Teletäglich

Maischberger: Wie Jauch den Bundespräsidenten ausbremste

Drei und zwei (v.l.): Robin Alexander, Christiane Hoffmann, Marcel Reif beobachten als Talk-Jury Sandra Maischbergers Einzelgespräch mit Sahra Wagenknecht © WDR/Max Kohr

„maischberger. die woche“. ARD, Mittwoch, 13.November 2019, 22.45 Uhr.

RTL-Quizmaster Günter Jauch („Wer wird Millionär?“) hat in der ARD-Talkshow „maischberger. die woche“ am Mittwoch erzählt, wie er vor Jahren dem inzwischen verstorbenen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker die Grenzen aufzeigte.

Der populäre Politiker habe ihm bei einer Begegnung einmal gesagt, er wäre bei Jauch schon mehrmals Millionär geworden. Denn die Fragen, in denen es um den Hauptgewinn ging, habe er alle gewusst.

Jauch antwortete darauf, das glaube er nicht, denn Weizsäcker wäre dafür gar nicht lange genug im Rennen gewesen: Der hochgebildete Bundespräsident hätte „bestimmt nicht gewusst, wer die Stars in GZSZ 2004, 2006 und 2008 gewesen seien. Darauf gab es Große Heiterkeit im Studiopublikum.

Nettestes Bekenntnis

Zuvor hatte Maischberger Jauch gleich mal die Abiturnote vor: schlappe 3,1! Doch der Quizmaster erinnerte sich nur an eine einzige Fünf: „In  Nadelarbeit, in der dritten Klasse: Sticken, Stricken, Knopf annähen“…

Das war das einzige Mal, dass ich in der Schule geheult habe“, seufzte Jauch. Die Note gab es für einen Turnbeutel, „und den fand ich eigentlich ganz schön!“

Lustigste Erinnerung

Über seinen Vater, der die TV-Karriere des Sohnes sehr skeptisch beobachtete, sagte der Quizmaster: „Er hat mal einem Bekannten in einem Brief geschrieben: Der Günter verdient im Fernsehen viel Geld – keiner weiß, warum!

Klügste Definition

„Bildung ist nicht Wissen und Intelligentsein“, stellte Jauch fest. „Für mich ist jemand gebildet, wenn er in der Lage ist, sein Leben sinnerfüllt zu gestalten. Der in sich ruht. Der im Leben etwas darstellt.“

Spannendste Bewertungen

Über Schule und Studium sagte Jauch: „Als Handwerker können Sie jeden Akademiker im Einkommen überflügeln. Das sind tolle Berufe!“

Und zur aktuell lautesten Diskussion: „Obwohl das Klima ganz, ganz wichtig ist, ist es im Moment ein Modethema.“

„Welche Note geben Sie Deutschland?“ wollte die Talkmasterin wissen. Jauchs Antwort: „Da sind wir bei einer schwachen Zwei.“

Mutigster Vorschlag

Zu Beginn der Talkshow hatte die Runde als „Verlierer der Woche“ den abgesägten Rechtsausschuss-Vorsitzenden Stephan Brandner von der AfD ausgeguckt. Auch WELT-Vize Robin Alexander fand die Abwahl des Pöbel-Politikers richtig.

Doch der Journalist machte dazu einen überraschenden Vorschlag: „Die anderen Parteien sollten sich jetzt überlegen, ob sie nicht einen anderen von der AfD, der die bürgerlichen Umgangsformen wahrt, in das vakante Amt eines Bundestagsvizepräsidenten wählen.“ Dafür gab es Beifall im Publikum, und auch in der Runde keinen Widerspruch. Interessant!

Anregendste Statements

Zur Grundrente sagt Die Journalistin Christiane Hoffmann („Spiegel“): „Die CDU hat Olaf Scholz etwas geschenkt, damit er bessere Chancen hat, SPD-Chef zu werden.“

Kollege Alexander wiederum lästerte: „Die SPD hat ja das Talent, an ihren Erfolgen unglücklich zu werden!“

Unkenruf des Abends

„Uli Hoeneß wird den Bayern fehlen“, sagte der frühere RTL-Sportreporter Marcel Reif und zitiert den Bayern-Zampano mit einem für ihn typischen Satz: „Ihr redet immer von Schanghai und von Singapur, aber was ist mit Rosenheim?“

Ohne Hoeneß wären die Bayern nicht ansatzweise, was sie heute sind“, stellte der Sportexperte fest. Da klang auch Hoffnung durch, dass die anderen Vereine den Rückstand jetzt womöglich doch mal aufholen.

