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Atom-Zoff in „Hart aber fair“: Neue Verwirrung um Habecks Reserve-Plan

„Hart aber fair: Zu teures Gas, zu wenig Strom: Muss die Atomkraft doch länger laufen?“ ARD, Montag, 12.September 2022, 21.15 Uhr.

Die Grünen drücken mit aller Kraft den Sargdeckel über der Kernenergie zu, doch Totgesagte leben bekanntlich länger, und in „Hart aber fair“ fragt Frank Plasberg nun schon fast rhetorisch. Die Gäste:

Tarek Al-Wazir (51, Grüne). Hessens Wirtschaftsminister steckt den Kopf in den Sand: „Die Atomenergie wird kein Teil der Rettung sein, sondern nur die Notfallreserve für diesen Winter!

Gitta Connemann (58, CDU). Die Bundeschefin der Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) klagt: „Diese ideologische Ablehnung der Atomkraft ist in der Energiekrise völlig unvernünftig!“

Prof. Stefan Kooths (53). Der Ökonom twittert: „Wie immer man zur Kernenergie steht, hierüber sollte Einigkeit bestehen: Der teuerste Moment für den finalen Ausstieg ist jetzt!

Hermann-Josef Tenhagen (59). Der Journalist („Finanztip“) verriet bei „Maybrit Illner“: „Ich habe vor 30 Jahren meine Diplomarbeit über die mangelnde Möglichkeit, Atommüll zu lagern, geschrieben.“ Na dann…

Caterina Künne (39). Die Sonderpädagogin führt mit ihrem Ehemann eine kleine Bäckereikette. Energiekosten bisher: 120.000 Euro im Jahr. Künftig: 1,1 Millionen.

Wahnsinn! Gibt’s heute eher Lösungsvorschläge oder doch wieder nur parteipolitische Keilerei?

Entmutigendste Startvorgaben

Prof. Kooths hat für die verzweifelte Bäckerin nur schwachen Trost: „Ich will nicht zynisch klingen“, kommentiert der Ökonom mit beschwichtigend wedelnden Händen, „aber es wird dadurch ein bisschen einfacher, dass natürlich auch alle Ihre Wettbewerber eine ähnliche Situation haben.“ Puh!

Finanztipper Tenhagen setzt selbst da noch einen drauf: „Es gibt Branchen, da muss ‘ne Lösung her“, stellt er fest und fügt nicht ganz ernst hinzu: „Oder man beschließt, dass man die Hälfte von der Branche einfach nach Hause schickt.“ Ächz!

Platteste Auslegungsware

Wir können nicht einfach sagen, wie es letzte Woche mal vorgeschlagen wurde, im Fernsehen, dass wir einfach mal aufhören zu produzieren!“, beschwert sich die Bäckerin sichtlich sauer. „Das funktioniert nicht!“

„Vorgeschlagen wurde das nicht“, dementiert der Talkmaster eilig: „Es geht um Robert Habeck bei der Kollegin Maischberger. Herr Al-Wazir, ja, hm, ähm: Können Sie’s erklären, was er damit gemeint hat? Stützen Sie es inhaltlich?“

Dann aber versucht Plasberg sich erst mal selbst an einer Exegese: „Die Idee war ja, zu sagen, ja, eine Bäckerei muss ja nicht Pleite gehen, insolvent gehen“, übersetzt er Habecks wunderliche Ausführungen aus der vergangenen Woche, sondern „sie hört einfach mal auf, Brötchen zu produzieren, und wenn die Preise wieder sinken, fangen die wieder an.“ Herrje!

Billigster Blitzableiter

Al-Wazir setzt auf ein besonders plumpes Ablenkungsmanöver: „Die Bäcker waren das falsche Beispiel“, behauptet er. „Aber bei Corona haben wir 100.000 Friseuren und 200.000 Gaststätten das Wirtschaften verboten, da gab’s Hilfsprogramme, und dann konnten sie wieder wirtschaften.“ Sein Ernst?

