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Alarm bei „hart aber fair“: SPD-Lauterbach will keine Impf-Pause und warnt vor noch mehr Corona-Varianten

„hart aber fair: Stopp für AstraZeneca: Impfplan gescheitert?“ ARD, Montag, 15.März 2021, 21.15 Uhr.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Prof. Karl Lauterbach hat in der ARD-Talkshow „hart aber fair“ am Montag eindringlich vor neuen Corona-Mutanten gewarnt.

Wörtlich sagte der Experte: „Die Impfstoffe, die wir jetzt verimpfen, wirken nur eingeschränkt gegen die südafrikanische und die brasilianische Variante. Außerdem sind schon weitere Varianten über diese beiden hinaus entdeckt worden.“

Die Klatsche bei den Südwest-Wahlen brennt noch auf der CDU-Backe, da wird schon die nächste Sau durchs Talk-Dorf getrieben: Time-Out für AstroZeneca! Für „hart aber fair“ trommelt Frank Plasberg eiligst eine Meinungs-Taskforce zusammen. Die Gäste

Lauterbach fand den Impfstopp grundfalsch.

Andreas Gassen, Chef der deutschen Kassenärzte, setzt auf die Erfahrung seiner Leute.

Der Journalist Robin Alexander (WELT) ballerte gegen die Bundesregierung.

Ranga Yogeshwar (61). Der ARD-Wissenschaftsjournalist suchte nach Königswegen.

Plasbergs schnelle Eingreiftruppe sollte das Thema möglichst überzeugend beackern. Bleibt da Zeit für Streit?

Heftigste Kritik

Beim Anstoß drosch WELT-Mann Alexander den Ball gleich in den Strafraum der Bundesregierung: „Fatale Entscheidung!“ schimpfte er über den Gesundheitsminister. „Das in Deutschland sowieso schon große Misstrauen gegen diesen Impfstoff wird sich wahrscheinlich noch potenzieren!“

Sein Vorwurf: „Heute Morgen hat Markus Söder ganz markig gesagt, jetzt sollen sich endlich die Politiker mit AstraZeneca impfen lassen, die sollen ein Vorbild geben. Und dann geht der Tag damit zu Ende, dass sich niemand mehr impfen lassen soll!“

Klarste Gegenposition

Schon in der „Tagesschau“ hatte Lauterbach kritisiert, die Entscheidung der Regierung sei falsch. Jetzt sagte er: „Ich kann auch Jens Spahn verstehen, der sagt, er folgt der Empfehlung (des Paul-Ehrlich-Instituts).“ Aber „Ich hätte es nicht getan.“ Denn Problem betreffe nur einen von 250.000 Geimpften.

Lauterbachs Argument: „Wir sind in einer solchen Notlage, dass ich es bevorzugt hätte zu sagen: Wir lassen das untersuchen, impfen aber in dieser Zeit weiter!

Verblüffendster Vergleich

„Ich habe gerade einen kruden Gedanken gehabt“, gestand Plasberg. „Beim Lottospielen heißt es immer: Gewinnchancen 1:13 Millionen, und die Menschen spielen trotzdem. Bei 1:250.000 ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mir was zuziehe, immer noch verschwindend gering, aber wesentlich höher als beim Lottospielen. Puh!“

Realistischstes Stimmungsbild

„Ich glaube, dass die Entscheidung von Jens Spahn schwierig anders zu treffen gewesen wäre“, meint Gasser. „Insgesamt sind die Menschen ohnehin verunsichert. Die Nerven liegen blank. Fünf Monate Lockdown!

Lauterbach hatte eine Grafik getwittert: Ein großer Kreis steht für bisher 10 Millionen AstraZeneca-Impfungen in Großbritannien. Ein winziger Punkt darin stellt die dort entdeckten 14 Thrombosefälle dar.

„Das ist maßstabsgerecht“, dozierte der Experte. Auch in Deutschland mit bisher sieben Thrombosefällen sei das Risiko sehr gering, und deshalb würde der Impfstoff „wahrscheinlich weiter verwendet werden.“

Gretchenfrage des Abends

„Wenn Sie der Gesundheitsminister gewesen wären“, fragte ihn der WELT-Journalist, „hätten Sie dann gesagt, die von der Bundesregierung bestellten Wissenschaftler empfehlen die Aussetzung, aber ich weiß es besser und wir impfen weiter?“

„Die ehrliche Antwort ist wahrscheinlich: Ja!“ erwiderte Lauterbach unerschrocken, allerdings mit einer Einschränkung: „Es wäre die Frage gewesen, ob ich mich damit hätte durchsetzen können.“

Denn, so der SPD-Politiker über eine Diskussion mit dem CDU-Kanzleramtsminister: „Mit Helge Braun, der Arzt ist und sich sehr gut auskennt, sprach ich auch darüber, und man kann das so und so entscheiden.“ Ui!

Prompt ging der Zoff los

„Wenn Sie das gemacht hätten“, sagte Alexander, „dann hätten Sie morgen in der BILD-Zeitung, der WELT oder der Süddeutschen die Schlagzeile gehabt: Bundesregierung impft weiter, obwohl die Wissenschaft abrät!“

„Ich sehe es anders“, widersprach Lauterbach. „Ich glaube, dass man der Bevölkerung erklären kann: Hier gibt es eine Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts, und das ist das Risiko. Die Engländer haben die gleichen Daten und machen trotzdem weiter.“

Zur jetzt beschlossenen Prüfung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA sagte der Gesundheitspolitiker: „Für diese eine Woche hätte ich das Risiko auf mich genommen.“

Spannendster Dialog

Alexander ging all-in: „Wären Sie dafür auch in den Konflikt mit der Kanzlerin gegangen?“ fragte er. „Die zwingt Sie vielleicht per Richtlinien … Das hätten Sie alles gemacht?“

Doch so weit mochte Lauterbach denn doch nicht gehen: „Wir hätten uns auf eine gemeinsame Linie geeinigt“, meint er. „Wären die Kanzlerin und Helge Braun bei ihrer Linie geblieben, dann hätte ich sicherlich keinen Aufstand gemacht.“ Uff!