Frage des Abends

„Haben Sie einen Machtkampf verloren?“ fragte Maischberger dann die Ex-Linke-Fraktionschefin Sahra Wagenkneckt, die nach langem Zickenkrieg mit Parteichefin Katja Kipping am Montag nicht mehr zur Wahl antrat.

„Ich bin nicht in der Politik, um innerparteiliche Machtkämpfe zu führen“, antwortete die Politikerin und kündigte an: „Die inhaltlichen Differenzen bleiben!“ Wenn das nicht eine Ansage ist…

„Zu bleiben, nur damit die anderen nicht siegen, das reicht mir nicht!“ schob Wagenknecht nach und ließ die Ohrringe klappern. „Ich habe noch politische Ziele, und die will ich auch erreichen!“

Zeitgeschehen

Deutsche, kauft bei Juden!

Zeitlich nahe am Datum der Pogromnacht vom 9.November 1938 hat der Europäische Gerichtshof geurteilt, dass Lebensmittel aus dem Westjordanland gekennzeichnet werden müssen. Gefordert ist demnach eine Art Judenstern für Orangen. Der Boykott-Aufruf „Deutsche! Wehrt Euch! Kauft nicht bei Juden!“ ist fünf Jahre älter: Die Hetzer-Parole leitete am 1. April 1933 einen Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte ein. Organisiert wurde die antisemitische Kampagne von einem „Zentral-Komitee zur Abwehr der jüdischen Greuel- und Boykotthetze“ unter dem Gauleiter von Franken, Julius Streicher. Nach dem EuGH-Urteil wird es höchste Zeit für einen Aufruf „Deutsche, kauft bei Juden!“, den jetzt wieder Tag und Nacht von Terror-Raketen bedrohten israelischen Siedlern im Westjordanland!

 

Teletäglich

Kramp-Karrenbauer: Keine Angst vor Friedrich Merz

GroKo-Talker (v.l.): Nico Fried, Herfried Münkler, Dagmar Rosenfeld, Anne Will, Annegret Kramp-Karrenbauer, Malu Dreyer © NDR/Wolfgang Borrs

„Anne Will: Halbzeit für die GroKo – viel erreicht, viel versäumt?“. ARD, Sonntag, 10.November 2019, 21.45 Uhr.

Die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer hat in der ARD-Talkshow „Anne Will“ am Sonntag bekräftigt, eine Auseinandersetzung mit innerparteilichen Gegnern in der Frage der Kanzlerkandidatur für 2021 nicht zu scheuen.

Wörtlich sagte die in der Union nicht unumstrittene Politikerin: „Solange es fair bleibt, gibt es keine Diskussion, die ich fürchte!“

Talkmasterin Anne Will hatte versucht, mit dem Kanzlerthema Schwung in die müde Runde zu bringen: „Muss Friedrich Merz auf dem Parteitag wieder eine schlechte Rede halten?“ Doch Annegret Kramp-Karrenbauer nahm den Namen ihres prominentesten Konkurrenten nicht in den Mund.

„Wie organisiert man die Übergabe eines Staffelholzes?“ fragte der Politologe Herfried Münkler noch einmal nach und erinnert an das Ende der Kanzlerschaft Helmut Kohls.

Wir haben keine Erbmonarchie in Deutschland!“ antwortete die CDU-Chefin und wollte dann auch noch mit einer Binse punkten: „Am Ende entscheiden die Wählerinnen und Wähler!“

Schwerster Schwurbelanfall

Ähnlich schwer tat sich auch die kommissarische SPD-Vorsitzende Malu Dreyer mit der Frage, wie der SPD-Parteitag über die Zukunft der GroKo entscheiden werde. Ihre Antwort klang wie aus dem Lehrbuch für professionelle Informationsverweigerung: „Wir werden einen Beschluss vorlegen, der sinngemäß in die Richtung geht, wie die Große Koalition zu bewerten ist.“ Uff!

Doch die Ministerpräsidentin kann auch Klartext: „Wir sind nun einmal in einer schwierigen Situation“, gestand sie. „Wir sind als Partei wirklich am Boden!

