Bundesliga-Re-Start: „unsolidarisch, halbgar und (wegen Dresden) jetzt auch noch ungerecht!“

Politiker und Experten: Passt das, beißt sich das, und was zeigt das Zoff-o-Meter?

Physikerin Priesemann, aus Hannover zugeschaltet, startete den Talk mit einem überzeugenden Plan. „Erstens: Neuinfektionen so weit runterdrücken, dass Kontaktnachverfolgung möglich ist. Zweitens: Flächendeckend testen, um Brandherde schnell zu entdecken!“

Interessanteste Beobachtung

Kubicki konnte mit der R-Zahl (Wie viele Menschen steckt ein Infizierter an) aus dem Robert-Koch-Institut wenig anfangen: „Das ist eine Schätzzahl!“ schimpfte er.

Denn, so der FDP-Politiker beunruhigt: „Ich weiß, dass das RKI am 28.4 eine R-Zahl von 1 ausgewiesen hat. Eine Woche später ist sie auf 0,7 reduziert worden, nach einer massiven Kritik von mir!

Überzeugendstes Plädoyer

Für Kubicki heißt die entscheidende Frage: „Sind die massiven Einschränkungen der Grundrechte gerechtfertigt?“ Eine Antwort lieferte er gleich dazu: „Wenn Sie in Rosenheim einen Ausbruch haben, macht es keinen Sinn, in Husum die Kirchen zu schließen!“

Sein Credo ist die Eigenverantwortung: „Wer Angst hat, soll zu Hause bleiben!

Die Bräune hat er von der Ostsee mitgebracht: „Ich erlebe am Timmendorfer Strand, dass alle Abstand halten, zwei oder drei Meter. Sonne, Luft und Bewegung sind gut für die Stärkung des Immunsystems!“

Ungewöhnlichster Begriff

„Wir müssen die Eigenverantwortung so durchführen, dass es wirklich auch eine gebildete Eigenverantwortung ist“, verlangte Ethikprofessor Dabrock.

Hm – gebildete Eigenverantwortung? Das wollten Will und Kubicki genauer erklärt haben. „Ich meine, dass wir ganz offensiv darüber nachdenken müssen, wenn sich so ein krudes Gebräu auftut, was die Extreme der Gesellschaft zusammenführen kann“, verdeutlichte der Ethiker.

Dringlichste Warnung

Ihn irritiere „das große Potential von Menschen, die dafür empfänglich sind“, sagte der Professor über die umlaufenden Verschwörungstheorien.

Allerdings: „Die Attilas und Kens und Xaviers der Gesellschaft, die kriegen wir sowieso nicht“, urteilte er über die umstrittenen Fakepropheten Hildmann, Jebsen und Naidoo. Aber die, die ihnen nachliefen, müsse man schnellstmöglich zurückgewinnen, bevor sich gefährliche Vorstellungen bei zu vielen Menschen verfestigten.

Ehrlichstes Geständnis

Ärztin Teichert beklagte die immer noch sehr mangelhafte Ausstattung ihrer Gesundheitsämter: „Viel zu wenig Personal, unterbezahlt, Nachwuchsprobleme!“ Auf alle Fälle müssten die jetzt angeheuerten Hilfskräfte dauerhaft bleiben.

Dann gab es mächtig Zoff

Dabrock erklärte, auch er sei Fußballfan, habe aber ein Problem damit, „dass die Testkapazitäten, von denen natürlich die Bundesliga behauptet, dass sie reichlich vorhanden sind…“

„Das ist ja auch so!“ funkte Kubicki gleich dazwischen.

„…nicht gezielt zu hundert Prozent in die systemrelevanten Bereiche und in die Bereiche hineingehen, in denen Menschen seit Wochen schwerste Grundrechtseinschränkungen erfahren“, fuhr der Professor fort. „Beispielsweise in den Altenheimen!“

Hitzigster Dialog

„Momentan wird ja die Hälfte der Kapazitäten gar nicht genutzt!“ widersprach Kubicki.

Doch der Ethiker ließ sich nicht beirren: „Im Grunde haben wir keine freien Testkapazitäten“, schimpfte er, „sorgen aber dafür, dass die doch zur Bundesliga hingezogen werden!“

Stimmt ja gar nicht!“ sagte Kubicki.

Der Professor wirkte etwas überrascht, wettert aber erst mal weiter: „Ja, dann ist es so, dass die Menschen den Eindruck haben, hier gibt es eine Vorzugsbehandlung. Wir haben offensichtlich keinen Masterplan!

Salomonischstes Urteil

Die Ministerpräsidentin übernahm die Schiedsrichterfunktion: „Ich hätte (bei der Bundesliga) niemals zugestimmt, wenn wir nicht zeitgleich alle möglichen anderen Öffnungen beschlossen hätten!“ sagte sie klipp und klar.

Und: „Wenn der Fußball das einzige gewesen wäre, wäre es überhaupt gar nicht zu erklären. Aber wir haben in vielen Bereichen geöffnet, und wir tun es Schritt für Schritt weiterhin. Wir haben genug Testkapazitäten.“ Und Punkt!

Optimistischste Prognose

„Wir brauchen flächendeckende Tests, auch ohne spezifische Verdachtsfälle“, forderte Physikerin Priesemann, „damit wir das Virus so früh wie möglich einfangen!“

Über die Reproduktionsrate sagte die Expertin überzeugt: „Wenn wir die Kontakte der Infizierten nachverfolgen, ist es fast ein Kinderspiel, auf Null zu kommen!

Emotionalste Erzählung

„Mir blutet auch das Herz!“ berichtete Dreyer dann. „Ich war vor zwei Tagen seit langer, langer Zeit zum ersten Mal wieder meine Mutter besuchen. Sie hatten einen Covid-Fall in ihrem Seniorenheim, und es war kein Besuch möglich.“

Die bewegende Schilderung der Ministerpräsidentin: „Da war eine Scheibe dazwischen, und sie haben die Wege getrennt, Besucherweg und Bewohnerweg, und natürlich alle mit Masken. Es war total berührend, und ungewöhnlich, dass man seine eigene Mutter nicht anfassen kann. Das ist wirklich eine ganz, ganz harte Situation.“

Erschreckendste Zahl

Auch Kubicki war deutlich betroffen: „Meine Frau hat ihr Mutter sieben Wochen lang nicht gesehen“, erzählte er. „Die Menschen waren sieben Wochen lang nur in ihren Zimmern. Das ist wie Einzelhaft!“

Besonders schlimm: „Außenkommunikation auch kaum möglich!“ erklärte der Bundestagsvizepräsident. „Meine Schwiegermutter ist dement, sie kann nicht telefonieren. Dass Angehörige sechs oder sieben Wochen lang nicht kontrollieren können, was mit ihren Angehörigen ist, das treibt Menschen wirklich fast in den Wahnsinn. 25 Prozent der infizieren über 80jährigen sterben!“

Klarste Ansage

„Bei den Tests wird es jetzt einen Gesetzentwurf geben, dass die gesetzlichen Krankenkassen das mitbezahlen“, kündigte Dreyer zum Schluss an. Denn: „Es kann nicht sein, dass die Frage, ob jemand testen kann, eine Geldfrage ist!

Fazit: Viel Zoff, aber auch viele Beruhigungspillen, dazu abgesicherte Stellungnahmen und routinierte Abwägungen. Störend nur wieder die Bandwurmfragen der Moderatorin. Das war eine Talkshow der Kategorie „Befriedigend“.

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