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Afghanistan-Zoff bei Maischberger: Röttgen kritisiert Biden und die Bundesregierung

„maischberger. die woche“. ARD, Mittwoch, 18.August, 22.50 Uhr.

Der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen hat in der ARD-Talkshow „maischberger. die woche“ am Mittwoch schwere Vorwürfe gegen US-Präsident Joe Biden, aber auch gegen die Bundesregierung erhoben.

Wörtlich sagte Röttgen, der dem Außenpolitischen Ausschuss des Bundestags vorsitzt: „Wenn der amerikanische Präsident nicht die fatale Fehlentscheidung – und nicht aus einem Fehlverständnis der afghanischen Gesellschaft, sondern aus innenpolitischen Gründen – getroffen hätte, dann hätten heute die Frauen und die Mädchen und die Männer in Afghanistan keine Angst.

Wut und Verzweiflung! Der US-Präsident richtet in Afghanistan ein Desaster an, die Bundesregierung hat das Thema verpennt und vergeigt, und jetzt müssen Deutschlands mutigste Helfer dort um ihr Leben zittern. Kann Talkmasterin Sandra Maischberger heute irgendetwas Tröstliches beisteuern? Die Gäste:

Röttgen schlug auf Twitter Alarm: „Die Lage ist dramatisch. Ich bekommen anhaltend Hilferufe!“

Der Ex-SED-Chef Gregor Gysi (Linke) triumphiert auf Twitter: Als der Bundestag 2001 den Einsatz in Afghanistan beschloss, seien er und die Genossen als einzige dagegen gewesen. Schön für ihn.

Shikiba Babori, Ethnologin und Journalistin (ARD), warnte vor westlicher Blauäugigkeit: „Die Taliban sind genauso wie damals!

Der Bundeswehr-Hauptmann Marcus Grotian hat kaum noch Hoffnung für seine afghanischen Kameraden in Kabul: „Die sitzen in der Todesfalle!“

Anna Schneider, Chefreporterin der WELT, ärgert sich über die „Verantwortungslosigkeit der Politik“.

Der Journalist Markus Feldenkirchen („Spiegel“) schimpfte über den Kampf der NATO gegen den  Terrorismus der Taliban: „Einer der unsinnigsten Militäreinsätze der Geschichte!“

Theo Koll, Chef des ZDF-Hauptstadtstudios Berlin, warf der Bundesregierung vor, sie habe „die Lage völlig falsch eingeschätzt.“

Zum Start brutale Wahrheiten

Erfahrung, Expertise, Emotion und explosive Ausschlägen der berechtigten Empörung! Die Journalisten kamen aus verschiedenen politischen Lagern, doch die Urteile glichen sich. „Der Westen hat dramatisch versagt“, stellte der ZDF-Mann als erster fest.

Der „Spiegel“-Journalist wetterte über ein „Komplettversagen der Politiker, die keine Verantwortung für ihr Scheitern übernehmen.“ Die WELT-Reporterin klagte an: „Wir haben unsere Werte verraten!

Klügste Unterscheidung

Anna Schneider sträubte sich auch gegen Kommentare, Afghanistan sei der Untergang des Westens: „Natürlich ist es eine Blamage für den Westen“, erklärte sie, „aber es ist in erster Linie eine Blamage der Menschen, die das vertreten haben.“

Denn, so die WELT-Frau: „Man kann jetzt Joe Biden blamen, Heiko Maas oder Angela Merkel. Aber der Westen, das sind unsere Werte: Demokratie, Freiheit etc. Je mehr man sagt, der Westen hat versagt, desto mehr freuen sich die Radikalen, die jetzt dort an der Macht sind.

Interessanteste Erinnerungen

Feldenkirchen meinte, die Umerziehung anderer Staaten zu Werten, „die uns wichtig sind“, habe „eigentlich noch nie geklappt“. Einige Ausnahme: Deutschland 1945 mit der erzwungenen Abkehr vom Nationalsozialismus.

Koll verwendete sogar einen Begriff aus dieser Zeit, als er die Geheimdienste anprangert: Sie hätten nicht vorhergesehen, „dass es diesen Blitzkrieg jetzt gab“.