Interessantester Vorschlag

Politologe Münkler kritisierte die Prozedur zur Wahl der neuen SPD-Spitze heftig: „Die Anlage des Prozesses ist ausgesprochen ungeschickt!“ schimpfte er. „Wer Spannung braucht, soll einen Krimi gucken!“

„Was ist eigentlich, wenn das 51:49 ausgeht?“ fragte Journalist Nico Fried rhetorisch und zog die Antwort wie ein As in den Ärmel: „Dann sollte man Franziska Giffey noch mal ins Spiel bringen!“

„Das würde das ganze Verfahren ad absurdum führen!“ protestierte Dreyer, und damit war endgültig die Luft raus.

Zum Start der Talkshow hatten die beiden Spitzenpolitikerinnen eine eher matte Zustandsbeschreibung der Großen Koalition abgeliefert. „Kompromisse fühlen sich immer wie halbe Niederlagen an, nicht wie halbe Siege“, klagte Kramp-Karrenbauer. Immerhin zeigte sich die CDU-Chefin sicher, dass die neue Rente nicht in den CDU-Gremien scheitern werde

Vollmundigstes Eigenlob

„Die meisten Menschen, die profitieren, werden Frauen sein“, lobte wiederum Dreyer die neue Grundrente. „Das ist ein großer sozialpolitischer Meilenstein! Die GroKo hat etwas fertiggebracht, was für Deutschland wichtig ist!“ Dafür gab‘s den ersten Beifall.

Klügste Analyse

„Ein Problem der Koalition ist, dass sie auch dort, wo sie Erfolge erzielt, diese offensiv schlecht kommuniziert“, stellte der Politologe fest und lieferte auch gleich die Begründung: „Weil immer eine Seite als Gewinner und eine als Verlierer dargestellt wird!“

Das wurde in diesem Talk allerdings sorgfältig vermieden. Kramp-Karrenbauer redete nicht mehr von „Bedürftigkeitsprüfung“, sondern nur noch von „Bedarfsprüfung“, und Dreyer neben ihr hütete sich vor jeder Form von Siegermiene.

Klagelied des Abends

„Wir haben in der GroKo das Bild vermittelt, dass wir schlechter zusammengearbeitet haben, als es in der Tat der Fall ist!“ gestand Kramp-Karrenbauer selbstkritisch.

Doch damit soll jetzt endgültig Schluss sein, denn, so die CDU-Chefin: „Wir sind nicht gewählt worden, damit wir uns wie ein Therapiezirkel mit uns selbst beschäftigen.“

Verständlichster Wunsch

Koalieren und gleichzeitig Opposition sein führt selten zu guter Regierungsarbeit“, bilanzierte die WELT-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld kühl.

Im Ringen der Koalitionsparteien sah die Journalistin „ein politisches Tauziehen, bei dem man sich wünscht, das Seil möge in der Mitte reißen, damit es endlich zu Ende ist.“ Treffer!

Lahmste Luftnummer

„Wir stehen im Rentensystem vor großen Herausforderungen“, gab Kramp-Karrenbauer emotionslos bekannt.

 

„Wir sind in einem großen Strukturwandel“, fügte Dreyer routiniert hinzu. „Wir haben schon ganz viel geliefert. Die Frage ist: Trauen wir uns das auch gemeinsam zu?“

Der SZ-Journalist hielt es nicht mehr aus: „Wenn ich höre, mit welcher Begeisterung die Damen das hier vortragen, könnte es ja noch was werden!“ sagt er ironisch, und das Publikum ist amüsiert.

Ausgelutschte Argumente, Fragen aus dem Alttalkcontainer, viel routinierte Lustlosigkeit und eine Meinungsvielfalt wie in einer chinesischen ZK-Sitzung: Das war ein Talk der Kategorie „Laumichels Nachtgesang“.

Teletäglich

Tatort: Dreifachmord aus DDR-Zeiten

„Tatort: Das Leben nach dem Tod“. ARD, Sonntag, 10.November 2019, 20.15 Uhr.

