Geschichte

Bremen 1945: Doornkaat für den Kaleu, Schädelbruch für den Feldwebel

„Ich halte alles für Wahnsinn“, schreibt der Volkssturmmann Heinrich Hohnstedt in sein Tagebuch. „Es ist mir, als ob die ganze Führung den Kopf verloren hat … und die Herren den Krieg nur weiterführen, um ihr Leben zu verlängern.“

Bremen im April 1945: Erwartungen, Hoffnungen, Ängste. „Erwartungen an eine letzte große Schlacht, Hoffnungen auf ein Ende der ständigen Luftangriffe, Ängste vor dem Einmarsch der Engländer“, berichtet Peter Groth in „Kriegsende in Bremen“. Die Stadt taumelt, die Stadt liegt in Schutt und Asche, doch noch sind ihre Leiden nicht zu Ende.

Die Alliierten stehen mit riesiger Übermacht vor den Toren, aber, so Groth: „Sie lassen sich Zeit, quälend lange, bomben und schießen die Stadt sturmreif, Stück für Stück, Quadratmeter um Quadratmeter. Findorff, Schwachhausen, die Neustadt und Hemelingen, Hastedt und Arsten. 41.600 Sprengbomben, 850.000 Brandbomben, ungezählte Artilleriegeschosse…“

Die Folgen sind verheerend, die Wirkung ist geplant: Die Briten wollen keine eigenen Leben mehr opfern, schon gar nicht in einem blutigen Häuserkampf. Sie setzen darauf, dass die Verteidiger den letzten Rückhalt in der Bevölkerung verlieren und aufgeben oder abziehen.

In der belagerten Stadt leben noch 280.000 Menschen. Noch gibt es Strom, noch kommt die Post, noch wird der Müll abgeholt. Noch klappt die Versorgung, auch wenn inzwischen vor den Geschäften lange Schlangen stehen. Aber die Eisenbahn fährt nicht mehr, und im Krematorium finden keine Trauerfeiern mehr statt, denn es gibt weder Holz für die Särge noch Brennstoff für die Öfen.

Am 23.April bereiten die Briten den entscheidenden Angriff vor: Bomber legen einen Feuerteppich auf Arsten und Kattenturm- Artillerie belegt deutsche Stellungen am Südrand der Stadt mit einem Geschoßhagel. Es ist eine mondklare Nacht.

Der Sturm beginnt um Mitternacht – nicht, wie von den Verteidigern erwartet, über die letzten noch intakten Straßen, sondern quer über die von den Deutschen gefluteten Wiesen der Ochtumniederung. 47 Schwimmpanzer von Typ „Buffalo“ bringen in Sechsergruppen Soldaten der Royal Ulster Rifles, des Royal Norfolk Regiments und des Royal Warwickshire Regiments nach Arsten, Kattenturm und Habenhausen. Die überrumpelten Deutschen leisten kaum Widerstand. Am Nachmittag des 25.April sind der Stadtteil, 20 Offiziere und 100 völlig demoralisierte Soldaten in der Hand der Engländer.

Weil in dieser Lage Widerstand nur noch zu Lasten der eigenen Menschen gehen kann, ziehen viele Offiziere jetzt ihre Einheiten zurück. Leider handeln nicht alle so vernünftig: „In der Nacht gegen zwei Uhr hörten wir wieder MG-Geknatter“, notiert der Kinderarzt Dr.Albrecht Mertz. „Es war unsere Marineinfanterie, die immer noch in den Straßen lag und bereits am Abend sich mit Doornkaat unglaublich besoffen hatte, voran der Kaleu, den ich noch in diesem Zustand am Munitionsdepot getroffen hatte, nichts Gutes ahnend. Dieser Kerl also in seinem Tran erklärte den Befehl zum Rückzug als für ihn unverbindlich und ließ seine MG’s wieder nach der Vahr hin feuern. Die Antwort kam rasch genug heftigster neuer Ari-Beschuss direkt auf uns, es waren die Nebenhäuser, die schwere Volltreffer erhielten…“

Mertz’ Praxis liegt an der Kurfürstenallee, aber er betreut vor allem die Menschen in den stickigen Bunkern, in denen die Luft so verbraucht ist, dass die Kerzen kaum noch brennen wollen. Die Wirkung der Bombentreffer ist verheerend: „Im Sanitätsraum die Kinder aufgebahrt, davon zwei schwer verwundet, ich muss Morphiumspritzen geben“, schildert Mertz. „Ein kleiner Junge, dessen Bein wegen spritzender Arterie am zerrissenen Fußstumpf mit Gummigurt abgeschnürt ist, muss dringend ins Lazarett, aber wie?“

Später behandelte Mertz auch einen Oberfeldwebel, „der von einem deutschen Offizier durch einen Schlag mit seinem Stahlhelm über den Schädel böse getroffen war und vermutlich einen Schädelbruch erlitten hatte.“ Denn: „Ein Hauptmann, dem Fanatiker von Kapitänleutnant unterstellt, hatte sich mit Recht auf den Befehl zum Einstellen des Widerstands berufen und die Schießerei zu verhindern gesucht. Der betrunkene Kapitänleutnant brüllte ihn daraufhin an, er sei ein Saboteur und laut dem berüchtigten letzten Tagesbefehl Hitlers umzulegen, und gab dem Oberfeldwebel Befehl, ihn festzunehmen. Der aber setzt sich zur Wehr. Hätte er doch den Kapitänleutnant erschlagen! Ob das Gerücht, der Hauptmann sei gleich darauf erschossen worden, zutraf, konnte ich nicht mehr erfahren.“

Es ist nicht die letzte Tragödien in der sterbenden Stadt.

Morgen: Der letzte Befehl: Schießen auf alles, was sich bewegt!

 

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