Dann macht er, was Grüne gerne tun: Er richtet den Scheinwerfer auf den allseits bekannten Bösewicht, damit die eigenen Fehler im Dunkeln bleiben. Al-Wazirs entsprechende Ansage: „Man muss daran erinnern, dass Putins Russland einen militärischen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt und einen Energiekrieg gegen uns…“

Dramatischster Alarmruf

„Es gibt eine Großzahl an Betrieben, bei denen entweder die Öfen oder die Lichter ausgehen werden“, warnt CDU-Connemann. „Ohne Hilfe werden in zwei Jahren 50 Prozent der Bäckereien nicht mehr da sein!“

Ihr Vorwurf: „Die Betriebe brauchen ein Signal der Ampel: Wir werden gesehen, wir werden wahrgenommen! Dieses Signal haben sie nicht, weil sie in Entlastungspaketen bis dato nicht vorkommen.“

Verblüffendster Unterschied

In Richtung Al-Wazir fügt die Mittelstandspolitikerin noch hinzu: „Wir brauchen eine unideologische Herangehensweise. Bitte nicht beschwichtigen, sondern gemeinsam nach Lösungen suchen.“ Dafür gibt’s den ersten Beifall.

Plasberg wundert sich über von Connemann angeprangerte Ungerechtigkeiten bei den Energieprogrammen: „Ist das ein handwerklicher Webfehler, dass man Industriebäckereien, die Aldi und andere mit Nullachtfünfzehn-Brötchen beliefern, als systemrelevant bevorzugt gegenüber Handwerksbetrieben?“

Prompt springt das Zoff-o-Meter an

„Inzwischen gibt es diese Zuschüsse auch für Handwerksbetriebe“, behauptet Al-Wazir.

„Nein!“, widersprechen Bäckerin und Politikerin im Chor.

„Natürlich!“, beharrt der Grüne und nimmt die CDU-Frau aufs Korn: „Das hat Robert Habeck letzte Woche im Bundestag angekündigt, da saßen Sie doch drin!“

Er hat viel angekündigt, aber er hat es nicht umgesetzt“, kontert Connemann.

Launigste Rückfrage

Finanztipper Tenhagen hat Preise deutscher Stromanbieter verglichen: „Bei der Deutschen Bahn 1,57 Euro pro Kilowattstunde“, berichtet er. „Das war das teuerste.“

„Bei wem?“, staunt Plasberg. „Kommt denn der Strom dann pünktlich?“ Brüller! Heiterkeit im Saal!

Peinlichste Zumutung

Danach baut sich der Talkmaster vor der CDU-Politikerin auf und bedrängt sie im Bußpredigerstil: „Sie können doch einmal den Satz sagen: Wir haben 16 Jahre lang regiert, wir sind mitverantwortlich für diese Situation“, schlägt er der verdutzten Politikerin vor.  „Wollen Sie mir das nachsprechen?“

Sonst noch was? Connemann lässt die Kindergartenidee cool abtropfen: „Ich würde bestätigen, dass jede der Parteien im Bundestag, auch die CDU/CSU, veranwortlich ist“, erwidert sie. Amen!

Schmerzlichster Knockout

Connemans Gegenattacke zielt mitten ins grüne Herz: „Wir müssen jede Kilowattstunde retten, die wir retten können“, fordert die CDU-Politikerin. „Vor diesem Hintergrund ist es ein Wahnsinn, drei Kernkraftwerke, die zehn Millionen Haushalte mit Strom versorgen, zum 31.12. abzustellen!

Ein ARD-Einspieler zitiert dazu einen, so Plasberg, „Nackenschlag“ für den abschaltwütigen Bundeswirtschaftsminister: Habecks Reserve-Pläne seien, so ein Akw-Betreiber, „technisch nicht machbar“. Uff!

Wütendste Gegenrede

Jetzt ist der Bock aber fett! „Dieser Brief von Preussen Elektra ist am Rande einer Unverschämtheit!“, wettert Al-Wazir. „Sie müssen keinem Grünen erklären, wie ein Atomreaktor funktioniert!“

Dann legt der Grüne wieder seine zerkratzte Hit-Single auf: „Wir haben, was Frau Connemann zu verantworten hat, die Energiewende nicht vorangetrieben.“ Die Bayern hätten keine Windkraft und keine Stromleitungen gewollt, die Franzosen jetzt kein Wasser zur Kühlung…“

Abenteuerlichste Habeckiade

Deswegen könne es sein, so Al-Wazir dann, „dass wir im November/Dezember sagen müssen, dass die beiden süddeutschen Kraftwerke noch für dreieinhalb Monate am Netz bleiben müssen.“

Ach? „Ich habe Ihre Steilkurve verstanden“, staunt Plasberg. „Sie interpretieren Notfallreserve so, dass man mit entsprechendem Vorlauf sagt: Produziert ihr mal weiter…“

„Ja klar“, bestätigt der Grüne, als sei das schon immer so gemeint gewesen. Alter Schwede!