„Hast du dir im Dienst nie Judenwitze anhören müssen?“ fragt der Spurensicherer. Coole Antwort der jüdischen „Tatort“-Kommissarin: „Ich kannte die besseren!“ In „Das Leben nach dem Tod“ geht es um einen Dreifachmord aus DDR-Zeiten: Ein pensionierter Richter lässt das damals ausgesetzte Todesurteil 30 Jahre später per Pistole vollstrecken. Ungewöhnlicher Fall, realistische Typen, Tiefsinn an passender Stelle („Die Zeit zwischen Tod und Begräbnis ist für die Seele verwirrend“) – das war nicht nur der originellste, sondern auch der berlinischste Krimi des Jahres! Josef Nyary

Geschichte

Der zweite Tag der Freiheit

Wie es am 9. und 10. November in Berlin wirklich zuging, zeigte die ARD am Freitag, 8.November mit der brillanten Tragikkomödie „30 Jahre Mauerfall - Bornholmer Straße“. Der Film erzählt die „unglaubliche, aber wahre Geschichte von Oberstleutnant Harald Schäfer“, der mit seinen Kollegen am Grenzübergang von seinen Vorgesetzten total im Stich gelassen wird. In dieser Szene nähert sich Melitta (Jasna Fritzi Bauer) den Grenzern ungläubig, aber doch voller Hoffnung: Ist die Meldung von der Ausreise „ohne Voraussetzungen“ wirklich wahr? © SWR/MDR/UFA FICTION/Nik Konietzny

24 Stunden zwischen Glück und Gewalt: Der 10.November 1989

Der Fall der Mauer am 9.November vor 30 Jahren ist für Millionen Deutsche ein Traum. Doch am nächsten Tag droht ein Alptraum: Stasi, NVA und Sowjetarmee halten sich bereit, mit Panzern einzugreifen. Das Protokoll des 10.Novembers zeigt: 24 Stunden entscheiden darüber, ob die Revolution friedlich bleibt.

Um Mitternacht sind die DDR-Grenzer dem Ansturm nicht mehr gewachsen. Sie verlieren völlig die Übersicht. Ungehindert laufen und fahren Tausende West- und Ostberliner durch die Sperren. Die Trabis rollen Stoßstange an Stoßstange in Richtung Freiheit. Der Verkehr bricht völlig zusammen. Der Kudamm wird zur Partymeile. Verwandte, die sich oft Jahre nicht gesehen haben, fallen sich weinend in die Armen. Aber auch Wildfremde halten einander fest, schreien sich ihr Glück in die strahlenden Gesichter. An der Grenze bricht immer wieder überschäumende Freude durch die letzten Ängste, überall knallen Sektkorken. Der RIAS fängt den Jubel ein: „Es ist der Wahnsinn!“ – „Wir können dit jarnich fassen!“

Kurz nach Mitternacht aber löst die NVA für die Berliner Grenzregimenter, etwa 12.000 Soldaten, die Alarmstufe „Erhöhte Gefechtsbereitschaft“ aus. Kompaniechefs und Zugführer eilen zu ihren Einheiten. Soldaten machen Spähpanzer fahrbereit, Kanonen und Granatwerfer gefechtsklar.

Die Feiernden ahnen nichts von der Gefahr. Um 1 Uhr stehen Tausende West- und Ostberliner am Brandenburger Tor. Hunderte klettern auf die Panzermauer, herzen sich und tanzen in der luftigen Höhe.

Doch nicht alle sind fröhlich: „Wir waren total frustriert, geschockt und am Boden“, notiert ein NVA-Offiziersschüler. „Wir fühlten uns absolut im Stich gelassen und waren fassungslos. Für viele war eine Welt zusammengebrochen. Unsere Mauer wurde beschmiert, und Flaschen wurden auf unser Territorium geschmissen!“

Mit Hämmern und Meißeln stürzen sich die ersten „Mauerspechte“ auf den Beton. Kletterer lassen sich auf der anderen Seite hinunter und spazieren lachend über den Pariser Platz. „Fassungslos, verwirrt, aber auch voller Wut“, so der Historiker Hans-Hermann Hartle, beobachten „die Genossen des Grenzregiments-36“ diese „Schändung“ ihres Brandenburger Tores, der „heiligen Kuh der Grenztruppen„.

Um 4 Uhr sind schon 68.000 DDR-Bürger mit 9700 PKW nach West-Berlin ausgereist und 45.000 mit 5200 PKW wieder zurückgekehrt. Provokationen bleiben aus, stattdessen gibt es vereinzelt sogar Sympathiebekundungen für die Uniformierten.

