Geschichte

1945: Kriegsende in Hessen – Die furchtbaren Tragödien der Kinder

US-Truppen auf dem Vormarsch ins Herz des Nazi-Reiches: Vor 75 Jahren, im März 1945, endet der Zweite Weltkrieg auch in Hessen. Noch immer fordern NS-Bonzen die Bevölkerung zum Widerstand auf, der längst sinnlos geworden ist. Ein brauner Mob brüllt: „Lasst uns ein Exempel statuieren und den Zahnarzt aufhängen!“

Samstag, 24.März 1945: Im „Gloria“-Filmpalast auf der Kaiserstraße kauft Gustav Lerch für sich und einen Freund Karten für „Der Engel mit dem Saitenspiel“ mit Hans Söhnker. „Der Kassierer wies mich ausdrücklich darauf hin, dass Jugendverbot bestand“, berichtet Lerch in seinem Erinnerungsbuch „Kein Deutscher fällt in die Hände des Feindes“, „doch ich sagte, die Karten wären für meine Eltern.“

Zu jung fürs Kino, aber zum Sterben alt genug: Die Groteske an der Kinokasse ist nur eins von vielen erschütternden Beispielen für den Wahnwitz in Frankfurts letzten Kriegstagen. Der Buchtitel nimmt eine Parole der Machthaber auf: Erst hatten die Nazis verboten, die Stadt zu verlassen – jetzt heißt es auf einmal, die gesamte Zivilbevölkerung werde in das Innere des Reiches in Sicherheit gebracht.

Es ist eine Illusion wie so vieles im letzten Akt der todgeweihten Diktatur. Die spießige Pflichttreue der Hundertfünfzigprozentigen gerade in den lächerlichsten Nebensachen führt immer wieder zu absurden Situationen. „Ehe er mir die Karten gab“, schreibt Lerch, „ermahnte er mich nochmals, dass die Gestapo kontrollieren würde. Doch das berührte mich wenig, und wir sahen diesen wunderschönen Film aus einer Zeit, in der man noch nichts wusste von Lancastern, Halifax, Mosquitos, Fliegenden Festungen, oder Panzerfaust, Panzerschreck und Volkssturm. Kaum hatten wir das Kino verlassen, ertönten schon wieder die Sirenen…“

Es ist wieder ein warmer Frühlingstag mit klarem blauem Himmel. Die Front rückt immer näher, die Menschen in der zerbombten Stadt kämpfen ums Überleben – listig, mutig, manchmal geradezu verwegen. In der Ulmenstraße fährt ein SS-Leutnant morgens mit seinem Panzer vor und schleppt Lebensmittel, erbeutet aus US-Heeresbeständen, in den Keller seiner Eltern.

Ein Volkssturmtrupp marschiert im Chaos sinnlos hin und her, bis ein vernünftiger Hauptmann den Männern „eine Stunde Urlaub“ gibt, damit sie sich absetzen können. Frankfurts Stadtkommandant, Generalmajor Friedrich Stemmermann, erhält den Befehl, die US-Panzerspitzen bei Groß-Gerau unter allen Umständen zu stoppen. Als er zum Main vorfährt, stößt er auf Männer des Landesschützenbataillons und des Volkssturms und schickt sie gleich wieder in die Kaserne zurück: In ihrem hohen Alter, ohne Ausbildung und Ausrüstung haben sie „absolut keinen Kampfwert“.

Andere Truppenführer aber drohen ihren erschöpften, zweifelnden Männern mit Standgericht und Erschießung. Als in der Schäfflerstraße weiße Fahnen aus den Fenstern hängen, macht eine wütende Menge um den Nazi-Ortsgruppenleiter den Dentisten Dr. Steuer verantwortlich: „Lasst uns ein Exempel statuieren und den Zahnarzt aufhängen!“ schreit ein Uniformierter. Doch als ein Offizier warnt, die Amerikaner würden bald hier sein und dann die Schuldigen zur Rechenschaft ziehen, sind die Scharfmacher plötzlich verschwunden.

Vor Frankfurt wird weiter gekämpft. Kurz vor Mitternacht geraten US-Sturmboote auf dem Rhein bei Boppard in heftiges Abwehrfeuer und müssen unter schweren Verlusten umdrehen. In Lohr verlieren die Amerikaner mehrere Panzer, einer kracht durch das Spiegelglas eines Schaufensters.

Es gibt auch friedliche Bilder. In Ibersheim, heute ein Vorort von Worms, beobachtet Edmund Ritscher, damals sieben Jahre alt: „Die Amerikaner bauten sorgfältig einen Gartenzaun ab, den sie mühelos hätten umstoßen können. Und dann fuhren sie quer durch die Gartenbeete.“ Ein anderer Junge sieht „lachende Neger, die ihre Fahrzeuge mit Kinderspielzeug dekoriert haben.“

In Mainz verwandeln sich die Fassaden beim Einmarsch in ein weißes Fahnenmeer, manche Hakenkreuzflagge wird im letzten Moment von der Stange gerissen und durch ein Bettlaken ersetzt. Die versteckten Vorratslager der Wehrmacht werden aufgespürt und geplündert. Kistenweise schleppen die Hungernden Ölsardinen, Schiffszwieback, Marmelade und Tubenkäse davon. Die Schutzpolizei macht sich schlauerweise unsichtbar.

Frankfurt muss auf die Freiheit noch drei Tage warten. Der Wahnsinn der Fanatiker verschuldet erschütternde Tragödien. Die junge Helga Dussling aus der Römerstadt hört einen Befehl, dass sich alle Jugendlichen bei der Hitlerjugend melden sollen. Als sie dort ankommt, sind gerade einige BDM-Mädchen, mit Gewehren bewaffnet, auf einem Lkw zur Front abgefahren. Sie sollen bei Mainz einen Brückenkopf verteidigen. Die BDM-Führerin beschuldigt die zu spät Gekommenen der Sabotage – ein lebensgefährlicher Vorwurf, selbst für Kinder. Da kommt plötzlich die Nachricht, dass die Amerikaner bereits am Flughafen seien. Sofort schickt die BDM-Führerin einen 14jährigen Hitlerjungen mit dem Fahrrad los, um den Lkw zurückzuholen. Zeitzeuge Lerch: „Angeblich soll er erfolglos zurückgekehrt und an einem Baum aufgehängt worden sein.“

Morgen: Heldenmut und Feigheit, Dummheit und Grausamkeit 

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