Geschichte

1945 Kriegsende an Rhein und Ruhr (5) Der letzte Sieg der Tiger

12.April 1945

„Alles auf der Höhe in Stellung gehen!“ befiehlt Hauptmann Albert Ernst, Kommandeur einer letzten deutschen Kampfgruppe, am Bismarckturm südlich von Unna. Auf der Reichsstraße 1 rollt eine lange US-Kolonne in Richtung Dortmund, eine zweite fährt auf der Reichsstraße 233 direkt auf die Deutschen zu. Als sie in Schussweite kommt, feuert die Kampfgruppe aus halber Hinterhangstellung los: vier Jagdtiger, vier Sturmgeschütze, drei Panzer IV und vier 3,7-cm-Vierlingsflaks.

Die Jagdtiger sind besonders gefürchtet: fast 80 Tonnen, sechs Mann Besatzung, die 12,8-cm-Kanone trifft noch in vier Kilometern Entfernung tödlich. 50 US-Fahrzeuge, davon elf Sherman-Panzer, bleiben brennend liegen.

Sofort setzen die Amerikaner Jagdbomber ein. Die Flak holt einige vom Himmel, dann wird sie ausgeschaltet, ebenso wie zwei Jagdtiger. „Langsam absetzen!“ befiehlt der Hauptmann. Der Gegner kann nicht mehr folgen…

Das Gefecht vom 12.April 1945 ist der letzte größere Gegenstoß deutscher Truppen im Ruhrkessel – oder was davon noch übrig ist: Am Tag zuvor haben die Amerikaner den westlichen Teil eingedrückt und in wenigen Stunden Mülheim, Oberhausen und Bochum erobert. Am nächsten Morgen rücken die Amerikaner auch in Duisburg ein. Sie entwaffnen die Polizisten im Präsidium und reservieren 80 Betten im „Duisburger Hof“. Ihre friedliche, höfliche Art weckt gleich Vertrauen: In den Stadtwerken bleiben die jüngeren Arbeiter auf dem Posten und sichern die Versorgung mit Wasser und Strom.

Duisburg ist wie viele andere Städte im Ruhrgebiet schwer zerstört: Am 14. und 15. Oktober 1944 haben innerhalb von 20 Stunden über 2000 Flugzeuge 9000 Tonnen Bomben abgeworfen. In dem Inferno kamen 3000 Menschen um. Jetzt machen die Überlebenden sich an den Wiederaufbau ihrer Stadt.

In Gelsenkirchen erhält Oberst Erich Vorwerck den schriftlichen Führerbefehl, die Zechen „Unser Fritz“ und „Wilhelmine Victoria“ sowie die Gutehoffnungshütte „für alle Zeiten unbrauchbar zu machen“. Gauleiter Dr. Alfred Meyer erscheint mit großem Gefolge und droht mit „schwersten Strafen“.

Doch der Oberst antwortet, in diesem Abschnitt führe nur einer, und der führe den Kampf gegen den Feind. Er fordert den Gauleiter auf, den Gefechtsstand sofort zu verlassen, weil er sonst durch den Eingreifzug des Regiments hinausgeworfen würde: Fallschirmjäger mit Springerabzeichen und Gedenkbändern. Der Historiker Willi Mues in seinem Buch „Der große Kessel“: „Es darf spätere Generationen mit Genugtuung erfüllen, zu wissen, dass Oberst Vorwerck als aktiver Oberst in die Bundeswehr übernommen worden ist.“

Der Kampf um die Rüstungsschmiede des Reiches ist längst sinnlos geworden, die Übermacht der Alliierten erdrückend: „Heute Mittag zog der sogenannte Volkssturm ab“, schildert ein Augenzeugenbericht aus dem Stadtarchiv Gelsenkirchen, „vier Mann, ein Gewehr; das soll es schaffen! Die meisten Männer waren Fußkranke in allen möglichen Kleidungen. Um 1 Uhr kamen viele Amerikaner in unsere Häuser, um auszuruhen. Auf dem Küchensofa lag einer von zwanzig Jahren. Wir unterhielten uns gut im Eichsfelder Platt. Die Besatzung sind Hünen von Schwarzen. Und die Nazis wollten bei diesen stämmigen Menschen mit guter Ausrüstung noch siegen!“

Die US-Kampftruppen stoßen weiter ins Sauer- und Siegerland vor. Auch die Jagdtiger können sie nicht mehr aufhalten. Hauptmann Ernst übernimmt den Oberbefehl im Städtchen Hemer bei Iserlohn und funkt seinem Oberbefehlshaber: „Bitte Hemer als Lazarettstadt übergeben! Kampfwert der deutschen Truppen ist null und nichtig. Hemer ist unzerstört. 30.000 Russen sind ohne Bewachung im Lager.“

Als der Oberbefehlshaber nicht antwortet, übergibt Ernst die Stadt auf eigene Faust. Im nahen Iserlohn wollen Stabsoffiziere immer noch weitermachen. Der Hauptmann fährt im Panzerspähwagen vor und sagt zu dem General: „Sie sind nicht nur zum Leben geboren, und wir nicht nur zum Sterben, bitte nehmen Sie ein Gewehr, verteidigen Sie die Stadt!“ Doch der sucht lieber das Weite. Da reißt der Hauptmann die Führung an sich und fährt selbst zu den Amerikanern. Der US-Oberst lehnt erst ab, fragt dann aber verblüfft: „Sind Sie Herr Ernst?“ – „Jawohl, der bin ich.“ – „Dann gebe ich Ihnen Waffenruhe.“

Die Rettung gelingt. Ernst führt die letzten drei Jagdtiger auf den Marktplatz und übergibt sie den Siegern. Die Bevölkerung steht Spalier. Der US-Oberst bietet dem Hauptmann die sofortige Freilassung an, doch Ernst lehnt ab: „Wer sechs Jahre mit seinen Männern einen Weg ging, fürchtet sich nicht vor dem Letzten.“

Morgen: Die Kämpfe im Sieger- und Sauerland

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