Seit 7 Uhr morgens berichten Rundfunk und Fernsehen pausenlos über die gigantische Berliner Jubelparty. Auch die Reporter wissen nicht, dass der sowjetische Botschafter Kotschemassow ergrimmt Egon Krenz anruft und in barschem Ton verlangt, dass der Generalsekretär sofort ein Telegramm mit Erklärungen an Gorbatschow schickt.

Ein Versuch, am Morgen die Grenze wieder zu schließen, scheitert an einem neuen Massenansturm. In der gesamten DDR Menschen warten Menschen in langen Schlangen vor den Volkspolizeikreisämtern auf Visastempel. Krenz ordnet an, eine „operative Führungsgruppe“ aus leitenden Mitarbeitern der Sicherheitsapparate, des Ministerrates und des ZK-Apparates zu bilden. Um 8 Uhr stellt sie sich die entscheidende Frage: „Setzen wir die Armee ein – ja oder nein?“ Der Chef der Grenztruppen, Generaloberst Klaus-Dieter Baumgarten, sagt klipp und klar: Wenn er rückgängig machen solle, was geschehen sei, müsse er aufmarschieren und schießen lassen. Doch dazu sei er nicht bereit sei.

Kurz vor neun Uhr erobern die DDR-Grenzer die Mauer zurück. „Wir haben alle Personen ganz ohne Gewalt dort runter geschickt“, berichtet der Offiziersschüler. „Dann standen wir bis 15 Uhr auf dieser Mauer, mit dem Gesicht zu den Westberlinern. Und was dann losging, war irgendwie absolute Welle. Einige beschimpften uns total, andere wollten nur wissen, warum wir dort stehen. Die Mädels von Westberlin haben uns teilweise ganz schön angemacht. Wir wurden mit Sarotti-Schokolade und Kaffee eingedeckt, was wir aber natürlich nicht angenommen haben. Das Schlimmste war, dass uns auch einige DDR-Bürger beschimpft haben.“

Im SED-Politbüro herrscht an diesem Morgen, so Günter Schabowski, „Katzenjammer-Stimmung“. Krenz sagt vorwurfsvoll: „Wer hat uns das eingebrockt?“ Schabowski empfindet die Frage als „niederträchtig“. Eine stürmische Schulddiskussion beginnt. Verzweifelte Schreie hallen durch den Saal. „Wir sind belogen worden, die ganze Zeit über! Ich bin erschüttert!“ ruft Karl Kayser, Generalintendant der Städtischen Theater Leipzig. „In mir ist alles zerbrochen! Mein Leben ist zerstört! Ich habe geglaubt an die Partei! So bin ich mit der Muttermilch erzogen worden!“

Immer neue Nachrichten ängstigen die Genossen. Arbeiter in Berlin und Potsdam verlassen in Scharen ihre Betriebe, um sich an den Meldestellen der Volkspolizei für Visa anzustellen. „Es machen sich Panik und Chaos breit!“ warnt Krenz. „Im Parteiaktiv herrscht die Meinung vor: Wir stehen vor dem Ausverkauf!“

Mittags warten DDR-Bürger in langen Schlangen vor Sparkassen, Banken und Ämtern auf ihre 100 DM Begrüßungsgeld. Auf dem Breitscheidplatz stehen Container zur Auszahlung. Viele DDR-Bürger heben ihre Ersparnisse ab und tauschen sie im Westen um, obwohl DDR-Mark nur ein Zehntel der D-Mark wert ist. Ein gewaltiger Kaufrausch bricht aus. In einem Supermarkt steuert eine Abteilungsleiterin fröhlich den Andrang per Megaphon: „Hier werden Sie Ihr Geld los!“

Doch die Gefahr ist noch nicht vorbei – im Gegenteil: Die Situation an der Mauer spitzt sich zu, und es beginnen dramatische Stunden. Nach Rücksprache mit Krenz befiehlt Verteidigungsminister Heinz Keßler „erhöhte Gefechtsbereitschaft“ für die 1. Mot- Schützendivision in Potsdam und das Luftsturmregiment 40 in Lehnitz. Die beiden Eliteeinheiten sind im Stadtkampf ausgebildete und mit modernster Kriegstechnik ausgerüstet.

Am Brandenburger Tor reden Willy Brandt und Walter Momper auf die Menschen ein. Die friedliche Revolution darf nicht in Gewalt umschlagen. Am Bahnhof Friedrichstraße hat ein West-Berliner bereits einen DDR-Kontrolleur mit Fausthieben traktiert.