Tiefster Stoßseufzer

Der Kassenarzt-Chef sandte von seinem Monitor einen lockeren Spruch in die Runde: „Wenn das Paul-Ehrlich-Institut sagt, wir wollen das mal prüfen, dann ist es wenig ergiebig, kraft eigener Wassersuppe zu sagen, wir impfen jetzt fröhlich weiter!“

Gassers zentrale Forderung: „Es muss jedem freigestellt sein, zu sagen: Ja, das Risiko gehe ich ein, weil ich Sorge habe, Corona zu bekommen. Oder: Nein, ich bin kerngesund, ich werde schon nicht krank werden.“

„Es ist schwierig“, gab der Arzt zu. „Ich möchte auch nicht in der Haut von Jens Spahn stecken!“

Politischste Analyse

Alexander ärgerte sich darüber, „dass wir so viel langsamer impfen als andere westliche Länder“. Seine Diagnose: „In der EU-Kommission sind falsche politische Entscheidungen getroffen worden, und dadurch denken die Leute jetzt, wir kriegen es nicht mehr hin.“

„Das ist vielleicht für Deutsche ein besonderes Gefühl“, fügte der Journalist hinzu, „weil wir ja immer ein Bild von unserem Staat haben, dass er funktioniert!“

Bedenklichste Diagnose

„Es gibt einen gewissen Vertrauensverlust in der Bevölkerung“, warnte Gasser. „Die Leute sind mürbe. Jetzt kommt wieder so ein Schlag ins Kontor. Das ist mittlerweile schon ein psychologisches Problem. Wir können ja nicht das nächste halbe Jahr noch im Lockdown verbringen!“

Deprimierendste Erkenntnis

Über Vorschläge zur Beschleunigung der Impfstoffproduktion sagt Lauterbach sichtlich bedrückt: „Es wäre so leicht möglich gewesen, die Produktionskapazitäten in den Monaten vor dem Impfstart aufzubauen“, jetzt aber würde „auch eine Kraftanstrengung das Volumen nicht mehr erhöhen.“

Überraschendste Korrektur

„Wir hätten in der EU anders handeln müssen“,

tadelt Yogeshwar. „Das haben wir im letzten Jahr verpasst. Da waren die Amerikaner, obwohl Herr Trump an der Regierung war, sehr viel offensiver.“

Plasberg ist das ewige Trump-Bashing offenbar so langsam Leid: „Vielleicht ‚weil‘ Herr Trump an der Regierung war, nicht ‚obwohl‘“, vermutet er.

Klarste Erkenntnis

„Die Idee der EU, die ganze Welt zu impfen, und das im Proporz zu regeln, ist krachend gescheitert“, stellt der WELT-Journalist fest.

Alexanders Prophezeiung: „Stellen wir uns mal vor, im Sommer macht London wieder auf, Tel Aviv, irgendwann Amerika, und wir sitzen immer noch im Lockdown. Dann werden sich ganz, ganz andere Fragen stellen!“

Düsterste Prognose

Plasberg lästert noch über den „Preis für den moralischen Weltmeister im Impfeinkauf“, da ist Lauterbach schon bei der nächsten Hiobsbotschaft: Zur südafrikanischen und brasilianischen Variante würden bereits weitere auftreten.

Das aber bedeute, so Lauterbach: „Die Impfstoffe müssen modifiziert werden. Dann müssen wir erneut impfen. Und dann sind wir wieder vor dem gleichen Logistik-Problem!

Feststellung des Politikers in eigener Sache: „„Es ist besser, man warnt etwas zu drastisch, als dass man etwas verharmlost.“

Aktuellste Hintergrund-Info

Zum Schluss plauderte Plasberg noch aus dem Nähkästchen: Erst um 16 Uhr, also fünf Stunden vor Sendebeginn, habe sich sein Talkthema geändert.

„Wir wollten eigentlich über die Aussichten nach den Landtagswahlen sprechen“, verriet er. Nun aber mussten neue Gäste eher, und das gab wohl Stress.

„Der Staat könnte auch durch einen CDU-Gesundheitspolitiker vertreten werden“,  erklärte der Talkmaster dazu. „Wir haben so ziemlich alle gefragt. Das war natürlich kurzfristig, aber wir hatten auch den Eindruck: Heute wollte keiner dazu was sagen…“

Heiterstes Finale

Yogeshwar war des Lobes voll: „Ich glaube, die Sendung heute Abend ist vielleicht für den einen oder anderen witziger als ein Wahlkampfthema, was ja im Vergleich nicht so existentiell wichtig ist!“ meinte er.

Bei Lauterbach kam das aber gar nicht gut an: „Witzig ist die Sendung nicht“, knurrte der Gesundheitspolitiker. „Die Bürger interessieren sich dafür, und das offen und ehrlich auszutragen…“

Da klinkte sich der Talkmaster reaktionsschnell ein: „Das Institut heißt auch noch Paul-Ehrlich-Institut, um diesen Gag in einer nicht witzigen Sendung zu machen.“ Heidewitzka!

Fazit: Spontan-Talk mit tiefenversierten Experten und Mut zu Statements aus dem Sattel. Der Meinungsstreit blieb akademisch zivilisiert, der Moderator verzichtete weitgehend auf Mätzchen und die Gäste spritzten Wissensstoff in hoher Konzentration. Das war eine Show der Kategorie „Info-Schnellimpfung“.

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