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1945: Kriegsende in Frankfurt – Der letzte verzweifelte Gegenstoß

Im März 1945 endet der Zweite Weltkrieg auch für Hessen. Die Moral der Bevölkerung ist nach verheerenden Bombenangriffen auf dem Tiefpunkt, doch die NS-Bonzen fordern Widerstand bis zur letzten Patrone. Feldmarschall Albert Kesselring befiehlt sogar den Gegenangriff. An den Wänden zerstörter Häuser stehen Durchhalteparolen: „Wir lassen uns nicht unterkriegen…“

Freitag, 23.März 1945. Die Rheinfront ist zusammengebrochen, US-Panzer rollen auf Frankfurt zu, doch Generalfeldmarschall Albert Kesselring will immer noch nicht aufgeben, im Gegenteil: Erst zwei Wochen zuvor von Hitler persönlich zum Oberbefehlshaber West ernannt, befiehlt er jetzt sogar einen Gegenangriff – und schickt seine Männer direkt in die Katastrophe.

Die Alliierten kennen den Feldmarschall aus verbissenen Rückzugsgefechten in Italien. Sie nennen ihn „Smiling Albert“. Das Urteil der deutschen Historiker klingt nicht so locker: „In Kesselring besaß Hitler eine Garanten für die Einhaltung seiner wahnwitzigen Befehle und Durchhalteparolen“, schreibt der frühere Mainzer Stadtarchivar Heinz Leiwig in seinem Standardwerk „Finale 1945 Rhein-Main“. Seinen Offizieren stellt sich der Feldmarschall als „V3“ vor, als sei er eine neue Vergeltungsrakete. Um den amerikanischen Brückenkopf bei Oppenheim wieder einzudrücken, fährt er persönlich nach Groß-Gerau.

Für seine Truppe ist es ein Himmelfahrtskommando. Generalmajor Walter Runge, Befehlshaber der Rheinverteidigung „Mitte“, kann gerade noch 300 Reserveoffiziersbewerber aus Wiesbaden unter Oberst Gerhard Kentner, sechs Sturmgeschütze und ein Frankfurter Wachregiment aufbieten. Vier Volkssturmbataillone aus Frankfurt fallen schon vor Kampfbeginn aus: Ihr übereifriger Kommandant lässt die Männer mitten im Feuer der US-Artillerie soldatisch vor dem alten Rathaus von Groß-Gerau antreten. Die meisten Soldaten werden von Granaten getötet oder verletzt, bevor sie losmarschieren können.

General Runge macht sich keine Illusionen: „Ich habe nichts mehr zu verlieren“, sagt er zu einem Hauptmann, „grüßen Sie meine Frau und meinen Sohn.“ Dann führt er seine Männer in den Geschoßhagel der amerikanischen Geschütze, Panzer und Tiefflieger.

Um Mitternacht greifen die Deutschen das Städtchen Trebur an. Dort haben sich zwei US-Bataillone verschanzt. „Der Kampf war kurz und verlustreich“, schildert einer der Offiziersschüler, Unteroffizier Röder aus Luxemburg. Er sieht seine besten Freunde fallen, ehe Oberst Kentner den sinnlosen Angriff abbläst. Die Geschlagenen nehmen ihre Verwundeten und Toten mit und werden in der allgemeinen Verwirrung auch noch von eigenen Panzern beschossen.

Es ist der letzte verzweifelte Gegenstoß der Verteidiger von Frankfurt. Nach seinem Scheitern ist der Weg in die Stadt frei. Eine ganze Region versucht zu fliehen: „Durch Oberhessen bewegte sich ein Strom von Parteifunktionären und Soldaten“, schildert Richard Falck, damals Oberregierungsrat der hessischen Landesregierung, die sich aus Darmstadt absetzt. „Überall an den Straßenrändern Wracks, durch Flieger zusammengeschossene Kraftfahrzeuge und Bauernfuhrwerke … flüchtende Zivilbevölkerung in Autos, auf Fahrrädern, auf Pferdefuhrwerken und zu Fuß … Der Vormarsch der Amerikaner ging unaufhaltsam weiter.“

Noch aber haben die Nazis Frankfurt unter Kontrolle: „Zum Schutz der Heimat bereit – Trotz Granaten und Jabos an der Arbeit!“ rühmt eine Schlagzeile der „Rhein-Mainischen Zeitung“ den Volkssturm. An den Häuserwänden prahlen die Graffiti des Regimes: „Lieber tot als Sklave!“ – „Wir sind härter als der Terror!“ – „Wir lassen uns nicht unterkriegen, wir werden und wir müssen siegen!“

Hinter den Durchhalteparolen lauert die Fratze der Gewalt. Ein Kellner und ein Zimmermädchen, ein Liebespaar mit einem Kind, lassen aus einem Garten einen Koffer mitgehen – ein Standgericht verurteilt den Mann wegen Plünderns zum Tode, die junge Mutter bekommt 15 Monate Gefängnis.

Frankfurt sieht viele Tragödien in diesen Tagen. Ein italienischer Zwangsarbeiter, siebenfachen Familienvater, wird erschossen, weil er auf dem Marsch ein wenig Verpflegung nimmt. Ein Förster will eine Amsel retten, die in einem Gebüsch zappelt, und zündet dabei versehentlich eine Phosphorgranate, die ihm fürchterliche Verbrennungen zufügt.

Die Überlebenden des Angriffs auf Trebur stellen sich im Frankfurter Wald noch einmal dem haushoch überlegenen Gegner und schlagen sich dann nach Norden durch. Im Taunus leisten die abgekämpften Deutschen der 76.US-Division heftigen Widerstand.

Am 1.April geht der klägliche Rest der Kampfgruppe Kentner bei Gießen in Gefangenschaft. General Runge ist da schon lange tot: Noch in der Nacht des letzten Gefechts trifft ihn auf der Straße nach Nauheim ein Granatsplitter.

Morgen: US-Truppen auf dem Vormarsch nach Frankfurt

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