Bundeskanzler Helmut Kohl hat seinen Besuch in Polen unterbrochen. Um 17 Uhr stimmt er am Schöneberger Rathaus mit Brandt, Momper und Außenminister Hans-Dietrich Genscher vor 40.000 Menschen das Deutschlandlied an. Viele haben Tränen in den Augen, doch 5000 wütende Linksradikale antworten mit einem gellenden Pfeifkonzert.

Um 19 Uhr weist Botschafter Kotschemassows die nervöse Westgruppe der Sowjettruppen an, „zu erstarren und in sich zu gehen“. Damit ist klar: Die 350.000 Russen werden in den Kasernen bleiben. Doch was machen Stasi und NVA?

Am Abend wird die „Brücke der Einheit“ zwischen Berlin und Potsdam nach 28 Jahren wieder geöffnet. Um 20 Uhr sind 100.000 DDR-Bürger über die Grenze gegangen. „Sie werden mit Jubel und Freudentränen empfangen“, berichtet die ARD. Kaufhäuser und Restaurants nehmen DDR-Mark an. Am Brandenburger Tor klettern 400 Übermütige über die Mauer und spazieren über den Pariser Platz. Eine unbewaffnete Postenkette der Grenztruppen versperrt ihnen den Weg nach Ost-Berlin. Die „Tagesschau“ zeigt dramatische Bilder.

Um 23 Uhr schlägt der Jubel plötzlich in Aggression um. Am Brandenburger Tod beschimpfen alkoholisierte Feiernde die DDR-Grenzer und rufen immer lauter: „Die Mauer muss weg!“ Einige machen sich bereits mit Vorschlaghämmern an das gefährliche Werk. Die DDR-Grenzer führen Hunde und Wasserwerfer heran. Zum Glück greift die West-Berliner Polizei rechtzeitig ein. „Wir haben durch Zuruf verhindern können, dass die Wasserwerfer eingesetzt wurden“, berichtet Polizeipräsident Georg Schertz. Später lässt Schertz die Mauer auch von Westen sichern, mit Fahrzeugen und einer Postenkette.

Als der Morgen dämmert, geht die große Party der Freiheit zu Ende. Berlin aber ist in dieser Nacht eine andere Stadt geworden. Die Menschen haben Mauer und Stacheldraht überflüssig gemacht. In manchen Köpfen bleibt die widernatürliche Teilung noch lange bestehen, doch das Herz von Berlin schlägt wieder in einem einzigen, einigen Takt.

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Röttgen warnt vor Machtkampf in der CDU

GroKo-Talker (v.l.) Norbert Walter-Borjans, Norbert Röttgen, Melanie Amann, Katrin Göring-Eckardt, Andreas Rödder, Frank Plasberg © WDR/Oliver Ziebe

„Hart aber Fair: Grottenschlecht oder besser als ihr Ruf: Was taugt die GroKo wirklich?“ ARD, Montag, 4.November 2019, 21 Uhr.

Der CDU-Politiker Norbert Röttgen hat seine Partei in der ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ am Montag nachdrücklich vor Personaldebatten gewarnt.

Wörtlich sagte der Abgeordnete, der dem Auswärtigen Ausschuss des Bundestags vorsitzt: „Die Bürger haben Enttäuschung über ausbleibende Antworten. Wenn wir jetzt einen Machtkampf führen, wird es weiter bergab gehen!“

Zank und Stank auf der Regierungsbank! Statt Mut nur Mecker, statt Zukunftsstrategie nur Parteitaktik, und die Minister kloppen sich wie die Kesselflicker! Jetzt trommelte ARD-Talkmaster Frank Plasberg eine Rede-Runde zur Halbzeitbesprechung zusammen: Außer Rötten, der seit Jahren in allen Talkshows für die Kanzlerin kämpft, jetzt aber offenbar den schaltet den Abstandswarner eingeschaltet hat, kamen:

