Geschichte

1945: Zeitenwende in Frankfurt – Lebbe geht weider

8.Folge der Serie über das Ende des Zweiten Weltkrieges in Hessen. In Amorbach revoltieren Bauern gegen die NS-Bonzen. In Frankfurt setzen die Amerikaner einen neuen Bürgermeister ein.

1.April 1945: Es ist Ostersonntag, die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel, viele Frankfurter gehen in die Kirche, schlagen dankbar das Kreuz: Sie haben das Inferno überlebt. Die Amerikaner begrüßen einander mit einem weniger bekannten Zeichen: Sie spreizen Zeige- und Mittelfinger. „Es hat eine Weile gedauert, bis wir kapiert haben: Das war ein V, für Victory“, sagt Weltkriegschronist Gustav Lerch, damals 16. „Die Amis waren viel lockerer als unsere Soldaten, sie kamen ja auf ihren Gummisohlen auch schon ganz anders daher als unsere in ihren Knobelbechern.“

Es ist Ostersonntag, doch vom Dom läuten keine Glocken: „Die wurden schon 1942 in Hamburg eingelagert, für den Endsieg“, berichtet Lerch. Deshalb kann die „Gloriosa“, die große Kaiserglocke, nach dem Sieg von 1870/71 aus erbeuteten französischen Kanonen gegossen, die geschundene Stadt nicht ermutigen.

Die Frankfurter machen sich trotzdem munter auf den Weg in ihre ungewisse Zukunft. Anderswo im Rhein-Main-Gebiet herrscht Chaos. Flüchtlinge aus dem Osten ziehen durch, dazwischen abgekämpfte Landser zu Fuß, mit Rucksäcken, auf Fahrrädern, die Waffen manchmal in zweckentfremdeten Kinderwagen, mitten im Elendszug der Ausgebombten und Flüchtlinge aus Frankfurt, Mainz, Darmstadt, Hanau oder Offenbach.

Immer wieder versuchen Auffangkommandos der Feldjäger, die verhassten „Kettenhunde“, die Versprengten zu neuen Sturmeinheiten zu formieren. Immer wieder auch suchen und finden die amerikanischen Tiefflieger des XIX. taktischen Luftkommandos Beute und Opfer auf den hoffnungslos verstopften Straßen.

In Hessens Städten und Dörfern lehnen die Menschen sich schon seit Tagen gegen sinnlose Durchhaltebefehle auf. Längst hat sich herumgesprochen, dass die Nazis mit ihren Widerstandsparolen beim ersten Schuss verschwunden sind.

In Amorbach will Ortsgruppenleiter Pickardt die Bauern zwingen, ihr Vieh vor dem anrückenden US-Panzern nach Osten zu treiben: Die Stadt werde evakuiert, denn sie solle verteidigt werden, bald kämen neue „Wunderwaffen“. Da machen die Einwohner nicht mehr mit: „Wir bleiben hier!“ rufen Pfarrer, Frauen und Volkssturmleute bei einer Versammlung im Kino-Saal, „von wegen Wunderwaffen, das ist doch alles Schwindel!“ Die erbosten Menschen schaffen sich mit Schimpfwörtern Luft: „Lumpen! Schwindler! Verbrecher!“

Als die Erregung überschwappt, herrscht der NS-Bonze den Pfarrer an: „Es ist Ihre Pflicht, einzuschreiten! Bringen Sie die Leute zur Besinnung!“ Doch die durchschauen den plumpen Bluff. Der Pfarrer sagt, es sei Unrecht, die Bevölkerung mit allen Kranken auf die Straße zu schicken und dem Elend preiszugeben, während draußen schon Autos bereitstünden, um die flüchtenden Partei-Größen in Sicherheit zu bringen. „Pfui!“ schreien die Menschen, und „Sperrt ihn ein, bis die Amerikaner kommen!“ Ein junger Hauptmann zückt eine Pistole, da packen ein paar beherzte Männer zu, und der Offizier wird entwaffnet.

Als US-Panzer auf der Autobahn nach Bad Homburg, Bad Nauheim und Bad Hersfeld rollen, US-Infanterie den Rheingau-Kessel um Eltville eindrückt und in das Gebiet um den Vogelsberg vorstößt, ist der Kampf um Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet zu Ende.

Die alte Kaiserstadt zahlt für die Verbrechen der Nazis einen furchtbaren Preis: 4.822 Frankfurter sind im Bombenkrieg ums Leben gekommen, über 22.000 wurden verletzt, 12.701 fielen als Soldaten. Als die Amerikaner einziehen, leben in der Stadt nur noch 230.000 Menschen, die Hälfte davon ist obdachlos: von 177.000 Wohnungen sind 90.000 zerstört. 12,5 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt und zehn zerstörte Brücken bilden das schlimme Erbe des „Tausendjährigen Reiches“.

Aber es ist Ostersonntag, die Sonne scheint, und die Frankfurter glauben wieder an eine Zukunft. Der Leiter der Militärregierung, Oberst Howard D. Criswell, hat Wilhelm Hollbach zum Bürgermeister ernannt und ordnet an: „Die Beamten der Stadtverwaltung haben ihren Dienst sofort wieder aufzunehmen und seinen Weisungen Folge zu leisten.“

„Es war eine Zeitenwende“, sagt Lerch. „Wir Frankfurter Jungs hatten es bald raus: Die einen haben den Amis im IG-Haus die Schuhe geputzt, und mein Freund, der Messdiener, aber auch in der Hitlerjugend war, nahm mich mit zum Gauhaus an der Börsenstraße, wo wir den Amis Zigaretten und Schokolade klauten. Ein Päckchen Tabak habe ich später weiter verkauft und dafür das erste neue Geld bekommen, fünf alliierte Mark. Die Nachkriegszeit beginnt mit Hamsterfahrten und Kohlenklau, Schwarzmarkt und Spruchkammerverfahren, den ersten freien Wahlen seit zwölf Jahren und dem typisch hessischen „Lebbe geht weider!“

ENDE

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