Geschichte

1945 Kriegsende an Rhein und Ruhr (3) Die Kanone zielte auf den Altar

1.April 1945

In einem Sturmlauf ohnegleichen stoßen die Kolonnen der 3.US-Panzerdivision in den letzten Kriegstagen über Brilon in Richtung Paderborn vor. Kommandeur ist US-Generalmajor Maurice Rose, Sohn eines Rabbi. Doch vor der alten Bischofsstadt treffen die Amerikaner, so eine US-Zeitung, auf den stärksten Widerstand seit der Brücke von Remagen: Hitler wirft die SS-Ausbildungsverbände vom Truppenübungsplatz Sennelager in den Kampf, und nun fallen auch immer mehr Amerikaner:

In Kirchborchen feuern 200 SS-Männer und Hitlerjungen aus jedem Fenster und Kellerloch mit Panzerfäusten. Die US-Soldaten nennen das Städtchen, das sie nur unter großen Verlusten erobern, „Bazooka-Town“.

Bei Nordborchen schießen deutsche „Tiger“ Dutzende US-Panzer ab. General Rose muss sich in seinem Jeep ergeben. Als der deutsche Panzerkommandant ihm vom Turm aus etwas zuruft, glaubt Rose, er solle seine Pistole überreichen, und knöpft die Tasche auf. Da rattert eine Maschinenpistole los, und der General stürzt tot zu Boden: Der nervöse Panzerkommandant hat die Bewegung missverstanden.

Die Nazi-Propaganda behauptete später, der „Judengeneral“ sei vom „Werwolf“ erschossen worden. In Wirklichkeit hat der „Tiger“-Kommandant gar nicht gemerkt, dass sein Gegenüber ein General war.

Die alliierte Übermacht drängt die deutschen Truppen zurück. Am Ostersonntag vor 75 Jahren notiert Generalleutnant Hermann Flöke: „Über das frühlingsahnende Land klangen die wenigen noch verblieben Glocken. Die Bevölkerung stand treu zum deutschen Soldaten, zeigte volles Verständnis für seine schwere Pflicht. Manche Hausfrau buk für ihre Soldaten Kuchen, mancher Hausvater holte den letzten Schinken aus dem Rauchfang und die letzte Flasche aus dem Keller, um still einen schweren Abschied zu begehen, den Abschied vom deutschen Soldaten…“

In der Krypta des Doms zu Paderborn feiern Fromme am frühen Ostermorgen eine Auferstehungsmesse, während oben Maschinengewehrfeuer durch die Ruinen peitscht. Um 15.30 Uhr schließen US-Panzer in Lippstadt die letzte Lücke, und 350.000 deutsche Soldaten sitzen, so die US-Armeezeitung „Stars and Stripes“, in der „Ruhrfalle“.

Die Deutschen sprechen dagegen von der „Ruhrfestung“ um Duisburg, Essen, Dortmund und Siegen bis Siegburg, Durchmesser 120 Kilometer, darin Verpflegung für drei bis vier Wochen, viel Fliegerbenzin und Rohöl, und Munition wird nachts eingeflogen.

In den nächsten 17 Tagen wird der Kessel Kilometer für Kilometer eingedrückt. Überall drängt die Bevölkerung ihre Soldaten, nicht mehr weiterzukämpfen. Sinnlose Befehle und durchschaubar verlogene Durchhalteparolen lassen auch immer mehr Offiziere überlaufen.

Den Gefechten folgt das Chaos: Im Rathaus von Büren hausen die Amerikaner wie die Vandalen, setzen sogar ihre Notdurft in die Ecken. In Lippstadt plündern Ausländer und befreite Zuchthäusler das Postamt und machen sich mit Schweißbrennern über die Geldschränke her.

Es gibt auch rührende Szenen: Als Pfarrvikar Hermann Bieker auf dem Gesselner Bauernhof Güllenstern in einer Scheune die Ostermesse liest, rasseln plötzlich Panzerketten, und ein Kanonenrohr schiebt sich durch das Tor. Der Geistliche wagt kaum aufzublicken, macht aber weiter. Nach dem „Agnus Dei“ dreht er sich um und sieht „den Panzer mächtig im Tenneneingang stehen, das Rohr auf den Altar gerichtet, die kniende Gemeinde – und hinter ihnen mit entblößtem Haupt die Besatzung des amerikanischen Panzers, kniend vor dem Gott der Sieger und Besiegten.“

In Horn fallen trotz weißer Fahnen Schüsse. Die wütenden Amerikaner wollen das Dorf deshalb am nächsten Tag einäschern. Darauf stellen sich drei Bürger, darunter der Gemeindevertreter, als Geiseln. Der US-Kommandant droht ihnen: „Fällt diese Nacht auch nur ein Schuss, werden Sie erschossen!“ Auf Stühlen verbringen die drei die längsten Stunden ihres Lebens. Am Morgen sagt der Amerikaner zu den Hornern: „Sie haben einen guten Bürgermeister. Wenn er nicht in dieser Nacht an meinem Bett gewesen wäre, stünde Horn jetzt nicht mehr.“

Am 7.April erobern die Amerikaner nach drei Tagen schwerster Straßenkämpfe die schon vorher durch Bomben schwer zerstörte Stadt Hamm. Der Weg entlang der Ruhr ins Herz der deutschen Rüstung ist frei.

Morgen: Der Endkampf um das Ruhrgebiet

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