Geschichte

1945 Kriegsende an Rhein und Ruhr (7) „Ein Feldmarschall geht nicht in Gefangenschaft“

16.April 1945

Am frühen Morgen lässt sich Generalfeldmarschall Walter Model, seit September 1944 Kommandeur der Heeresgruppe B, über die Lage informieren. Sie ist aussichtslos: Der Ruhrkessel besteht nur noch aus ein paar Quadratkilometern um Düsseldorf, in dem ein letztes Häuflein deutscher Soldaten kämpft.

„Haben wir alles getan, um vor der Geschichte zu bestehen?“ fragt Model seinen Stabschef. „Was bleibt einem geschlagenen Feldherrn dann noch zu tun?“ Die Antwort gibt er selbst: „Im Altertum nahmen sie Gift.“

Der 53 Jahre alte Karriereoffizier hat ein Panzerkorps bis kurz vor Moskau geführt, sich beim Rückzug aus Russland als „Meister der Defensive“ erwiesen, die britische Luftlandung bei Arnheim abgewehrt und in den Ardennen Hitlers letzten Angriff mitgemacht. Das Ruhrgebiet, die Rüstungsschmiede des Reiches, kann er nicht retten: Seine Truppen sind zerschlagen, entwaffnet, gefangengenommen. Sein wichtigster Gegenspieler, der US-General Omar N. Bradley, verspricht dem Soldaten, der ihm Model lebendig bringt, einen hohen Orden.

Viele deutsche Soldaten versuchen, sich durch die feindlichen Linien nach Hause durchzuschlagen. Auf dem Friedhof in Ramsbeck begräbt ein Unteroffizier seinen gefallenen Regimentskommandeur und sagt Dorfbewohnern: „Wir werden wohl die letzten deutschen Soldaten sein, die Sie jemals zu Gesicht bekommen werden.“ In Olpe erklärt ein amerikanischer Kampfkommandant den Besiegten, nie wieder würden Deutsche Uniform tragen, auch nicht Post- oder Bahnbeamte.

Auch Model schlüpft mit einer Handvoll Männer durch die amerikanischen Linien. In einem Waldgebiet zwischen Haan und Hilden wartet er auf das Ende. Ein US-Parlamentär hat ihm kurz zuvor einen Brief überbracht: „Denken Sie an die Soldatenehre, an den Ruf des deutschen Offizierskorps, denken Sie an die Zukunft Ihrer Nation und legen Sie die Waffen nieder. Die deutschen Menschenleben, die Sie dadurch retten, wird Ihr Land dringend brauchen, um seinen würdigen Platz in der Gesellschaft der Völker wieder einzunehmen.“

Im Radio beschimpft Propagandaminister Goebbels die “verräterische Ruhrarmee“. In diesem Moment erst, glaubt Models junger Generalstabsmajor Winrich Behr, sei dem vielbewunderten Feldmarschall klar geworden, „wem er gedient, wer Deutschland verdorben hatte“.

Model kennt aber auch die Rundfunkmeldung der Engländer, dass sich alle höheren deutschen Offiziere vor dem Kriegsgericht zu verantworten hätten. Nach der Kapitulation des Feldmarschalls Paulus in Stalingrad hat Model zu seinem Sohn gesagt: „Ein Feldmarschall geht nicht in Gefangenschaft. So etwas gibt es einfach nicht!“ Am Nachmittag des 21.April erschießt er sich mit seiner Pistole.

Die Kapitulationsverhandlungen führt Generalleutnant Fritz Bayerlein, der 1.US-Armee ebenfalls bestens bekannt: Er hat gegen sie in Tunesien, in der Normandie, in den Ardennen und am Brückenkopf in Remagen gekämpft. Am 16.April ergibt er sich bei Menden mit seinem Korps, darunter der 116.Panzerdivision, die keinen einzigen Panzer mehr hat – und der ein US-Generalstabsoffizier bescheinigt: „Die uns seit langem bekannte 116.Panzerdivision hat immer heldenhaft, sehr hart, aber fair und bis zum letzten Augenblick ehrenvoll gekämpft.“

„Im Raum Erwitte-Schmerlecke hatte ich einen zivilen Horch übernommen“, erinnert sich Major Gerhard Tebbe, Führer einer Panzerabteilung, „mit dem fuhr ich dann ‚vornehm’ bei Menden auf die Kapitulationswiese. Mein Fahrer, Leutnant Vettermann, in weißen Handschuhen. Dieses ist dann auch von den Amerikanern gefilmt worden.“

Bald aber filmen die Sieger ganz anderes: erst bei Warstein, später auch an anderen Orten führen Einwohner sie zu den Massengräbern Hunderter von SS-Henkern wahllos erschossener Zwangsarbeiter. Immer mehr KZs werden entdeckt, und Stück für Stück enthüllen sich auch für viele ahnungslose Deutschen die Verbrechen Hitlers und seiner Helfer, unter denen auch Soldaten waren. Die deutsche Waffenehre, von der in den letzten Kriegstagen im Ruhrkessel so oft gesprochen wird, ist für immer befleckt, kein noch so ergreifendes Zeugnis von Treue und Tapferkeit wäscht sie wieder rein.

Im Juni 1946 listet die westfälische Provinzial-Regierung die Opfer im Zweiten Weltkrieg auf: 300.000 Westfalen fielen auf den Schlachtfeldern, 200.000 kehrten als Krüppel heim, 10.285 verloren ein Bein, 5130 einen Arm, 901 Arm und Bein, 417 das Augenlicht. 36.676 Männer, Frauen und Kinder wurden im Bombenhagel getötet, 454.000 Wohnungen zerstört, 346 Kirchen vernichtet, 20.502 Juden vertrieben und ermordet, 103 Synagogen geschändet. 12.177 Westfalen wurden Insassen von Konzentrationslagern und endeten durch Genickschuss und Folterqualen, 272 Geistliche wurden zu Märtyrern und 341 Familien erhielten die Totenasche ihrer Lieben aus dem KZ zugesandt.

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