  • Ex-Minister Norbert Walter-Borjans (SPD), der jetzt aus dem Ruhestand gleich an die Parteispitze durchstarten möchte, nach dem Motto „dem Pensionär ist nichts zu schwör“.
  • Grüne- Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt, die alles nur noch durch die Klima-Brille sieht.
  • Historiker Andreas Rödder, dem aktuell „eine Sehnsucht nach konservativer Politik“ auffällt.
  • Journalistin Melanie Amann („Spiegel“), die sich ihre Dauerkarte für öffentlich-rechtliche Talkshows durch ständige enge Angleichung an den rotgrünen Zeitgeist sichert.Schnellstes FoulWalter-Borjans wollte mit Parteigeist punkten: Daran, dass die Erwartungen an die GroKo nicht erfüllt würden, sei nur die böse CDU schuld.Die GroKo sei wie ein Haus, meinte der Parteichefkandidat. Die Wände seien in Ordnung, die habe ja die SPD gemauert. Aber das Fundament sei wacklig, und dafür sei die CDU zuständig. Uff!Doch der Ex-Minister drückte sich um die Antwort: „Ich will ein richtiges Fundament haben!“ sagte er und kam schnell wieder auf die Konkurrenz zu sprechen: Friedrich Merz habe mit seiner Kritik den Konflikt in der GroKo eher verschärft. Merz-Bashing zieht in Talkshows immer, wie der Beifall bewies.„Es wird immer chaotischer!“ schimpfte Göring-Eckardt über die Bundesregierung. „Jeden Tag mehr Kindergarten!“ Dazu die ständige Personaldiskussion, wer eigentlich an der Spitze sein solle: „Das nervt total!“Trockenste AntwortRöttgen blieb ganz cool: „Es stehen keine Wahlen an!“ „Die CDU und Angela Merkel haben es immer geschafft, in der Mitte der Gesellschaft zu stehen“, erklärte Röttgen das Erfolgsrezept seiner Partei. „Die Gesellschaft hat sich verändert, aber die CDU ist in der Mitte geblieben.“Scharfsinnigste KritikDass Streitereien grundsätzlich etwas Negatives seien, bestritt der Historiker vehement: „Der Appell zur Geschlossenheit ist ein Appell zur Friedhofsruhe in der Demokratie!“ Schönstes GleichnisWenn das so sei, höhnt die „Spiegel“-Journalistin, dann sei jetzt aber die Tube leer!Plasberg versuchte nicht weniger als fünf Mal, Walter-Borjans eine Antwort auf die Frage zu entlocken, ob er die GroKo killen wolle. Doch der Ex-Minister flüchtet sich immer wieder ins Ungefähre: „Wir wollen auf dem Parteitag diese Frage diskutieren“, antwortet er matt. Die anderen grinsten.Härtester KonterDoch der CDU-Mann ließ sich nichts gefallen: „Sie verlieren so viele Leser, wie wir Wähler verlieren!“ entgegnete er. Das ist dann wohl ein Fall für Plasbergs beliebten Faktencheck.Beim Thema „Grundrente“ wurde es noch mal konkret: Walter-Borjans lehnte die umstrittene Bedürftigkeitsrente aus dem Koalitionsvertrag ab, weil sonst eine „Riesenbürokratie“ drohe. Hm – hätte das aber nicht schon in den Koalitionsverhandlungen auffallen müssen? Turaluraluralu – ich schau Plasberg, was machst du? Hoffentlich etwas anderes! Pathosdurchtränkte Schleimfloskeln aus der Mottenkiste, ständige Ausweichmanöver ins Unkonkrete, dazwischen dröhnte die Weltuntergangstrommel aus einem extrem engen Gesinnungskorridor – das war ein Talk wie ein Laubbläser: viel Wind, viel Krach, wenig Ertrag.
  • Den Einwänden der Union möchte der SPD-Politiker „Profilierungsgründe“ unterstellen. „Das ist wirklich unsinnig!“ ärgerte sich Röttgen. „Es ist das Problem der SPD, dass Sie immer wieder gegen die Leute, die Sie wählen, Politik machen!“ D
  • Knackpunkt des Abends
  • Die Journalistin patzte ihn dafür an: „Nicht das System, sondern die Parteien sind das Problem!“
  • Röttgen blieb ernst: „Wir haben eine noch nie dagewesene Vertrauenskrise“, warnte er. „Viele trauen der Politik nicht mehr zu, die riesigen Probleme zu lösen. Und dagegen sind wir nicht gewappnet!“
  • Gretchenfrage des Abends
  • Plasberg zitierte den SPD-Bürgermeister von Augustusburg, dem der treffende Vergleich einfiel, Kompromisse seien der „Klebstoff der Demokratie“.
  • Walter-Borjans pries seine SPD kühn als „Klimaschutzpartei“. Prompt zickte ihn Göring-Eckardt an: „Klimaschutzpartei? Das ist mir bisher nicht aufgefallen!“ Schon gar nicht bei Walter-Borjans NRW-SPD mit ihrem Kampf für die Kohle.
  • Beim Professor klang die Merkel-Story etwas anders: „Die CDU hat sich dem dominanten rotgrünen Mainstream angepasst“, dozierte Rödder. „Dadurch ist rechts die Repräsentationslücke entstanden, in die jetzt die AfD gestoßen ist.“
  • „Ich sehe es nicht als Führung an, wenn jemand nach der Thüringen-Wahl gar nicht mehr zu sehen ist“, murrte daraufhin Walter-Borjans.
  • Klügste Analyse
  • Plasberg war der gleichen Meinung: „Seine Rede auf dem Parteitag war beschissen!“ sagt der Talkmaster fröhlich. Nun habe Merz für den nächsten Parteitag eine große Rede angekündigt. Ob da wohl ein Putsch geplant sei?
  • Der Professor redete ebenfalls lieber über Friedrich Merz: Der habe eine hohe strategische Begabung, aber bei den operativen Fähigkeiten gebe es noch „Luft nach oben“. Aha.
  • Grünste Attacke
  • Würden Sie dieses Haus als neuer Vorsitzender lieber abreißen oder renovieren? wollte Plasberg wissen.
  • Schlichtester Vergleich
  • Außenminister Heiko Maas hat die CDU-Chefin mit ihrem Syrien-Plan auflaufen lassen, dafür stieg ihm Röttgen jetzt auf die Zehen: Es gebe einen Vertrauensschwund, denn Deutschland erfülle die Erwartungen nicht. Vor allem außenpolitisch drohe eine verlorene Zeit. Rumms!
  • Vertrackt: Der eine will regieren, der andere nicht, die Dritte würde gern, kam aber nicht dran…
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„Tatort“-Tod durch Zyankali in „Lakritz“

