Geschichte

1945 Kriegsende an Rhein und Ruhr (6) „Die wahre Hausfrau ist nicht totzukriegen“

Ostermontag, 2.April 1945: „Abends um 6 Uhr erscheinen feindliche Flieger und greifen an. Um 10 Uhr hört man den ersten Geschützdonner. Die Nacht ist von dem Mündungsfeuer und den Bränden der südlichen Dörfer taghell erleuchtet.“

3.April: „Abends um 9.15 Uhr schlägt die erste feindliche Granate ein. Es gibt Tote und Verwundete unter den Soldaten. Das Heulen der Granaten, das Krepieren der Geschosse, das grausige Echo erfüllen Berg und Tal.“

4.April: „Morgens um 8.30 Uhr setzt ein Feuer aus allen Rohren ein. Ein höllisches Orgeln, Sausen und Pfeifen und gewaltige Detonationen erfülle die Luft. Verängstigt sitzt die Bevölkerung in den Kellern.“

5.April. „Amerikanische Geschütze fahren auf und eröffnen das Feuer. Karl Schmidt, der die Hebamme holen wollte, wird von einem amerikanischen Soldaten angeschossen und stirbt an einem Bauchschuss…“

Am Beispiel des Dorfes Niedersfeld im Hochsauerland schildert der Historiker Hugo Cramer („Der Landkreis Brilon im Zweiten Weltkrieg“) exemplarisch die Härte der Gefechte um die Städte und Dörfer im Süden Westfalens: Zwar stehen der übermächtigen 1.US-Armee nur noch wenige, abgekämpfte deutsche Divisionen im Weg, doch mit seinen dichten Wäldern, engen, gewundenen Tälern, tiefen und schnell strömenden Flüssen ist das Gelände ideal für die Verzögerung und Verteidigung durch kleinere oder versprengte Truppenteile.

Die Amerikaner wenden immer die gleiche Taktik an: Erst versuchen sie, den Widerstand wegzubomben – gelingt das nicht, tritt die US-Infanterie zum Sturmangriff an. Zeitzeugnisse lassen das Inferno nachempfinden: „Es entwickelt sich ein erbitterter Straßen- und Häuserkampf“, berichtet Prof. Albert Huyskens („Der Kreis Meschede unter der Feuerwalze des II.Weltkrieges“) aus Oberkirchen, „Panzer kämpft gegen Panzer, Mann gegen Mann. Pfützen von Blut stehen auf den Wegen, Tote liegen auf der Straße, und Panzer rollen darüber hinweg.“

Der Krieg kennt grelle Kontraste: In Schmallenberg treiben US-Soldaten die Bewohner durchkämmter Häuser in die Kirche – dort sitzen schon andere G.I.s am Beichtstuhl vor einem Feuerchen und kochen sich Kaffee. In Olpe spüren die Sieger ein Spirituosenlager auf, betrinken sich zusammen mit befreiten Ausländern und deutschem Pöbel und fallen dann über Mädchen und Frauen her – kurz darauf erscheint der alliierte Oberkommandierende Dwight D.Eisenhower zum Mittagessen mit anderen hohen Offizieren.

Besonders skurril: Die deutschen „Nachrichten für die Truppe“ vom 5.April melden „Alliierte marschieren auf Weimar und Leipzig“ und aus Buchenwald „5000 KZ-Häftlinge brechen aus“ – und drucken auf der gleichen Seite das Bild einer nackten Blondine, die das Deck eines Segelbootes feudelt. Text: „Die wahre Hausfrau ist nicht totzukriegen, / Sie schrubbt und bohnert, dass die Lappen fliegen. / Sie scheuert intensiv nach allen Regeln, / Bis jeder Winkel vorschriftsmäßig blitzt: / Sie tut es, wenn sie auf dem Trocknen sitzt, / Sie tut es ebenso beim Segeln.“

Es ist Irrwitz im Chaos. Hauptmann Richard Pohl, Kommandeur der Panzerbrigade 106 „Feldherrnhalle“, wird in Hellefeld von einer Granate schwer verletzt, seine linke Schulter wird fortgerissen, er kann die Knochen seiner Achselpfanne sehen. Befehle brüllend, lenkt er seinen Fahrer durch die Pulverfontänen, bis er es trotz großen Blutverlusts eine Stunde später tatsächlich zum 30 Kilometer entfernten Standortlazarett geschafft hat: „Langsam gehe ich die Treppen hoch, bis rechts zwei Türen kommen: OP. Kurz geklopft und hinein! Da standen nun vier Ärzte an zwei Tischen, operierten sehr intensiv und ohne aufzusehen. Ich salutierte, und schon fragte der Oberstabsarzt: ‚Was wollen Sie?’ – ‚Ich möchte verbunden werden.’ – ‚Dann warten Sie bitte draußen!’ – ‚Danke’, knurrte ich ihn an, salutierte und ging. Da sah er wohl im Umwenden meinen Rücken: ‚Kommen Sie her, Sie müssen sofort auf den Tisch!’ Im Handumdrehen wird ein dritter Tisch hereingeschoben, schon senkt sich die Evipannadel tief in den Arm, und im herrlichen Gefühl des Geborgenseins versinkt mein Bewusstsein in ein stilles Traumland…“

Im fast völlig zerstörten Dorf Niedersfeld treiben die Sieger später 120.000 deutsche Kriegsgefangene aus dem ganzen Sauerland auf einem Bauernhof zusammen. „Kopf an Kopf standen die Menschen“, schreibt Cramer. „Ein grausiges Kriegsbild! Im Hintergrund die brennenden und schwelenden Häuser. Im Garten die Toten: Amerikaner in Khaki, die Deutschen in weißen Säcken.“

Morgen: Die Kapitulation: „Ein Feldmarschall geht nicht in Gefangenschaft!“

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