Akrobatischster Rückwärtssalto

„Also ein Kommunikationsproblem von Herrn Habeck“, staunt der Talkmaster ungläubig.

Auf der Oberlippe des Grünen bilden sich Schweißperlen. „Nein“, widerspricht er und formuliert den neuesten Spin von der grünen Drehbank: „Der ‚Preussen Elektra‘-Chef hat etwas behauptet, was nie beabsichtigt war, um dann zu sagen, dass das, was nie beabsichtigt war, nicht geht.“ Heidewitzka!

Heillosester Wirrwarr

„Da muss ich nochmal meine eigene Zeitungslektüre überprüfen“, rätselt Plasberg. „Ich habe das auch so verstanden: Notfallbetrieb, es brennt im Netz, also fahren wir mal hoch.“

Aber so leicht kriegt er den Pudding dann doch nicht an die Wand genagelt: „Wenn es ganz schlimm käme, der Rhein weiter so wenig Wasser hätte, in Frankreich die Atomkraftwerke weiter stillstehen würden“, doziert der Grüne, „dann könnte man sie (die Akw) mit ungefähr sieben Tagen Vorlauf wieder anschalten.“

Also doch erst mal planmäßig abschalten? Der Rest der Runde guckt sich ratlos an. Motto frei nach Shakespeare: „Ist’s Wahnsinn auch, so hat es doch Methode…“

Erbittertstes Gefecht

Diese Atomkraftdebatte ist eine Ablenkung vom eigentlichen Problem!“, ruft Al-Wazir dann in die verblüfften Gesichter und behauptet: „Die Atomkraft macht fünf Prozent des Stroms, und man könnte ein Promille Gas sparen…“

Damit hat er den Bogen endgültig überspannt. Empörter Protest aus der Runde. „Es würde aber erst mal weiterhelfen!“, widerspricht die Bäckerin aufgeregt. „Der Preis wird weiter erhöht!“, prophezeit Connemann.

Klügste Erkenntnis

Das niedersächsische Kernkraftwerk in Lingen solle jetzt durch schwimmende Ölheizkraftwerke ersetzt werden, fügt die CDU-Politikerin angriffslustig hinzu. „Sie verfeuern Schweröl für einen niedersächsischen Wahlpoker!“

Dann bricht Chaos aus: Al-Wazir und Connemann fetzen sich minutenlang. Die Bäckerin schaut betreten zu. Dann liefert sie eine schlüssige Einschätzung: „Mein logischer Menschenverstand sagt mir, wir haben eine neue Situation, müssen uns anpassen. Als das alles beschlossen wurde, gab es keinen Krieg!“

Verblüffendste Zahl

Der Minister prangert noch mal die Franzosen an, doch diesmal kontert der Professor ihn aus: „Die Atomkraft in Frankreich wird nicht dadurch besser, dass man sie in Deutschland abschaltet!“

Connemann rechnet vor, dass der Staat dieses Jahr zum ersten Mal über eine Billion Euro an Steuern einnehmen werde – genug für viele Entlastungsprogramme.

Letztes Gefecht

Zum Schluss regt sich Al-Wazir über Connemanns Forderung auf, die Gasumlage abzuschaffen: „Das ist doch eine Milchbubenrechnung!“

„Allenfalls eine Milchmädchenrechnung“, verbessert die CDU-Politikerin.

Auch mit Bäckerin Künne legt sich der Grüne noch an, weil sich über die ungerechte Verteilung der Zuschüsse beschwert. Al-Wazirs höhnische Frage: „Sie wollen also die 300 Euro für die Rentner nicht?“

Da baut sich Plasberg vor ihm auf: „Machen wir jetzt eine kleine Atempause?“, fragt der Talkmaster. Und die hat diesmal auch der geduldige Zuschauer mehr als verdient…

Zitat des Abends

Das unterscheidet mich vielleicht von anderen: Übergewinne sind Übergewinne, selbst wenn sie mit Solarenergie gemacht werden.“ Tarek Al-Wazir

Fazit

Ausgeprägtes Dominanzgehabe mit rumpelstilzchenhaftem Gepolter, unwillkommene Argumente sollten einfach weggetuppert werden, doch nach steilen Kurven musste das Safety-Car auf die Piste. Das war eine Talkshow der Kategorie Habeck: Starker Start, schwache Fahrt.

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