Geschichte

1945 Kriegsende an Rhein und Ruhr (4) Die Nonne auf dem Fahrrad

13.April 1945

„Wir gehen in die Saarlandstraße. Da sehen wir drei amerikanische Soldaten. Ich schäme mich nicht, es zu sagen: Mir steigen die Tränen in die Augen. Endlich sind wir erlöst aus furchtbarer Qual!“

So schildert eine Dortmunderin die Eroberung ihrer Stadt am 13.April. Es ist die fünftgrößte Stadt, die bis dahin von den Alliierten eingenommen ist – und ein Ruinenfeld: Schon 1942 und 1943 haben verheerende Luftangriffe die Stadt getroffen. Die schlimmsten Verwüstungen aber richtet die Royal Airforce am 12.März 1945 an: 1107 Flugzeuge klinken 4851 Tonnen Bomben aus.

Kurz danach ist Dortmund eingeschlossen. Die Verteidiger wehren mehrere Großangriffe ab, doch am 13.April erobert die 95.US-Infanteriedivision die Stadt nach schweren Straßenkämpfen.

Zwei Drittel der Wohnungen sind vernichtet, viele Menschen hausen in Trümmern, und doch sind die Menschen froh: „Der schreckliche Druck weicht von uns“, berichtet die Zeitzeugin, „wir haben den Krieg überstanden. Zum ersten Mal laufen wir wieder durch die Straßen mit der Gewissheit, dass keine Bomben fallen.“

Der Sieg der Alliierten gelingt gegen einen ungleichen Gegner: Die deutschen Truppen sind ausgedünnt, zermürbt, fertig, sehen keine Chance mehr, wollen nur das nackte Leben retten. Manchmal heben Hunderte Landser, zerlumpt, unbewaffnet und halb verhungert, vor einem einzigen G.I. die Hände. Die Bilanz der 95.US-Division während der Ruhrkampagne spricht Bände: 1034 Deutsche getötet, 1365 verwundet, 12.836 gefangengenommen – eigene Verluste: 55 Tote, 352 Verwundete, zwölf Vermisste.

Trotzdem ist die amerikanische Führung nicht froh: Ihr gefährlichster Gegner, Generalfeldmarschall Walter Model, Kommandeur der Heeresgruppe B und berühmt für seine Führerschaft an der Ostfront, ist in letzter Sekunde mit einem Flugzeug entkommen. Die Amerikaner wissen: So lange der hoch angesehene Truppenführer lebt, wird er die Wankenden wieder zum Kampf motivieren und keine Kapitulationsverhandlungen zulassen.

Essen ist zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen: In der Nacht zum 6.April setzen amerikanische Spitzenverbände über den Rhein-Herne-Kanal. Am 9.April erreichen sie die Ruhr und spalten den Kessel in zwei Teile. US-Truppen dringen in Gelsenkirchen, am nächsten Tag in Bochum und Essen ein. Letzte deutsche Fallschirmjäger weichen hinhaltend nach Süden aus – sie wollen die erschöpften Menschen in den zerbombten Großstädten nicht in Häuserkämpfe verwickeln: Erst ein paar Tage zuvor, am 11.März, wurde Essen durch den furchtbarsten Sprengbombenangriffs des gesamten Zweiten Weltkrieges fast völlig zerstört.

Nach Hitlers berüchtigtem „Nero-Befehl“ soll dem Feind nur verbrannte Erde bleiben. Nazi-Funktionäre wollen die Schachtlange der Zeche Zollverein sprengen, doch mutige Arbeiter verhindern die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage.

Im Rathaus von Gelsenkirchen verhaften die Sieger alle Männer und nehmen ihnen Uhren und Eheringe ab. In der Essener Innenstadt räumen plündernde Fremdarbeiter einen Weinkeller aus, und es kommt zu wüsten Szenen. Aber es gibt auch heitere Bilder. In seiner Broschüre „Die Amis kommen“ hat Hans Peukert einen Bericht von Frau Maria Gensty aus Essen-Rellingen festgehalten:

„Dann kamen die Amis wirklich aus Richtung Steele die Frankenstraße herauf. An beiden Seiten der Fahrbahn die Infanteristen, in Gefechtsreihe, das Gewehr schussbereit, in jedes Kellerloch und Fenster spähend. Dazwischen Panzer und vollbesetzte Panzerspähwagen. Die Kolonne kam uns unendlich lang vor. Plötzlich tauchte ein unfassbares Bild auf: Bei dieser Situation traute sich doch keiner auf die Straße! Und doch: Mitten über die Frankenstraße radelte unsere Dorfschwester Bona Gratia, zu beiden Seiten flankiert von marschierenden Amerikanern! Zu einer Kranken gerufen, gab es für sie keinen Aufschub, kein Bedenken und keine Angst. Auf ihrer Tagesordnung stand nicht das Kriegselend, sondern Caritas, Nächstenliebe, Dienst am Mitmenschen.“

 

Und die Amerikaner? „Sie waren so verblüfft, dass sie die tapfere Nonne weiterradeln ließen. Unvergesslich bleibt mir der Kontrast zwischen der kleinen radfahrenden Nonne und der Unzahl marschierender Soldaten und rasselnder Panzer.“

Morgen: Vier Mann und ein Gewehr. Duisburg, Mülheim, Oberhausen

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