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Auschwitz. Die Befreiung

Vor 75 Jahren, am 27.Januar 1945, erreichen die Spitzen der Roten Armee hinter Krakau den Lagerkomplex, der in der Nachkriegszeit zu einem Symbol für den Holocaust wird. Das Krematorium ist noch warm.

Der Tag der Befreiung von Auschwitz ist vor allem ein Tag unfassbaren Entsetzens. Stunde um Stunde lichtet sich der Schleier über die ungeheuerlichen Schreckenstaten der Nazis an dem infernalischen Ort. Immer tiefer dringt das namenlose Grauen in die Köpfe der Befreier und damit in die Seele der Menschheit ein.

Im Morgenlicht dieses 27.Januar 1945 tritt die 1. Ukrainische Front zum Angriff an. An vorderster Front marschiert die Aufklärungseinheit eines Schützenbataillons. Kommandeur Anatoli Shapiro, ein ukrainischer Jude, hat bei den schweren Kämpfen in Südpolen bereits die Hälfte seiner 900 Männer verloren.

Um 9 Uhr stoßen die Russen zum KZ „Auschwitz III Monowitz“ vor. Hier hausen Zwangsarbeiter für die deutsche Kriegsindustrie. Die SS-Wachen sind verschwunden, aber es dauert drei Stunden, bis Pioniere die Minen vor dem Tor geräumt haben.

Gegen 12 Uhr rücken die ersten Rotarmisten durch Monowitz vor. „Menschliche Skelette kamen uns entgegen“, schildert Shapiro. „Sie trugen Streifenanzüge und keine Schuhe. Es war eisig kalt. Sie konnten nicht sprechen, nicht einmal die Köpfe wenden.“

„Die Sowjetarmee hat euch befreit“, ruft ihnen der Kommandeur zu. Einige polnische Häftlinge, die ihn verstehen, blicken ihn ungläubig an. Dann berühren sie ihn zaghaft an Händen und Armen, als könnten sie nicht glauben, dass ein Mensch vor ihnen steht.

Russische Sanitäter machen sich sofort an die Erstversorgung der 850 Überlebenden. Kriegsberichter eilen mit ihren Kameras herbei, um die Gräuel zu dokumentieren.

Zwei Stunden später und sechs Kilometer weiter treffen die Russen in „Auschwitz I Stammlager“ und „Auschwitz II Birkenau“ auf einen letzten deutschen Widerstand. In den Tagen zuvor hat die SS dort 60.000 Häftlinge auf einen Todesmarsch nach Westen getrieben, riesige Mengen Akten verbrannt und – in der Nacht vor der Befreiung – das letzte der vier Krematorien gesprengt.

Am Vormittag erschießt eine mobile SS-Einheit noch einmal 800 Häftlinge. Jetzt feuern die Mörder auf die Russen. In den erbitterten Kämpfen lassen 68 sowjetische Soldaten ihr Leben. Die Zahl der deutschen Toten bleibt unbekannt.

Um 15 Uhr bricht ein Panzer durch das Haupttor, und die letzten SS-Schergen fliehen. „Das Krematorium war noch warm“, notiert Major Shapiro nach einem ersten Rundgang. „Durch den Wind waren wir von Asche bedeckt, der Schnee war schwarz.“  Links und rechts sieht er schwarze Flecken: In letzter Stunde Erschossene, die der Schnee noch nicht völlig bedeckt.

7650 alte oder kranke Häftlinge sind noch am Leben. „Als sie die roten Sterne auf den Pelzmützen sehen, brachen sie in Jubel aus“, schildert der Historiker Ernst Piper. „Jeder, der sich noch bewegen konnte, schleppte sich hinaus in die Kälte, um die Befreier willkommen zu heißen. Manche waren so entkräftet, dass sie auf allen Vieren krochen.“

Auch 600 Kinder haben Auschwitz überlebt. Wieder kümmern sich Sanitäter mit Brot und Tee um die ausgemergelten Opfer, wieder eilen Kameraleute herbei: Zu unfassbar ist das Grauen, zu wichtig die Dokumentation: Ohne Filme und Fotos würden sich die Berichte über das einzigartige Verbrechen kaum glaubhaft machen lassen.

„Unseren Augen bot sich ein schreckliches Bild: eine riesige Anzahl von Baracken – viele ohne Dächer -, auf Pritschen lagen Menschen, Skelette schon, mit Haut überzogen und abwesendem Blick. Es war schwer, sie ins Leben zurückzuholen“, berichtet der russische Kameramann Alexander Woronzow. „Was ich dort gesehen und gefilmt habe, war das Schrecklichste, was ich während des Krieges je gesehen und aufgenommen habe“.

Der Häftlingsarzt Otto Wolken aus Lemberg ist drei Tage zuvor der Erschießung nur durch einen Sprung in den Latrinengraben entronnen. Am Abend der Befreiung lotst er einen russischen Offizier in eine Baracke zu Häftlingen, die vor Hunger und Kälte erstarrt in ihren Betten liegen und immer noch nicht an ihre Rettung glauben wollen.

Der Russe knöpft seinen Mantel auf, zeigt seine ordensgeschmückte Brust und sagt: „Ihr müsst nicht mehr um euer Leben fürchtet. Wir jagen die Deutschen wie die Hasen! Ich freue mich, dass mir das Glück zuteilwurde, wenigstens noch eine kleine Gruppe von Menschen vor den Barbaren zu retten.“

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