Traurigste Klage

Afghanin Babori beschwor noch einmal die dramatischen Bilder vom Flughafen herauf: „Männer, Frauen und Kinder, die panisch sind, die sich verraten fühlen, von allen Seiten. Ein Alptraum!“

„Es ging das Gerücht um, dass Taliban von Haus zu Haus gehen und ‚Verräter‘ suchen“, berichtete der Hauptmann, der mit den „Patenschaftsnetzwerk afghanische Ortskräfte“ um die Rettung der im Stich gelassenen Mitstreiter kämpft. „Daraufhin haben wir unsere Safe houses auflösen müssen.“

Hoffnungsvollstes Zeichen

Seit die Kampftruppe der Bundeswehr da ist, fühle ich mich wieder ein bisschen sicherer“, fügt Grotian hinzu. „Die haben nämlich geschworen, ihre eigene Unversehrtheit zurückzustellen, um Menschen zu retten!“

Sein Vorwurf: „Hätten wir das in Deutschland auf politischer und bürokratischer Ebene so gemacht, dann hätte man seit April schon mehr Menschen herausholen können!“

Schlimmste Info

Dann schilderte der Hauptmann eine besondere Scheußlichkeit: „In Kandahar hat man Kinder genommen und gesagt: Zeigt auf die, die mit den westlichen Alliierten kooperiert haben. Und das machen die Kinder dann, und danach verschwinden Menschen.“

Trotzdem: „Über 50 Prozent der Ortskräfte und ihrer Familien sind politisch gewollt ausgeschlossen!“ kritisierte der Offizier. Denn einen Antrag auf Rettung nach Deutschland dürfen nur Afghanen stellen, die in den letzten zwei Jahren für deutsche Auftraggeber tätig waren und eine Gefährdung nachweisen können. Puh!

Grotians einzige Hoffnung: „Eine Chance ist immer da, solange noch Menschen leben.

Genüsslichstes Nachkarten

Gysi ist bekannt dafür, dass er immer alles weiß, außer wohin die Milliarden der SED nach der Wende verschwunden sind. Jetzt schlägt er aus dem Leid der Opfer politisches Kapital: „Wir waren die einzigen, die 2001 gesagt haben, dass der Krieg falsch ist!“

Sein Argument: „Man kann nicht eine Religion, einen Kultur, eine Zivilisation militärisch verändern.“ Das hat auch in der DDR nicht geklappt, obwohl die SED unter dem Schutz der Roten Armee bis zuletzt ideologischen Terror gegen das eigene Volk ausgeübt hat. Aber das sagte Gysi natürlich nicht.

Dann springt das Zoff-o-Meter an

Röttgen, aus Bonn zugeschaltet, rückte einiges gerade. Es habe nicht an der fehlenden Zustimmung für die Anträge im Juni gelegen, mit denen Grüne und Linke die Ortskräfte herausholen wollten, sondern es habe an „aktuellem Regierungshandeln“ gefehlt.

Das ist eine so schwere Niederlage der Regierung, dass sie eigentlich zurücktreten müsste“, schimpfte Gysi prompt. Sein Ziel: „Dann wäre sie nur noch geschäftsführend im Amt und hätte weniger Rechte.“

Wichtigste Klarstellung

Röttgen konterte, dass Gysi wohl die Ursachen verdrehe: „Wenn die Bundeswehr noch zusammen mit den amerikanischen Streitkräften da wäre, dann wäre alles das, was wir jetzt erleben, was erlitten wird, was unerträglich ist, nicht passiert!“

Denn, so der CDU-Politiker: „Ob die USA nur noch mit 2400 Soldaten da sind und die Bundeswehr gar nicht mehr, das macht den Unterschied zwischen Taliban-Herrschaft und einem freien Land mit vielen Möglichkeiten, wie es das noch nie gegeben hat.“

Und wieder Zoff

Gysi sah Parallelen zwischen dem Scheitern der Sowjets damals und dem der NATO heute. „Unerträglich!“ ärgerte sich Röttgen. „Die Sowjetunion hat Afghanistan überfallen, um es ihrem Machtbereich eingliedern zu wollen!