„Tatort“-Rückblende: Pathologe Karl-Friedrich Boerne, schon als Knabe (Vincent Hahnen) ein Schlauköpfchen, wird von Lakritz-Lady Heide Maltritz (Eva Luca Klemmt) als Mathe-Nachhilfelehrer für ihre faule Tochter Monika (Jamie Bick) angeheuert.
„Tatort“-Rückblende: Pathologe Karl-Friedrich Boerne, schon als Knabe (Vincent Hahnen) ein Schlauköpfchen, wird von Lakritz-Lady Heide Maltritz (Eva Luca Klemmt) als Mathe-Nachhilfelehrer für ihre faule Tochter Monika (Jamie Bick) angeheuert. © WDR/Willi Weber

„Tatort: Lakritz“. ARD, Sonntag, 3.November 2019, 20.15 Uhr.

„Der Münsteraner Wochenmarkt kommt gleich hinter der UNO!“ erklärt der Arzt dem „Tatort“-Kommissar. Entsprechend hofiert und geschmiert wird der Marktmeister – jetzt liegt er tot in seiner Villa, vergiftet mit Zyankali in „Lakritz“ (ARD). Bilderbuch-Fall für Deutschlands schrägstes Ermittler-Duo Jan Josef Liefers/Axel Prahl: „„Tatort“-Tod durch Zyankali in „Lakritz““ weiterlesen

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„Käthe und ich“: Logik-Löcher im schlaffen Spannungsnetz

Kunstgesüßte Banalitätenparade: Paul (Christoph Schechinger) und Käthe (Hoonah) liefern dick aufgetragenen Gutmenschen-Schwulst. © ARD Degeto/Britta Krehl

Käthe und ich“: ARD, Freitag, 1.November 2019, 20.15 Uhr.

„Ich mache tiergeschützte Therapie“, erklärt der Psychologe, und deshalb wuselt in „Käthe und ich“ (ARD) ständig ein Hund durch die Szene. Oft völlig sinnlos, aber immer ganz lieb. Es geht um Patienten im Wachkoma und ihre Angehörigen. „„Käthe und ich“: Logik-Löcher im schlaffen Spannungsnetz“ weiterlesen