Das aber sei, so der CDU-Politiker, „völlig unvergleichbar damit, dass es 2001 eine Selbstverteidigung gegen den internationalen Terrorismus, der aus Afghanistan operiert hat, gegeben hat.“

Naivster Vorschlag

Gysi glaubt an einen anderen Weg, den Terrorismus zu bekämpfen: „Man kann theoretisch immer bestimmte Hilfe anbieten unter Bedingungen“, meinte er.

Seine Idee: „Du kannst sagen, wir können bei den Schulen helfen unter der Bedingung, dass wir auch mitentscheiden dürfen, was da unterrichtet werden darf und was nicht, und dass alle Mädchen zur Schule gehen.“ Bei den Taliban! Heidewitzka!

Härtester Konter

Bestes Beispiel für diese Politik sei Willy Brandts „Wandel durch Annäherung“, fügte der letzte SED-Chef listig hinzu. Sonst müsse man nicht nur Afghanistan „ewig militärisch besetzen“, sondern alle Länder, in denen die Scharia gelte, auch etwa Saudi-Arabien, „und die beliefern wir alle mit Waffen“.

„Wandel durch Annäherung mit den Taliban!“ schnaubte Röttgen. „Das kann ich nicht als Argument akzeptieren!“

Dann nahm sich der CDU-Mann den Linken zur Brust: „Sie waren schon immer dafür, dass Taliban und Al Kaida in Afghanistan herrschen und jenseits ihrer Grenzen unsere Sicherheit gefährden. Das ist die Konsequenz Ihrer Politik.“ Rumms!

Bedrückendste Konsequenz

„Wie gehen Sie jetzt weiter vor mit Afghanistan?“ wollte die Talkmasterin wissen.

Röttgens ehrliche Antwort: „Das ist ein Teil der Katastrophe, dass diese Frage erst mal gar nicht zu beantworten ist. Wir haben die Menschen im Stich gelassen und uns aller Mittel begeben der Sicherheitspolitik, der humanitären Hilfe, der Frauenrechte.

Und: „Der Drogenhandel wird jetzt weiter florieren. Wie wir da jetzt wieder reinkommen, ist irre schwer.“

Infamste Behauptung

„Der Krieg war von Anfang an falsch“, meldet sich Gysi noch mal und erhebt einen schlimmen Vorwurf: „Unsere Soldaten haben getötet, auch Kinder und Frauen!“

Das ließ er so klingen, als hätten  Bundeswehrangehörige so etwas mit Absicht getan. Bevor jemand einhaken kann, vergoss der Linke rasch noch ein paar Krokodilstränen über die ungeliebte Bundeswehr: „Und sie wurden getötet. Viele Soldaten sind mit erheblichen psychischen Belastungen zurückgekommen…“

Deutlichste Enttäuschung

Röttgen wiederum ortete die entscheidende Verantwortung für das Desaster im Weißen Haus: „Es ist für mich ganz bitter, festzustellen: Mit wenigen Monaten Verzögerung hat Joe Biden, und jetzt bis in seine Sprache und Rhetorik hinein, sich als Vollstrecker der irrsinnigen Politik von Donald Trump betätigt.“

„Die Verantwortung der Bundesregierung habe ich öffentlich benannt“, sagte der CDU-Politiker zum Schluss, „die ist auch völlig unbestritten. Das ist ein Scheitern und ein Versagen, wo es auch die deutsche Verantwortung gibt, und das ist eine der Regierung.“

Letztes Gefecht

Das gefiel Gysi schon besser: „Die Konsequenzen können ja in gewisser Hinsicht bei den Bundestagswahlen gezogen werden!“ regte er an.

Damit lief er aber gegen die Wand. „Ich finde diese Parteipolitisierung in den Wahlkampf abstoßend“, wies ihn Röttgen zurecht. „Sie wird dem Ernst und der menschlichen Dramatik dieser Situation nicht gerecht. Daran zeigt sich, dass Sie kein Format für das Regieren haben.“ Punkt!

Fazit

Schambefreite Parteipropaganda gegen ungeschützte Selbstkritik, die Talkmasterin gefährlich nahe an den typischen Linksklippen, die drei von der Presse ohne politische Beißhemmung: Das war ein Talk der Kategorie „Abrechnung“.

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